BMI-Messung zu ungenau – viele Kinder werden nicht als „dick“ erkannt

BMI zu ungenau
Forscher fanden heraus, dass die Berechnung des Body-Mass-Index (BMI) bei Kindern keine genauen Ergebnisse liefert © Fotolia

Viele Kinder mit einem zu hohen Anteil an Körperfett werden durch die herkömmliche Messung des Body-Mass-Index (BMI) nicht als übergewichtig erkannt. Das zeigt eine aktuelle Studie aus den USA. Die Mediziner sehen darin eine Langzeitgefahr für die Kinder. Schon länger ist das BMI-Verfahren in der Kritik, da es als zu ungenau gilt.

Das weit verbreitete BMI-Messverfahren zeigt die größte Ungenauigkeit bei Kindern. Rund 25 Prozent der Kinder, die aufgrund eines zu hohen Anteils an Körperfett aus medizinischer Sicht als übergewichtig gelten müssten, werden durch den üblichen BMI-Rechner nicht erkannt. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Meta-Studie des Children’s Center der Mayo Kliniken in Minnesota.

Schuld an der Ungenauigkeit des BMI-Rechners ist ein zu undifferenziertes und verallgemeinertes Messverfahren. Konkret besaßen Kinder, die nach der BMI-Rechnung als „übergewichtig“ eingestuft wurden, tatsächlich in der Regel einen zu hohen Anteil an Körperfett. Umgekehrt wurden aber bei jeder vierten BMI-Messung Kinder, deren Anteil an Körperfett zu hoch war, nach BMI-Maßgaben als „normal“ und nicht als übergewichtig bewertet.

 

„Falsches Gefühl von Sicherheit“

Die Forscher sehen bei Kindern, deren Übergewicht nicht rechtzeitig erkannt wird, eine erhöhte Gefahr für gesundheitliche Langzeitfolgen – wie z.B. Diabetes oder Herz- und Kreislauferkrankungen. Die Folge wäre demnach ein „falsches Gefühl von Sicherheit“ bei den betroffenen Kindern und deren Eltern, sodass das Übergewicht nicht bei den alltäglichen Ernährungs- oder Bewegungsgewohnheiten berücksichtigt werden könnte.

Für die Studie werteten die Wissenschaftler 37 Einzelstudien mit den Daten von über 53.000 Patienten zwischen dem vierten und 18. Lebensjahr aus. Es ist die erste systematische Untersuchung, um die diagnostische Genauigkeit der BMI-Messung zu beurteilen.

 

Die Studie bestätigt vorhandene Ergebnisse

Die Frage nach der Genauigkeit der BMI-Messung ist schon länger Gegenstand der Wissenschaft. Die zur Ermittlung des Body-Mass-Indexes verwendete Formel "Gewicht durch Körpergröße in Metern zum Quadrat" kann nach heute herrschender Meinung nur sehr unpräzise eine Aussage darüber treffen, ob aus medizinischer Sicht ein möglicherweise ungesunder Körperfettanteil vorhanden ist. Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) bewiesen schon 2010 in einer breit angelegten Studie, dass „der BMI keine Rolle für das Schlaganfall-, Herzinfarkt- oder Todesrisiko eines Menschen spielt" und folglich auch nicht als Indikator zur Bestimmung eines solchen Risikos herangezogen werden kann.

Eine Schwäche des BMI-Verfahrens ist z.B. die mangelnde Berücksichtigung des Verhältnisses von Fett und Muskulatur im Körper. Das Körpergewicht eines Menschen sagt eben nicht nur etwas über den Fettanteil im Körper aus. Paradoxer Weise werden deswegen gerade sehr sportliche Menschen – oder einfach breiter gebaute Menschen – durch die Angaben des BMI-Indexes schnell als übergewichtig eingestuft. Bei der Bestimmung des BMI für junge oder ältere Menschen zeigen sich ebenso methodische Schwächen, wie bei der Bestimmung von besonders großen oder kleinen Menschen und führen daher zu ungenauen Ergebnissen.

Ein weiterer Kritikpunkt, der auf aktuelle Forschungsergebnisse der „Tulip-Studie“ der Universitätsklinik in Tübingen zurückgeht, ist, dass nicht jeder Mensch, der einfach nach Maßgaben des BMI-Rechners zu viel wiegt, gesundheitlich gefährdet ist. Nach Aussagen der Forscher aus Tübingen verfügen rund 30 Prozent der als fettleibig eingestuften Menschen über einen komplett gesunden Stoffwechsel und besitzen kein größeres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen als Normalgewichtige.

BMI zu ungenau
Das BMI-Verfahren zur Bestimmung von Übergewicht steht schon länger in der Kritik. Das sogenannte "Waist-to-hip-ratio" (WHR) Verfahren verspricht aus medizinischer Sicht präzisere Ergebnisse© Fotolia
 

Welche alternativen Verfahren eignen sich?

In Abgrenzung zur Messung des Body-Mass-Index setzt sich vor allem in Fachkreisen immer mehr die sogenannte Waist-to-hip-ratio (WHR) – zu Deutsch: das Taille-Hüft-Verhältnis – durch. In Zentimeter gemessen wird dabei der Taillenumfang durch den Hüftumfang geteilt. Mediziner und Gesundheitsexperten ziehen diesen Maß-Index vor, da er konkretere Rückschlüsse auf gesundheitliche Risiken, wie Herz-Kreislauferkrankungen, zulässt. Denn je höher der Taille-Hüft-Quotient, desto mehr Körperfett befindet sich in den Bauch- und Hüftbereichen – Körperregionen, wo ein Fettüberschuss die größten Gesundheitsgefahren birgt.

Gemessen wird der Taillenumfang übrigens auf Höhe des Bauchnabels. Den Wert des Hüftumfangs entnimmt man am Gesäß an der weitesten Stelle. Um nach diesem Index aus medizinischer Perspektive nicht als übergewichtig zu gelten, sollte der WHR-Quotient einer Frau nicht den Wert von 0,85 überschreiten, bei Männern nicht den Wert von 1,0.

Hamburg, 25. Juni 2014

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