Blutwäsche bei Long COVID: Umstrittene Corona-Therapie

Dr. Eckart von Hirschhausen wirbt in einem aktuellen ARD-Beitrag für Blutwäsche als Corona-Therapie bei Long COVID. Doch die Methode ist umstritten. Nun hagelt es harte Kritik. Hilft die Blutwäsche bei Long-COVID-Beschwerden oder nicht?

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Einer von zehn Corona-Patient:innen leidet auch nach der akuten Erkrankung noch an Symptomen wie Erschöpfung oder Konzentrationsstörungen. Einer Studie der Universität Tübingen zufolge kämpfen unter den ambulant im Krankenhaus behandelten Corona-Patient:innen sogar 46 Prozent auch zwölf Wochen nach der Infektion noch mit den Folgen. Dazu gehören Kurzatmigkeit, Müdigkeit, Gedächtnisstörungen, Herzmuskelentzündung, Diabetes mellitus oder Thromboembolien.

Eine Blutwäsche-Therapie scheint gegen diese Long-COVID-Folgen helfen zu können. Um das zu beweisen, ging Fernsehmoderator und Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen einen ungewöhnlichen Weg.

Hirschhausen demonstriert Blutwäsche in der ARD

Für die ARD-Sendung "Long COVID – die Pandemie der Unbehandelten" ließ sich der Moderator einer Blutwäsche, auch Lipidapherese genannt, unterziehen, nachdem er während der Dreharbeiten an Corona erkrankt war. Was genau bedeutet das?

Wie funktioniert die Blutwäsche gegen Long COVID?

Die bisher angewandte Methode bei der Blutwäsche trägt den Namen H.E.L.P.-Apherese. Dabei wird im Wesentlichen Plasma von Blutzellen getrennt, um pathogene Substanzen aus dem Blut bei der Behandlung chronischer Stoffwechselerkrankungen zu entfernen. Heißt im Klartext: Es wird den Patient:innen Blut aus der Armvene entnommen, das Plasma wird vom restlichen Blut getrennt und gefiltert. Anschließend werden Blut und Plasma den Patient:innen wieder zugeführt.

Insgesamt sind dafür vier Schritte nötig:

  • Plasmatrennung

  • Niederschlag mit anschließender Filtration

  • Heparinadsorption

  • Ultrafiltration

Blutwäsche als Therapie bei Long COVID: Effekt nicht nachweisbar

Das Problem an dem ganzen Verfahren: Ein nachhaltiger Effekt durch die Behandlung bei Long COVID konnte bisher noch nicht eindeutig nachgewiesen werden. "Es gibt keine gesicherten Belege, dass sie Patienten mit Long COVID hilft", sagt Carmen Scheibenbogen, Leiterin der Immundefekt-Ambulanz an der Berliner Charité gegenüber der "Suddeutschen Zeitung".

Ebenfalls kritisch sieht die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie das Verfahren. Die Expert:innen erklärten bereits im August in einer Stellungnahme, dass "ohne fundierte wissenschaftliche Daten keine Empfehlung für die Durchführung dieser Therapieverfahren ausgesprochen werden kann. Bei unsachgemäßer Anwendung sind sogar schwere Komplikationen möglich", so heißt es.

Eine Befürwortung des Verfahrens bei Long COVID sieht also anders aus. Auch in der "Leitlinie für Ärzte" über die Behandlung der Corona-Langzeitfolgen wird eher davon abgeraten, auch wenn es vereinzelnd Erfolge bei der Blutwäsche-Therapie bei Long COVID geben mag.

Absolut hoffnungslos sei der Ansatz der Blutwäsche-Therapie jedoch nicht. Das Verfahren müsse jedoch weiter untersucht und spezifiert werden, sagt Jördis Frommhold, Leiterin des ersten deutschen Long-COVID-Instituts gegenüber "Focus Online".

Kritik an TV-Ausstrahlung nach Hirschhausen-Expertiment

Neben der Tatsache, dass für die Blutwäsche bei Long COVID bisher keine nachhaltige Wirkung bewiesen werden konnte, wird auch Moderator Dr. Eckart von Hirschhausen selbst von Mediziner:innen kritisiert. Dieser habe nach seiner Erkrankung während der ARD-Dreharbeiten zwar starke Corona-Symptome gehabt, litt allerdings bei Durchführung der Blutwäsche nicht an Long COVID, wie er selbst erklärte. Das Risiko, welches eine derartige Behandlung mit sich bringt, werde durch seine unnötige Demonstration heruntergespielt, so die Kritik.

Was aber sagt der TV-Arzt selbst zu dem Experiment?

Hirschhausen weist die harte Kritik von sich. Es sei nicht das Ziel gewesen, den positiven Effekt der Blutwäsche bei Long COVID darzustellen, sondern zu zeigen, "wie miserabel die Diagnosekriterien, die Versorgung und der Wissensstand ist", erklärte er gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Zudem empfehle der ARD-Beitrag zu keinem Zeitpunkt die Blutwäsche als Behandlung bei Long COVID.

Das Problem an dem Beitrag: Viele Patient:innen wünschen sich eine schnelle Heilung bei Long COVID und sind verzweifelt auf der Suche nach einer Behandlungsmethode, die Erfolg verspricht. Das Blutwäsche-Experiment im TV nährt diese Hoffnung. Zudem kommen auf Patient:innen auch bei dieser Behandlung immer mehr Kosten zu.

Blutwäsche bei Long COVID: Krankenkassen zahlen nicht

Die Kosten von etwa 1.000 Euro pro Sitzung werden nämlich nicht von den Krankenkassen übernommen. Sie erkennen die Blutwäsche-Therapiemethode zurzeit nicht an, weil die Studienlage zur Wirkung der Blutwäsche nicht ausreichend sei. Es müssen also noch weitere Untersuchungen folgen, um den Erfolg der Blutwäsche-Therapie gegen Long COVID wissenschaftlich zu belegen und so vielen weiteren Menschen helfen zu können.