Blutvergiftung – Die unterschätzte Gefahr

Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Die Blutvergiftung ist eine der gefährlichsten Krankheiten - und wird sogar von Ärzten oft unterschätzt. Warum das so ist und wie wir uns schützen können, sagt Prof. Dr. Frank Martin Brunkhorst.

 

Die Blutvergiftung soll die dritthäufigste Todesursache in Deutschland sein. Stimmt das, Herr Professor Brunkhorst?

Ja. 154 000 Menschen erkranken Jahr für Jahr an einer Blutvergiftung, mehr als 60 000 sterben. Nur Krebs und Herzinfarkt sind noch gefährlicher.

 

Woran kann ich eine Blutvergiftung erkennen?

An Fieber, oft in Verbindung mit Schüttelfrost. Oder Untertemperatur, etwa um 36 Grad. Sie fühlen sich plötzlich elend, sind verwirrt und haben Atemnot. Aber Vorsicht, Der "rote Strich", der sich von einer Wunde zum Herzen ausbreitet, warnt nicht vor einer Blutvergiftung, sondern zeigt eine Lymphbahnen-Entzündung an.

 

Fieber, Schüttelfrost – das klingt nach einer Erkältung ...

Das ist die große Gefahr. Die Blutvergiftung ist so tückisch, weil sie anfangs eher harmlosen Krankheiten wie Magen-Darm-Infekt, fiebrigen Erkältungen oder einer Gelenkerkrankung ähnelt. Im seltenen Fall denken Ärzte da an eine Blutvergiftung.

Prof. Dr. Frank Martin Brunkhorst ist Sepsis-Experte am Universitätsklinikum Jena
Prof. Dr. Frank Martin Brunkhorst ist Sepsis-Experte am Universitätsklinikum Jena© privat
 

Wie bekomme ich eine Blutvergiftung?

Schon ein Kratzer, ein Insektenstich oder eine Brandwunde können ausreichen. In vielen Fällen ist auch die ambulante, das heißt, eine außerhalb der Klinik erworbene Lungenentzündung der Auslöser.

 

Wie kann eine kleine Wunde eine Blutvergiftung auslösen?

Die häufigsten Erreger der Blutvergiftung sind ganz normale Bakterien wie die Staphylokokken, die jeder von uns auf der Haut hat und die harmlos sind, solange sie auf der Oberfläche bleiben. Können sie aber ins Gewebe eindringen, weil eine Wunde beispielsweise nicht desinfiziert wurde, lösen sie eine Entzündung aus. Schafft es die Körperabwehr nicht, diese Entzündung an der Wunde zu besiegen, gelangen die Bakterien ins Blut, breiten sich aus und greifen innerhalb weniger Stunden Herz, Lunge, Leber und Niere an. Mit so vielen Entzündungen ist die Körperabwehr überfordert, es kommt zu hitzigen Abwehrschlachten und dabei werden Gefäße geschädigt. Die fatalen Folgen: Der Blutdruck sinkt ab, der Sauerstoff wird knapp und das Gerinnungssystem spielt verrückt. Wird jetzt nicht sofort eingegriffen, bricht der Kreislauf zusammen und die Organe versagen. Dieser schlimme Zustand heißt septischer Schock.

 

Wie hoch sind die Überlebens-Chancen?

Wird die Blutvergiftung im Frühstadium behandelt, liegen sie bei knapp 90 Prozent.
 

 

Was heißt Frühstadium?

Die Erreger sind im Blut, der Patient hat bereits Symptome wie Fieber und Atemnot, aber noch kein Organversagen. Wird die Vergiftung nicht rechtzeitig erkannt, schaukelt sie sich oft schon innerhalb weniger Stunden zu lebensbedrohlichen Ausmaßen hoch. Sind die Organe bereits befallen, sprechen die Ärzte von einer schweren Sepsis – sie verläuft in bis zu 40 Prozent der Fälle tödlich. An einem septischen Schock mit Kreislaufzusammenbruch und Organversagen sterben bis zu 80 Prozent.
 

 

Wie lässt sich die Blutvergiftung am schnellsten feststellen?

Mit dem Procalcitonin-Bluttest. Bahnt sich die Erkrankung an, erhöht sich der Procalcitonin-Spiegel im Blut bis auf das 10 000-Fache. Ganz wichtig: Falls Ihr Hausarzt diesen Verdacht hat, sollte er Sie sofort in eine Klinik einweisen. Dort wird das Testergebnis innerhalb einer Stunde im Notfall-Labor ermittelt. Außerdem müssen Blutkulturen abgenommen werden, um den genauen Erreger zu ermitteln. Mit dem Ergebnis ist innerhalb von 24 bis 36 Stunden zu rechnen. Deshalb wird die Blutvergiftung anfangs im Blindflug mit Breitbandantibiotika bekämpft. Diese Mittel erfassen die meisten Erreger. Danach kann eine gezielte Therapie beginnen.
 

 

Gibt es keine Schutzimpfung?

Eine zuverlässige Impfung gibt es nicht, da zu viele unterschiedliche Bakterien die Vergiftung auslösen können. Aber ...
 

 

Aber?

Da in vielen Fällen auch eine ambulant erworbene Lungenentzündung der Auslöser ist, schützt eine Pneumokokken-Impfung vor der Blutvergiftung. Doch diese Impfung machen viel zu wenige. Besonders wichtig ist es, dass sich Menschen, die über 60 Jahre alt sind oder Vorerkrankungen wie Herzleiden oder Diabetes haben, impfen lassen. Ein weiterer Punkt, der wichtig ist: Jährlich wird ca. 8000 Patienten die Milz entfernt, darunter vielen junge Menschen, die zum Beispiel mit dem Motorrad verunglückt sind. Diese haben ein hohes Risiko, an der schwersten Form der Blutvergiftung zu erkranken. Sie sollten unbedingt gegen die Erreger Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae geimpft sein.
 

 

Schützt mich eine Tetanus-Impfung?

Nein, Tetanusbakterien verursachen keine Blutvergiftung. Doch auch diese Impfung ist sehr wichtig. Das Gift der Tetanusbakterien löst die krampfartige Starre der Muskulatur aus. Unbehandelt kann die Erkrankung, die auch Wundstarrkrampf heißt, tödlich enden.
 

 

Wie beuge ich einer Blutvergiftung vor?

Nehmen Sie die kleinste Wunde ernst. Das A und O: Vorsichtig säubern und desinfizieren. Nie auswaschen, da Sie so möglicherweise die Bakterien in das Gewebe drücken. Wenn eine Wunde klopft und pocht, sollten Sie sofort zum Arzt. Doch auch wer bereits aus einem anderen Grund in der Klinik liegt, sollte auf die Symptome achten. Ein großes Problem sind die Katheter – zum Beispiel in den Venen. Diese sollten so bald wie möglich entfernt werden, denn entlang der Katheter können schädliche Bakterien ins Blut gelangen.

Im Interview: Prof. Dr. Frank Martin Brunkhorst
Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin Jena, Sekretär der Deutschen Sepsis-Gesellschaft e.v. und Koordinator des Kompetenznetzwerkes Sepsis (SepNet).
 

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.