Bisexuell: Liebe ohne Grenzen

Michelle Kröger

Wenn das Geschlecht in der Liebe keine Rolle spielt, spricht man von Bisexualität: Eine Person kann Männer und Frauen lieben – und sich zu beiden Geschlechtern emotional und/oder sexuell hingezogen fühlen. Doch was genau bedeutet es, bisexuell zu sein? Was haben Sigmund Freud und Alfred Kinsey mit diesem Thema zu tun und gibt es ein Netzwerk für bisexuelle Menschen in Deutschland?

Zwei Männer im Arm
Wenn man sich zum männlichen und zum weiblichen Geschlecht gleichermaßen hingezogen fühlt, spricht man von Bisexualität Foto:  istock/fatcamera
Inhalt
  1. Was ist Bisexualität?
  2. Die Kinsey-Skala
  3. Wie viele Menschen sehen sich als bisexuell?
  4. Bisexuelle Bewegungen
  5. Bisexualität im Laufe der Geschichte
 

Was ist Bisexualität?

Kurz gesagt bedeutet Bisexualität:

  • Sexuelles Interesse sowohl am eigenen als auch am anderen Geschlecht
  • zeitweise Orientierung zu einem Geschlecht mit dem Wissen, diese im Laufe der Zeit auch ändern zu können

Sexualwissenschaftlern zufolge ist Bisexualität so alt wie die Menschheit selbst. Die Vorsilbe “bi” stammt aus dem Griechischen und bedeutet „zwei“. Gemeint ist mit Bisexualität eine sexuelle Orientierung, bei der sich Menschen zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen. Umgangssprachlich wird das Wort bisexuell auch oft abgekürzt. Dann ist von “bi sein” die Rede.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts sprachen Experten von der sogenannten konstitutionellen Bisexualität. Sie nahmen an, dass jeder Mensch bei der Geburt sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale besitzt. Außerdem dachte man, dass sich ein Mensch im Laufe der Entwicklung auf eines der beiden Geschlechter festlegt und folglich die Merkmale des jeweils anderen Geschlechts ablegt. Heutzutage bezeichnet man Menschen, die mit beiden Geschlechtsmerkmalen zur Welt kommen als Hermaphrodit oder Zwitter (auch: intersexuell). 

Person mit einer bunten Krone auf dem Kopf schaut ein Hochhaus an
Liebe & Sexualität Pansexuell – was ist das?

 

Die Kinsey-Skala

Als eines der wichtigsten Werke im Zuge der sexuellen Aufklärung gilt der sogenannte Kinsey-Report: Dieser umfasst zwei Bücher des US-amerikanischen Sexualforschers Alfred Charles Kinsey (1948: „Sexual Behavior in the Human Male“; 1953: „Sexual Behavior in the Human Female“). Darin untersuchte der Wissenschaftler das Sexualverhalten von Männern und Frauen. Seine Erkenntnis: 50 Prozent der Bevölkerung seien zu einem gewissen Grad bisexuell.

Ein weiterer bedeutender Teil seiner Arbeit: die Kinsey-Skala. Anhand seiner Punkteskala stufte er die Ausprägung der bisexuellen Tendenzen einer Person ein. Die Skala reichte von ausschließlich heterosexuellem Verhalten (Ziffer 0) bis zu ausschließlich homosexuellem Verhalten (Ziffer 6). Menschen, die nach der Kinsey-Skala den Wert 3 erhielten, galten als bisexuell.

Für seinen Report interviewte Kinsey über 11.000 freiwillige Personen – aus unterschiedlichen Altersklassen, mit unterschiedlichen Einkommens- und Bildungsniveaus und mit unterschiedlicher Herkunft. In der Vergangenheit wurde häufig Kritik an Kinseys methodischem Vorgehen geübt – genauso wie an der Auswahl der befragten Personen.

 

Wie viele Menschen sehen sich als bisexuell?

Das ist tatsächlich schwer zu sagen. Es gibt immer wieder Umfragen und Studien, doch deren Ergebnisse sind oftmals wenig aussagekräftig und widersprüchlich. Das liegt vor allem daran, dass Bisexuelle sich in kein Raster begeben wollen. Außerdem herrscht in der Gesellschaft auch heute noch ein sozialer Druck, sich für eine Geschlechtervorliebe zu entscheiden. Anders als die homosexuelle ist die bisexuelle Community deutlich kleiner. Deshalb fühlen sich bisexuelle Frauen und Männer häufig “außen vor” oder ausgegrenzt.

Dennoch: Im Zuge einer Studie von YouGov in Deutschland (aus dem Jahre 2015) wurden 1122 Personen im Alter über 18 Jahre befragt. Zum Einsatz kam auch hier die bereits erwähnte Kinsey-Skala. Die Teilnehmer sollten sich auf der Skala selbst einsortieren – beginnend von 0 für ausschließlich heterosexuell bis 6 für ausschließlich homosexuell.

Die Ergebnisse ergaben unter anderem, dass sich in Deutschland 21 Prozent im bisexuellen Spektrum (1-5) einsortieren. Junge Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren sortieren sich sogar zu 39 Prozent im bisexuellen Bereich (1-5) ein. Weitere Erkenntnis der Studie: Je jünger die Befragten, desto mehr sehen sie sich als bisexuell. 

Asexualität
Familie Was ist Asexualtität?

 

Bisexuelle Bewegungen

Die erste LGBT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual & Transgender) formierte sich Ende der 60er-Jahre in den USA. Erst in den 70ern und 80ern entwickelten sich in Deutschland lokale Gruppierungen mit Engagement gegen die Diskriminierung von Bisexualität in der Gesellschaft. Seit 1992 gibt es das Bisexuelle Netzwerk BiNe – es handelt sich dabei um die einzige Bi-Bewegung im deutschsprachigen Raum.

Es dient der Vernetzung von regionalen Bi-Gruppen aus ganz Deutschland. „Unser Ziel ist es, das Thema Bisexualität insgesamt sichtbarer zu machen und Vorurteile gegenüber Bisexuellen abzubauen”, sagt BiNe-Vorstandsmitglied Marie. „Wir wollen eine Gesellschaft, in der die Menschen die Art Beziehung führen können, die sie möchten.” BiNe setzt sich dafür ein, dass alle bisexuellen Menschen als gleichwertig anerkannt sowie wahr- und ernstgenommen werden. „Jeder sollte die Freiheit haben, sich sexuell zu entfalten. Das Thema Sexualität sollte enttabuisiert werden”, sagt Marie.

Für all das und noch mehr setzt sich der Verein ein. Auch in Form von unterschiedlichen Aktivitäten – beispielsweise jährliche bundesweite Treffen, öffentliche Veranstaltungen zum Thema Bisexualität, die Mitarbeit an Aktionsplänen für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in verschiedenen Bundesländern und Auftritte bei Christopher Street Days. Außerdem gibt es ein Beratungstelefon, ein eigenes Magazin (das „Bisexuelle Journal", kurz: „BiJou") sowie einige Regionalgruppen in deutschen Städten (z.B. in Köln, Berlin, Hamburg, Nürnberg, Bamberg, Regensburg, Stuttgart oder Frankfurt am Main).

„Um diese Ziele zu erreichen, unterstützt unser Verein BiNe bisexuelle Selbsthilfe und Vernetzung. Wir sind als Interessenvertretung in der Öffentlichkeit präsent und für jeden ansprechbar. Es ist wichtig, Einfluss auf soziale, gesellschaftliche und politische Entscheidungsprozesse zu nehmen”, sagt Marie. Dafür steht BiNe auch im Kontakt mit Organisationen bisexueller Menschen anderer Länder. Außerdem im Fokus: “Aids-Prävention und die Unterstützung der politischen Aufklärung.”

 

Bisexualität im Laufe der Geschichte

Im Laufe der Geschichte hat sich die Definition von Bisexualität verändert. Bisexuelle Liebe spielte schon in der griechischen und römischen Antike eine Rolle: In der Antike gab es keine Unterscheidung zwischen Homo- und Heterosexualität. Man ging davon aus, dass sich jeder Mensch von Natur aus zu Mann und Frau hingezogen fühlt.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein fanden allerdings nur Erzählungen von männlichen Bisexuellen Raum in der damaligen Literatur. Doch später entstanden immer mehr Werke, die auch enge Beziehungen zwischen Frauen beschrieben. Sexuelle Handlungen wurden dabei jedoch ausgelassen, denn dies galt als anstößig. Anfang des 20. Jahrhunderts stellte auch der Psychoanalytiker Sigmund Freud die These auf, dass grundsätzlich alle Menschen bisexuell seien. Homosexuelle Neigungen würden lediglich unterdrückt.

Quellen:

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2019 praxisvita.de. All rights reserved.