Bindungsangst: Warum vor der Liebe fürchten?

Benjamin Müller Medizinredakteur

Ewig nach der großen Liebe gesucht, aber dann Angst vor der eigenen Courage bekommen? Zu viel emotionale Nähe ist Ihnen unangenehm? Bindungsängste könnten der Grund für den Herzschmerz sein.

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Zu viel Nähe ist für viele furchterregend. Foto:  iStock fizkes
Inhalt
  1. Was ist Bindungsangst eigentlich?
  2. Welche Folgen hat die Bindungsangst?
  3. Worin liegt die Beziehungsangst begründet?
  4. Der Weg aus der Angst
  5. Was tun, wenn mein Partner Bindungen fürchtet?

Niemand macht sich wirklich gern verletzlich. Und so wundervoll sie sonst auch sein mag: Kaum etwas macht Menschen emotional verletzlicher als die Liebe. Kein Wunder, dass sich eine ernste, eng verbundene Beziehung häufig wie ein Sprung ins Ungewisse anfühlt.

Diesen furchterregenden Sprung gilt es zu machen, will man die Liebe festhalten und eine bedeutungsvolle Beziehung aufbauen. Die meisten Menschen meistern die Hürde, doch für manche ist die Furcht vor zu viel Nähe einfach zu groß. Dann spricht man von Bindungsangst.

 

Was ist Bindungsangst eigentlich?

Betroffene wollen lieben und sehnen sich meist sogar nach einer Beziehung, doch gleichzeitig empfinden sie die feste Bindung an einen Partner als Bedrohung. Dabei ist die Angst so vielfältig wie diejenigen, die an ihr leiden.

Während manche fürchten, durch die verschiedenen Verpflichtungen einer Partnerschaft selbst zu kurz zu kommen, wollen andere vermeiden, von einem klammernden Partner in der eigenen Freiheit eingeschränkt zu werden.

 

Welche Folgen hat die Bindungsangst?

So unterschiedlich die genauen Befürchtungen sein mögen, so ähnlich sind die Folgen für eine bestehende Beziehung. Die Betroffenen ziehen sich emotional vom Partner zurück, suchen räumliche Distanz durch Arbeit oder Hobbys und vermeiden körperliche Zuwendung.

Die letzte Folge einer wachsenden Bindungsangst kann sein, dass die Beziehung aus heiterem Himmel beendet wird, obwohl eigentlich noch Zuneigung zum Partner besteht.

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Als Singles haben die meisten Betroffenen trotzdem ein starkes Bedürfnis nach menschlicher Zuneigung, das sie jedoch lieber durch One-Night-Stands oder lockere Affären erfüllen – oder eben durch einen neuen Versuch mit dem verstoßenen Partner, der häufig auf dieselbe Weise endet. So können jahrelange On-Off-Beziehungen entstehen.

Und die Angst ist nicht allein psychisch: In schweren Fällen kann sie sich auch körperlich äußern. Fühlen sich Bindungsängstliche von einer Beziehung eingeengt, können Anspannung, Schweißausbrüche und Herzrasen auftreten. Manche reagieren sogar mit Panikattacken.

 

Worin liegt die Beziehungsangst begründet?

Eine Furcht vor emotionaler Bindung kann durch diverse Faktoren ausgelöst werden. Viele Betroffene haben beispielsweise schmerzhafte Trennungen hinter sich und versuchen sich unbewusst vor einer erneuten Verletzung zu schützen. Andere haben generell schlechte Erfahrungen mit Beziehungen gemacht und befürchten, sich für die Liebe vollständig aufopfern zu müssen.

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Schlechte Kindheitserfahrungen durch eine traumatische Trennung der Eltern oder ein zu distanziertes oder einengendes Verhältnis zur eigenen Mutter sind eine weitere mögliche Ursachen für Bindungsängste.

Und schließlich kann auch ein stark negatives Selbstbild davon abhalten, sich romantisch zu binden. Wer sich selbst keine Liebe entgegenbringen kann, der kann sich häufig auch nicht auf die Liebe anderer einlassen.

 

Der Weg aus der Angst

Befürchten Sie, an Bindungsangst zu leiden? Wie so oft besteht der erste Schritt zur Besserung in der Selbstreflexion. Dabei müssen einige große Fragen geklärt werden:

  • Fürchte ich mich wirklich vor Beziehungen, oder möchte ich gerade einfach lieber das Single-Leben genießen? Was erwarte ich von meinem Leben und meinen Beziehungen?
  • Wovor genau fürchte ich mich: Enttäuschung? Emotionaler Abhängigkeit? Eingeschränkten Freiheiten?
  • Was könnte meine Angst ausgelöst haben? Was möchte ich tun, um sie zu überwinden?

Wenn diese Fragen geklärt sind, kann nach einer Lösung für das Problem gesucht werden. In vielen Fällen kann kontinuierliche, nüchterne Hinterfragung der eigenen Sorgen reichen, damit die Angst an Intensität verliert. Helfen kann auch, sich positive Beispiele für Beziehungen vor Augen zu führen, an denen man sich in seinem eigenen Liebesleben orientieren kann.

Ist die Bindungsangst intensiver, kann professionelle Hilfe notwendig sein. Mithilfe einer Gesprächstherapie kann den Ursachen der Furcht auf den Grund gegangen und ein individueller Weg zur Besserung geplant werden.

 

Was tun, wenn mein Partner Bindungen fürchtet?

Eine Beziehung mit einem bindungsängstlichen Menschen kann den Partner schwer belasten. Er muss mit den Auswirkungen der Angst leben und wird durch die für ihn unverständliche Abweisung verletzt. Häufig versuchen Partner dann, die verlorene Nähe durch intensivere Liebesbekundungen wiederherzustellen. So kann ein Teufelskreis aus Zuneigung und Rückzug entstehen, der in der Trennung mündet.

Erkennen Sie sich oder Ihren Partner wieder? Dann sollten Sie nicht warten, bis die Dynamik der Beziehung auch an Ihrer seelischen Gesundheit nagt. Neben Selbstreflexion und intensiven Gesprächen mit dem Partner kann auch eine Paartherapie dabei helfen, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Quellen:

Cuppen, Hannah (2016): Liebe und Bindungsangst: Freiburg im Breisgau, Verlag Herder

Scheidung.de (2012): Hilfe, ich liebe dich! Was verbirgt sich hinter Bindungsangst?

Angst-Panik-Hilfe.de (am 27.11.19): Angst vor engen Bindungen ­– ihre Ursachen

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