"Bin ich noch ganz normal?" Wenn Rituale krankhaft werden

Tür wird abgeschlossen
Das Ritual die Haustür abzuschließen und sie immer wieder zu überprüfen, gehört zu den häufigsten Kontrollzwängen © shutterstoc

Es sind doch die kleinen Marotten, die einen Menschen so liebenswert machen. Aber wann ist ein Spleen nicht mehr harmlos, sondern schon eine Zwangsstörung? Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Daniel Huys untersucht bei Praxisvita echte Fallgeschichten.

Marie betritt die Straße. Ruhigen Schrittes macht sie sich auf den Weg zur Arbeit – wie jeden Morgen um 7:45 Uhr. Nach ein paar Metern bleibt sie plötzlich stehen, runzelt die Stirn. Sie fragt sich: Habe ich die Tür wirklich ins Schloss gezogen und abgeschlossen? Oder ist meine Erinnerung daran vielleicht von gestern?

 

Zwangsstörung oder liebenswerter Spleen?

Viele Menschen haben "Kontroll-Spleens", prüfen einiges lieber zweimal, haben es gerne besonders ordentlich oder lassen sich von der Zahl 13 beeinflussen. Grübelnde Gedanken, unsinnige Einfälle – völlig normal in unserem Alltag. "Normalerweise sorgen Routinen und Rituale für einen kontrollierten Ablauf und Sicherheit. Im Alltag können viele Ängste dadurch vermieden werden", erklärt Dr. Daniel Huys vom Universitätsklinikum Köln. Nicht so bei Marie. Sie muss umdrehen, zurückgehen und prüfen, ob sie die Tür wirklich abgeschlossen hat, und das, obwohl sie weiß, dass sie es getan hat. Sie schließt auf, zieht die Tür zu, rüttelt an ihr, dreht den Schlüssel zweimal herum, tritt von der Tür weg. Dieses Ritual wiederholt sie fünfzehnmal – bis es kurz vor neun ist. Erst jetzt kann Marie zur Arbeit gehen. Ein normaler Morgen in Maries Leben, denn die 27-Jährige leidet seit sechs Jahren an Zwangsstörungen.

 

Für die Rituale gibt es keine rationale Grundlage

Marie weiß, dass ihre Kontrollen sinnlos und übertrieben sind. Und doch kann sie sich nicht gegen die Zwangshandlungen wehren. "Sie hat das Gefühl, dass sonst etwas Schlimmes passiert. Als könne sie mit ihrer Kontrolle ein Unglück verhindern – auch wenn sie weiß, dass das nicht wahr ist. Die Angst ist stärker", erklärt Dr. Huys. Und genau dieses Paradoxon ist kennzeichnend: Menschen, die an einer Zwangsstörung leiden, wissen, dass es weder für ihre Furcht noch für ihre Rituale eine rationale Grundlage gibt. Und trotzdem sind sie nicht in der Lage, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. "Wiederkehrende tägliche Zwangsgedanken und -handlungen sind symptomatisch für diese Art von psychischer Störung. Die Gedanken drängen sich den Betroffenen auf – obwohl sie sie als enorm quälend empfinden, gelingt es ihnen nicht, sie zu unterdrücken", erläutert Dr. Huys.

 

Zwangsrituale sollen Katastrophen abwenden

Zwangsrituale dienen den Betroffenen schließlich dazu, ihre Angst und Unruhe zu reduzieren und die befürchtete Katastrophe abzuwenden. Wie bei Marie, die fünzehnmal die Tür abschließen und kontrollieren muss, bevor sie eine kurze Erleichterung verspürt. Doch die Rituale werden zunehmend zeitraubender und die Wirkung immer kürzer spürbar. Es entsteht ein unglaublich starker Leidensdruck. Die Betroffenen verzweifeln. Tod, Verlust, Krankheiten, Schuld sein am Unglück anderer – unser Gehirn kennt unsere Ängste. Doch warum prägen sich die Gedanken so unterschiedlich bei den Menschen aus? Warum leidet ausgerechnet Marie an einer Zwangsstörung, während ein anderer nicht betroffen ist? Ein ganzes Netzwerk auf neuronaler Ebene ist im Gehirn für Gefühle und Gedanken zuständig. Auch dafür, dass sich im Normalfall negative Gedanken schnell wieder verflüchtigen. Bei Zwangspatienten aber, so zeigten Untersuchungen, ist dieser Vorgang oft massiv gestört. Eine Art Zwischenschalter in diesem Netzwerk, der eigentlich den Rückfluss von aussortierten Gedanken verhindert, arbeitet hier nur bedingt. Die Folge: Plötzlich werden unablässig Gedanken und Impulse übertragen, die im Normalfall verworfen worden wären. Gleichzeitig bringt dieses Chaos einen wichtigen Botenstoff aus dem Gleichgewicht: Die Aufnahme des Glückshormons Serotonin sinkt.

 

Und dann ist sie da: die Zwangsstörung

Aus einer flüchtigen Idee wird ein haftender Gedanke, der sich schließlich als zwanghaft manifestiert, während sich gleichzeitig eine unerklärliche, überwältigende Angst breitmacht. "Allerdings hat die Krankheit mehrere Aspekte", so Dr. Huys. "Ein kritisches Lebensereignis, der Erziehungsstil der Eltern, individuelle genetische Dispositionen oder Persönlichkeitsmerkmale können die Krankheit auslösen oder fördern. Auch das Thema Angst spielt bei der Begünstigung für die Krankheit eine große Rolle. Häufig wird die Störung vor dem 25. Lebensjahr sichtbar. Ein bis zwei Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen." Statistisch gesehen sind Kontroll- und Waschzwänge die beiden häufigsten Zwänge. "Es kommt vor, dass Menschen das Haus gar nicht mehr verlassen können oder wollen. Das erscheint ihnen sinnvoller, als sich ihren Zwängen auszusetzen. Sie verlieren ihren Job, doch die Zwänge bleiben. Häufig weiten sich unbehandelte Zwänge aus, gehen auf andere Bereiche über und verlaufen chronisch. Die Gedanken und Handlungen suchen sich einen anderen Weg. Die Lebensqualität der Betroffenen ist stark eingeschränkt, in einigen Fällen auch gar nicht mehr vorhanden", weiß Dr. Huys. Behandelt wird eine Zwangsstörung in den meisten Fällen mit einer kognitiven Verhaltenstherapie, falls nötig mit unterstützenden Medikamenten, die die Serotonin-Konzentration erhöhen (Antidepressiva). "Zunächst wird geklärt, was die Zwangsstörung ausgelöst hat und wie sie sich entwickelt. Leider ist es so, dass viel Betroffene erst zu uns kommen, wenn sich die Störung schon gefestigt hat - häufig erst nach vielen Jahren", berichtet Dr. Huys.

Die Patienten werden in der Therapie dann so lange mit ihren befürchteten Situationen konfrontiert, bis sich eine Abnahme der Angst einstellt – ein natürlicher Ablauf. "Leider profitieren nur 60-70 Prozent aller Betroffenen von dieser Methode. Auch deshalb forschen wir weltweit nach ergänzenden Therapiemöglichkeiten."

 

"Ich muss alle Wörter zählen"

"Ich muss immer im Kopf nachzählen, ob der Satz, den ich gelesen, gesagt oder gehört habe, eine ungerade oder gerade Anzahl an Buchstaben hat. Wenn es eine ungerade Zahl ist, was mich verrückt macht, nehme ich das Wort ,Punkt' gedanklich dazu. Dann ist die Anzahl meist gerade, und ich kann glücklich weitermachen."

Dr. Huys: "Das Zählen scheint zwanghaft zu sein. Man erkennt hier ein wichtiges Kriterium: Das Zählen ist sehr zeitraubend, und die Person fühlt sich gezwungen, es immer wieder zu tun. Eine gerade Anzahl an Worten lindert kurz ihr Unwohlsein, bis es wieder von vorne beginnt."

 

"Immer zehn Autos!"

"Auf dem Weg zur Arbeit renne ich zur Bushaltestelle und will vermeiden, dass mehr als zehn Autos an mir vorbeifahren."

Dr. Huys: "Einfach nur magisches Denken oder eine Zwangsstörung? Das kommt darauf an, ob die Person denkt, es könnte mit dem elften Auto etwas Schlimmes passieren."

 

"Ich muss wirklich jedem Hund Hallo sagen"

"Wenn ich Hunde sehe, muss ich immer Hallo sagen, wenn auch nur in meinem Kopf."

Dr. Huys: "Das scheint hier eher eine liebenswerte Marotte zu sein als eine Zwangsstörung. Woran man das erkennen kann? Zwänge sind sehr zeitintensiv, das ist hier wohl nicht der Fall. Außerdem leidet der Betroffene der Beschreibung nach nicht an seinem Hunde-Spleen. Er oder sie scheint vielleicht einfach Hunde zu mögen."

 

"Ich dusche immer nach demselben Muster!"

"Ich dusche immer auf die gleiche Weise, erst die Haare waschen und dann den Körper mit Duschgel. Wenn ich mal aus Versehen zuerst Duschgel nehme, wasch ich es ab und fange von vorn mit Shampoo an."

Dr. Huys: "Das klingt typisch für einen Waschzwang. Charakteristisch dafür: ritualisierte und sehr strikte Abläufe. Doch das allein macht noch keinen Zwang aus. Erst wenn die Person sich bei einem "Fehler" gezwungen fühlt, alles von vorn zu beginnen, Angst und großen Druck verspürt, wird es problematisch."

 

"Ich zähle gerne Finger"

"Wenn ich Fotos sehe, zähle ich automatisch, wie viele Finger die Leute an den Händen haben."

Dr. Huys: "Eher eine Marotte – Zwänge treten meist nicht nur in einem speziellen Bereich auf. Das Wort ,automatisch' weist nicht auf Zwang hin."

 

"Der Film macht es realer"

"Bevor ich das Haus verlasse, ziehe ich alle Stecker von elektrischen Geräten und filme das Ganze mit. Unterwegs muss ich alle zwei Stunden die Aufnahmen checken, um sicherzugehen, dass es real war."

Dr. Huys: "Hier lässt sich ein ganz typischer Kompensationsmechanismus erkennen: Die Person hat einen Kontrollzwang und nutzt das Handy als Hilfsmittel. Wiederholtes Rückversichern durch das Ansehen des Films, der eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen können, all das ist bezeichnend für eine fortgeschrittene Zwangsstörung. Zusätzlich wird die Kontrolle vermutlich viel Zeit im Leben der betreffenden Person einnehmen und sie so stark einschränken. Unbehandelt kann diese Zwangsstörung sich auf immer mehr Bereiche des Lebens ausweiten."

 

"Gegenstände haben auch Gefühle"

"Wenn ich Dinge, die längere Zeit nebeneinandergestanden haben, umräume, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich denke, dass die Objekte einander vermissen."

Dr. Huys: "Ein Spleen, der bei Kindern häufig vorkommt; die Personifizierung von Gegenständen wirkt hier aber unproblematisch."

 

"Nachts spiele ich behindert"

"Wenn ich nachts aufstehe, denke ich, dass sich ein Mörder unter dem Tisch versteckt. Deshalb tue ich so, als sei ich behindert, weil ich dann denke, dass der Mörder Mitleid hat und mich nicht tötet."

Dr. Huys: "Das ist mal ein sehr skurriles Beispiel und macht die Sinnlosigkeit einer Angst deutlich. Das Vorspielen der Behinderung dient offensichtlich einer Angstreduktion, scheint aber harmlos."

 

"Gleiches Recht auch für Ohren"

"Wenn es mich an einem Ohr juckt und ich mich dort kratze, muss ich immer auch kurz das andere Ohrbe rühren wegen der Gleichberechtigung."

Dr. Huys: "Hier handelt es sich wohl um eine Marotte. Wichtig zu wissen wäre aber, ob Symmetrie und Parallelität grundsätzlich eine große Rolle im Leben der Person spielen, denn diese können auch Hinweise auf einen Ordnungszwang sein."

 

"Ich habe den Schlüssel!"

"Bevor ich das Haus verlasse, prüfe ich mindestens fünf Mal, ob ich meinen Schlüssel eingepackt habe. Als Letztes halte ich immer den Schlüssel in der Hand, sage laut: ,Ich habe den Schlüssel' und stecke ihn in meine Tasche."

Dr. Huys: "Das Verhalten ist auffällig, obwohl man nicht eindeutig von einem Zwang sprechen kann. Die Anzahl an Wiederholungen deutet eine Störung an. Auch der Satz "Ich habe meinen Schlüssel" kann darauf hindeuten, dass die Person versucht, sich selbst zu überzeugen, weil sie an der eigenen Wahrnehmung zweifelt. Typisch für Zwänge ist: Sie beeinträchtigen den gesamten Tagesablauf und nehmen häufig mehr als eine Stunde pro Tag in Anspruch."

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