Bevacizumab bei Krebs: So wirkt der Arzneistoff

Dr. med. Dierk Heimann Facharzt für Allgemeinmedizin

Bevacizumab ist ein Wirkstoff zur Krebstherapie. Experte Dr. med. Dierk Heimann erklärt anhand eines Beispiels aus seinem Praxisalltag, wann der Arzneistoff zum Einsatz kommt und was bei der Anwendung zu beachten ist.

Eine Infusion läuft durch
Bevacizumab wird per Infusion verabreicht Foto:  iStock/Amornrat Phuchom

Der 42-jährige Patient vor mir hat in den letzten Wochen einiges mitgemacht. Eine Darmspiegelung hat Krebs ans Licht gebracht. Leider hat der schon gestreut. Da ich ihn schon lange kenne, bittet er mich um eine Einschätzung. Auch für mich eine belastende Situation. Wenn man Menschen lange und gut kennt, entwickelt sich immer eine Beziehung. Wir Ärzte sind keine Roboter.

 

Ein Antikörper soll helfen

Wenn eine Krebserkrankung vielfach gestreut (metastasiert) hat, sinken leider die Chancen. Doch dank modernster Therapien können wir häufig sehr viel an Lebenszeit gewinnen. Bereits vor einigen Jahren wurde auf dem Deutschen Krebskongress darüber diskutiert, dass Krebs heute immer häufiger eine ‚chronische Erkrankung’ ist. Wie Rheuma oder Diabetes. Moderne Antikörperpräparate wie das Bevacizumab machen dies möglich.

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Bevacizumab trocknet den Tumor aus

Das Bevacizumab wird seit 2005 in Deutschland eingesetzt. Es wirkt gegen verschiedene Krebsarten, die bereits Tochtergeschwulste gebildet haben oder bei denen andere Therapien nicht vertragen werden: Darmkrebs, wie bei meinem Patienten, Brust- und Lungenkrebs, Nieren- und auch Eierstock- oder Gebärmutterhalskrebs. Meist in Kombination mit einer Chemotherapie. Der Antikörper kann die Blutversorgung von Tumoren hemmen – sie trocknen regelrecht aus.

 

Bevacizumab: Dosierung variiert

Meine Aufgabe als Facharzt für Allgemeinmedizin ist es, meinen Patienten zu begleiten, ihn zu unterstützen. Ich kenne seine Familie, ich weiß, was zu ihm passt. Wir nennen das ‚erlebte Anamnese‘. Alle drei Wochen erhält er eine Infusion, in der pro Kilogramm Körpergewicht 15 Milligramm des Wirkstoffs enthalten sind. Bei anderen Krebsarten variiert die Dosis. All dies geschieht bei einem Krebsspezialisten.

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Bevacizumab: Nebenwirkungen bedenken

Je nach behandelter Krebsart unterscheiden sich die Nebenwirkungen von Bevacizumab. Häufig sind es Veränderungen im Blutbild, die auffallen. Aber auch Herzprobleme, Bluthochdruck oder Übelkeit und Erbrechen.

In Abstimmung mit dem Onkologen nehme ich regelmäßig Blut ab, kontrolliere die Werte und verordne Medikamente gegen die Übelkeit und eine entzündete Mundschleimhaut. Sie ist besonders belastend.

Eine solche Behandlung geht im Team am besten. Am meisten Sorgen macht mir ein möglicher Darmdurchbruch – dies kann passieren, wenn der Tumor kleiner wird. Auch Blutgerinnsel sind beschrieben. Ich rede mit meinem Patienten ausführlich darüber.

 

Bevacizumab: Kosten werden übernommen

Viele Menschen haben ein eher kritisches Bild ihrer Krankenkasse vor Augen – doch spätestens, wenn teure Therapien erforderlich werden, zeigt sich eine wesentliche Stärke unseres Systems. Denn eine Infusion mit Bevacizumab  – je nach Gewicht – kostet zwischen 3.000 und 4.000 Euro. Manchmal auch noch mehr. Bei meinem Patienten sind das in nur drei Monaten schon über 12.000 Euro.

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Prognosen sind Statistik – jeder ist ein Einzelfall

Eine an vielen Stellen im Körper bereits metastasierte Krebserkrankung weist leider keine gute Prognose auf. Doch kombiniert man alle Möglichkeiten der Therapie wie Operation, Bestrahlung und eben Medikamente, lassen sich oft Monate oder sogar Jahre gewinnen. Das mag wenig klingen – doch in Wochen, Monaten oder gar Jahren kann vieles passieren.

Ich gebe daher niemals Prognosen für einen einzelnen Patienten in einem frühen Stadium ab, sondern verweise vielmehr darauf, wie viele von 100 Patienten in einem oder fünf Jahren noch am Leben sind, wenn diese oder jene Strategie gewählt wird. Das ist Statistik. Niemand weiß, zu welcher Gruppe mein Patient gehört. Klarheit und Ehrlichkeit sind eine Grundvoraussetzung, doch es gilt, Worte mit Bedacht zu wählen.  

 

Nicht Schweigen ist Gold – sondern Reden!

Sprichwörter helfen einem häufig im Alltag. Bei der Behandlung von Krebserkrankungen aber liegen manche leider voll daneben. Wir müssen Tabu-Begriffe wie ‚Krebs‘ oder ‚Tod‘ offen ansprechen. Ich habe mich daher in Palliativmedizin ausbilden lassen, um noch sensibler mit Worten umzugehen.

Ich mache meinem Patienten ein Gesprächsangebot, dass er mit mir über alles sprechen kann, mir all seine Fragen zumuten kann, darf und soll. Wann immer es für ihn dran ist. So modern unsere Therapien heute auch sind. So etwas wie ‚offen reden‘ geht darüber leider ab und zu verloren… 

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