Bestimmt mein Immunsystem wie viele Freunde ich habe?

Phyllis Kuhn Medizinredakteurin
Barbesucher am Tresen
Gibt uns unser Immunsystem vor, wann wir Lust haben, unsere Freunde zu treffen? © Alamy

Unsere Abwehrkräfte scheinen eine entscheidende Rolle bei der Häufigkeit und Anzahl unserer sozialen Kontakte zu spielen.

Donnerstag Abend: Mit Freunden kochen, Fernsehabend auf der Couch oder einfach früh ins Bett gehen? Je nachdem, worauf man gerade Lust hat, oder? Neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft widerlegen diese Theorie. Tatsächlich scheint es unser Immunsystem zu sein, das die entscheidende Rolle bei der Auswahl unserer Freizeitaktivitäten spielt.

Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass das Gehirn und unser Immunsystem zwei voneinander isoliert arbeitende Systeme seien. Da sich das Gehirn durch die Bluthirnschranke und das hirneigene Immunsystem aus sogenannten Mikroglia-Zellen selbst vor Eindringlingen schützt, ist eigentlich keine Verbindung mit dem Immunsystem nötig.

Forscher aus den USA haben nun allerdings herausgefunden, dass offenbar doch eine Verbindung des Gehirns mit dem Lymphsystem und damit unserer Körperabwehr besteht. Eine Folge davon laut der Forscher: Das Immunsystem kann einige Aspekte unseres Verhaltens nicht nur beeinflussen, sondern auch kontrollieren.

 

Bestimmt ein Immun-Protein, wann man in die Kneipe geht?

Konkret geht es dabei um unser Sozialverhalten, die Anzahl und Häufigkeit sozialer Kontakte, ob wir unternehmenslustig sind oder eben nicht. Das scheint nämlich eben nicht nur von unserer individuellen Lust und Laune abzuhängen, sondern vielmehr von der Aktivität eines bestimmten Immun-Moleküls: Interferon Gamma. Das Molekül spielt in seiner normalen Funktion eine typische Rolle bei der Immunabwehr von Viren, Bakterien und Parasiten.

Anthony J. Filiano und sein Team aus Wissenschaftlern von der University of Virginia (UVA) und der University of Massachusetts fanden heraus, dass Interferon Gamma aber auch Bereiche in unserem Gehirn aktiviert, die für unser Bedürfnis nach sozialen Aktivitäten verantwortlich sind. „Das Gehirn und das adaptive Immunsystem schienen immer zwei getrennte Bereiche zu sein und jede Immunaktivität im Gehirn wurde als Zeichen einer Erkrankung gedeutet. Jetzt wissen wir, dass die beiden Systeme nicht nur interagieren, sondern dass manche unserer Verhaltensweisen ihre Ursachen in unserer Immunabwehr haben könnten“, erklärt Jonathan Kipnis, Vorsitzender der Abteilung für Neurowissenschaften an der UVA. „ Teile unserer Persönlichkeit könnten tatsächlich vom Immunsystem vorgegeben sein“.

 

Macht uns ein geschädigtes Immunsystem zu Eigenbrötlern?

Die Ergebnisse werfen auch ein neues Licht auf neurologische Erkrankungen wie Autismus und Schizophrenie – beides Krankheitsbilder, die mit einer verminderten sozialen Kompetenz assoziiert sind. Eventuell könnte auch hier Interferon Gamma eine entscheidende Rolle spielen. „Unsere Ergebnisse tragen zu einem tieferen Verständnis sozialer Dysfunktionen bei neurologischen Erkrankungen wie Autismus und Schizophrenie bei. In Zukunft könnten wir so die Tür für neue Therapiemaßnahmen öffnen“, erklärt Vladimir Litvak von der University of Massachusetts Medical School.

Im Tierversuch konnte die signifikante Wirkung des Immun-Moleküls auf soziales Verhalten bereits nachgewiesen werden. Schaltete man bei Mäusen durch eine Gen-Modifikation Interferon Gamma aus, wurden die Nager zu Eigenbrötlern und hatten kein Interesse mehr an sozialen Interaktionen. Bei der Reaktivierung des Immun-Moleküls stieg das Interesse der Mäuse an Kontakten mit anderen Mäusen wieder.

 

Gemeinsam am Lagerfeuer – Ist unser Immunsystem verantwortlich?

Der Hintergrund des Zusammenspiels zwischen Gehirn und Immunsystem könnte in unserer frühesten evolutionären Entwicklung liegen. So steigerte das Leben in der Gruppe die Überlebenswahrscheinlichkeit in der vorzeitlichen Welt. Andererseits erhöht eine hohe Anzahl an sozialen Kontakten auch die Infektionswahrscheinlichkeit. Interferon Gamma scheint dieses Dilemma durch seine Doppelfunktion auszugleichen.

Hamburg, 14. Juli 2016

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