Bestimmt mein Geburtsjahr, ob ich eine Grippe bekomme?

Phyllis Kuhn
Grippe-Viren
Wann wir geboren wurden, spielt eine wichtige Rolle dafür, gegen welche heutigen Grippeviren wir geschützt sind © Fotolia

US-Wissenschaftler haben beobachtet, dass die erste Attacke durch Grippeviren auf uns als Neugeborene darüber bestimmen kann, wie anfällig wir im Erwachsenenalter auf einzelne Grippestämme reagieren.

Bisher war man davon ausgegangen, dass man gegen Grippe-Viren keine Immunität erwerben kann, weil die Erreger zu schnell ihre Form ändern. Deshalb muss eine Grippe-Impfung auch jedes Jahr wiederholt werden. Schon länger beobachten Forscher allerdings, dass auch aggressive Grippetypen wie die Varianten der Vogelgrippe H5N1, H10N8 und H7N9 nur bestimmte Menschengruppen zu befallen scheinen. So waren vom H7N9-Virus hauptsächlich ältere Menschen betroffen, während H5N1 fast nur Kinder und Jugendliche befiel. Die Vermutung liegt nahe, dass das Geburtsjahr eine Rolle bei der Frage spielen könnte, für welchen Grippetyp man besonders anfällig ist. Katelyn Gostic und ihre Kollegen von der University of California in Los Angeles (UCLA) sind dieser Vermutung auf den Grund gegangen. Bei der Analyse von Grippeerkrankungen bei verschiedenen Altersgruppen stellte das Forscherteam fest, dass bestimmte Geburtenjahrgänge tatsächlich für H5N1 anfälliger zu sein schienen, andere dagegen eher für H7N9.

 

1968 – Das Wendejahr bei den Grippe-Typen

Ausschlaggebend für die Art der Grippe-Erkrankung war offensichtlich der Subtyp des Grippestamms, mit dem die untersuchten Jahrgänge in ihrer Kindheit in Berührung gekommen waren. Das Jahr 1968 markierte dabei einen Wendepunkt bei den Grippe-Erkrankungen: Vor 1968 Geborene erkrankten öfter an H7N9, nach 1968 Geborene stärker an H5N1. Ein Blick in die Geschichtsbücher offenbart den Grund: Im Jahr 1968 tobte auf der ganzen Welt die sogenannten Hongkong-Grippe, der etwa eine Million Menschen zum Opfer fielen. Die letzte große Pandemie der Neuzeit war durch eine Kombination aus Geflügelpest-Viren mit Influenzaviren entstanden. Ähnliche Kombinationen prägten auch die späteren Influenza-Varianten, deren Proteinstruktur ähnlich wie die Hongkong-Grippe aufgebaut war. Dazu gehört auch der Vogelgrippe-Stamm H7N9. Nach 1968 Geborene sind in ihrer Kindheit mit größerer Wahrscheinlichkeit mit diesem Influenza-Typ in Kontakt gekommen und waren deshalb später besser vor ihm und seinen Varianten geschützt. Dies erklärt, warum H7N9 beim letzten Ausbruch hauptsächlich ältere, also vor 1968 geborene Menschen betroffen hat. Vor der Hongkong-Grippe herrschten andere Grippe-Subtypen vor. Diesen ähnelt vor allem der noch heute vorkommende Grippe-Erreger H5N1. Auch hier der Schluss: Nach 1968 Geborene hatten in ihrer frühen Kindheit weniger Gelegenheit, mit diesem Erregertyp in Berührung zu kommen und Resistenzen zu bilden. Deshalb erkrankten vor allem Kinder und Jugendliche an dieser Grippevariante.

 

Nur Infektionen in der Kindheit zählen

Diese Beobachtungen zeigen, dass Menschen durch Grippe-Infektion im frühen Kindesalter offenbar Immunität gegenüber Erregern desselben Stamms entwickeln – auch wenn diese Erreger inzwischen neue Varianten gebildet haben. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass uns diese ‚Kindheits-Prägung’ einen starken Schutz gegen schwere Infektionen oder den Tod durch zwei große Stämme des Vogelgrippe-Virus schützen“, fasst James Lloyd-Smith, Professor an der UCLA und Senior-Autor der Studie die Ergebnisse des Forscherteams zusammen. „Diese Ergebnisse helfen uns, das Risiko eines vereinzelt auftretenden Influenza-Virus, der sich in eine größere Epidemie entwickeln könnte, einzuschätzen“. Auch Gostic hält die Ergebnisse für bedeutsam: „Nun können wir die bisher herrschende Lehrmeinung, nach der die Weltbevölkerung bei einer Pandemie durch einen neuartigen Grippevirus immunologisch schutzlos wäre, in Frage stellen“. Der neu entdeckte mögliche Schutz könnte sogar sehr effektiv sein. Die Wissenschaftler errechneten, dass durch einen frühen Kontakt mit einem der Erregerstämme das Risiko, durch H5N1 bzw. H7N9 schwer krank zu werden, um rund 75 Prozent sinken kann. Ausschlaggebend sei dabei allerdings nur die erste Grippeinfektion unseres Lebens. Später auftretende Grippe-Infektionen mit anderen Stämmen könnten keine „Schutzprägung“ mehr hinterlassen.

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