Bald neues Antibiotikum – können jetzt auch multiresistente Keime besiegt werden?

Phyllis Kuhn Medizinredakteurin
Gonokokken
Gonokokken können zu einer schmerzhaften Gonorrhoe-Infektion führen. © iStock

In naher Zukunft wird die Geschlechtskrankheit Gonorrhoe wohl nicht mehr mit Antibiotika behandelt werden können. Forschern ist nun ein Durchbruch bei der Entwicklung eines neuen Medikaments gelungen.

Die Einnahme von Antibiotika ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits rettet sie Leben und ist häufig das einzige Heilmittel gegen schwere Infektionen. Andererseits töten Antibiotika auch nützliche Bakterien, etwa in unserem Darm, und lösen teilweise Allergien aus. Ein weiteres großes Problem: Da oft auch schon bei kleineren Infekten Antibiotika verschrieben werden, haben einige Bakterienstämme Resistenzen gegen das Arzneimittel entwickelt: Das heißt, die Antibiotika wirken nicht mehr, so wie sie sollen. Zwar gibt es in diesen Fällen meist noch andere Antibiotikastämme, die alternativ angewendet werden können, doch langfristig können Bakterien theoretisch gegen jedes Antibiotikum resistent werden. Genau dieser Fall ist in den letzten Jahren bei einer, eigentlich schon lange als ausgerottet erklärten Krankheit, der Gonorrhoe passiert. Die umgangssprachlich auch als Tripper bekannte Geschlechtskrankheit ruft schmerzhafte Entzündungen der Harn- und Geschlechtsorgane hervor und kann unbehandelt zur Unfruchtbarkeit führen.

 

Immer mehr antibiotikaresistente Gonokokken-Stämme

Seit dem späten 19. Jahrhundert wird die durch Gonokokken ausgelöste Erkrankung mit verschiedenen Arten von Antibiotika behandelt. Da sich im Laufe der Zeit immer wieder Resistenzen entwickelt haben, gibt es im Moment nur noch einen Stamm (Cephalosporine der Gruppe 3) mit dem Gonorrhoe behandelt werden kann. Allerdings sind seit dem Jahr 2011 weltweit Gonorrhoe-Infektionen aufgetaucht, die gegen sämtliche Antibiotika immun sind.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt nun, dass es in absehbarer Zeit für Millionen Erkrankte keine Heilung mehr geben könnte. Tatsächlich ist die Geschlechtskrankheit auch in Europa wieder auf dem Vormarsch. Im Jahr 2014 infizierten sich allein in Großbritannien 35.000 Menschen.

 

Kohlenstoffmonoxid-Molekül tötet Gonorrhoe-Bakterien

Die Entwicklung neuer Antibiotika ist nicht nur zeit- und forschungsaufwendig, sondern auch teuer. Von der Entwicklung bis zur Zulassung eines neuen Medikaments können bis zu zehn Jahre vergehen. Für Pharmaunternehmen ist es deshalb wenig attraktiv, an neuen Antibiotikaklassen zu forschen. Für zahlreiche Gonorrhoe-Infizierte könnte es in einigen Jahren aber bereits zu spät sein.

Neue Hoffnung macht nun eine Entwicklung von Wissenschaftlern aus Großbritannien. Die Forscher der University of York nutzten den therapeutischen Effekt eines kohlenstoffmonoxid-abgebenden Moleküls (CO-RM), das den „Maschinen-Raum“ von Gonokokken angreift und so deren Energieproduktion stoppt. Professor Ian Fairlamb von der chemischen Fakultät der Hochschule erklärt den Vorgang: „Bei Gonorrhoe muss nur ein Enzym gehemmt werden, dann kann das Bakterium keinen Sauerstoff mehr aufnehmen und stirbt ab“. Kohlenstoffmonoxid ist eine chemische Verbindung, die in hohen Dosen tödlich für die meisten Organismen ist. Dazu Fairlamb: „Die meisten Menschen sind sich sehr bewusst, dass CO ein giftiges Molekül ist. Das gilt aber nur für hohe Dosen. Wir nutzen sehr niedrige Konzentrationen, auf die die Bakterien sehr empfindlich reagieren. Wir suchen jetzt nach einem Molekül, das auf sichere und kontrollierte Art und Weise dort hin geleitet werden kann, wo es benötigt wird.“ Im nächsten Schritt will das Forscherteam ein Medikament in Form einer Tablette oder einer Emulsion entwickeln und dieses in ersten klinischen Studien testen. „Wir glauben, dass unsere Studie einen wichtigen Durchbruch bedeutet. Wir haben das endgültige Medikament noch nicht gefunden, aber wir sind sehr dicht dran“, so Fairlamb.

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