Bakterien im Darm: So bleiben sie im Gleichgewicht

Susanne Petersen Medizinredakteurin

Wir leben nicht allein in unserem Körper. Mehr als 100.000 Milliarden Bakterien bevölkern unseren Organismus. Die meisten sind harmlos und viele sogar nützlich, vor allem im Magen-Darm-Trakt. Welche Bakterien gibt es im Darm und was passiert, wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten?

Bakterien im Darm: was sie im Gleichgewicht hält
Verdauung, Immunsystem und Psyche werden von Bakterien im Darm beeinflusst Foto:  PeopleImages
Inhalt
  1. Welche Bakterien im Darm gibt es?
  2. Was leisten die Darmbakterien?
  3. Ursachen für eine gestörte Darmflora
  4. Symptome bei "schlechten" Darmbakterien
  5. Wie Arzneipflanzen auf die Bakterien im Darm wirken
 

Welche Bakterien im Darm gibt es?

Jeder Mensch beherbergt in seinem Darm etwa 1.000 verschiedene Bakterienarten. Diese siedeln in den Darmwänden oder im Darminhalt. Insgesamt befinden sich im Darm 1,5 Kilogramm Bakterien, der Stuhl besteht sogar fast zur Hälfte aus Bakterien. Die meisten Bakterien sind sehr nützlich, sie helfen bei der Verdauung, wehren Keime oder Gifte ab und helfen dabei, das Immunsystem zu stärken. Jeder Mensch besitzt Darmbakterien, die in ihrer Gesamtheit auch als Mikrobiom oder Darmflora bezeichnet werden. Zu den hilfreichen Bakterien im Darm zählen Laktobazillen und Bifidobakterien. Andere Bakterienarten können unter bestimmten Bedingungen Krankheiten verursachen wie zum Beispiel Clostridien.   

Der Mikrokosmos im Darm entwickelt sich übrigens vor allem in den ersten Tagen nach der Geburt. Beim Geburtsvorgang kommt das Neugeborene über die Vaginalschleimhaut der Mutter Kontakt mit den ersten externen Bakterien. Später entwickelt sich das Mikrobiom über verschiedene Kontakte mit der Umwelt, wobei unsere Ernährung eine Hauptrolle spielt.

 

Was leisten die Darmbakterien?

In erster Linie sind Darmbakterien lebenswichtig für die Verdauung. Sie helfen bei der Aufspaltung und Verwertung von Nährstoffen. Die meisten dieser Mikroorganismen sind ein wichtiger Bestandteil des Verdauungssystems. Sie unterstützen dabei, schwer verdauliche Stoffe wie Zellulose zu verwerten.  Sie produzieren Vitamine und unterstützen das Immunsystem bei der Abwehr von Giften und Keimen. Bakterien im Darm wirken entzündungshemmend. Zudem regen sie die Bildung bestimmter Hormone an. Aktuelle Forschungen belegen, dass unser Mikrobiom sogar Einfluss auf unser Verhalten und unsere Psyche nehmen kann.

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"Gute" Darmbakterien helfen dem Immunsystem

Unser Immunsystem kann sich ohne eine bakterielle Besiedelung des Darms nicht richtig entwickeln. Neben der Haut ist der Darm das menschliche Organ, das am meisten Kontakt mit der Außenwelt und mit schädlichen Substanzen hat. Bakterien im Darm verhindern das Eindringen solcher Substanzen in den Organismus. Sie bilden Schutzfaktoren, die einen antimikrobiellen Effekt haben. Und sie hemmen die Aktivität und das Wachstum schädigender Keime. Die Darmschleimhaut bildet vermehrt Schutzfaktoren, wenn die Zahl schädlicher Eindringlinge zunimmt. Das Darm-assoziierte Immunsystem beherbergt die größte Zahl an Immunzellen in unserem Körper. Ungefähr 70 Prozent der im Immunsystem aktiven Zellen befinden sich im Verdauungssystem. Diese müssen zwischen guten Nahrungsmittelbestandteilen und nützlichen Mikroorganismen der Darmflora und krankmachenden Keimen unterscheiden.

Bakterien im Darm fördern den Fettstoffwechsel

Das Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie hat im Juli 2020 den Beweis veröffentlicht, dass Bakterien im Darm direkten Einfluss auf den Fettstoffwechsel nehmen. Untersucht wurden sogenannte Sphingolipide, also eine wichtige Gruppe von Fettmolekülen. Herrscht ein Ungleichgewicht dieser Fettmoleküle können Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder eine Fettleber entstehen. Das Team aus Tübingen fand heraus, dass diese wichtigen Fettmoleküle nicht nur über die Nahrung aufgenommen werden, sondern dass ein auffallend hoher Anteil des Mikrobioms im Darm diese Stoffe selbst produziert. 30-40 Prozent der Bakterien im Darm sollen diese Fettmoleküle selbst produzieren. Darmbakterien spielen also eine wichtige und gesundheitsfördernde Rolle für den Fettstoffwechsel. 

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Darmbakterien helfen beim Abnehmen

Bakterien im Darm wie Firmicutes lieben Zucker und Fett. So sind sie in der Lage, aus den kleinsten Krümeln Kalorien herauszuziehen. In Hungerzeiten ist das sehr nützlich, heutzutage aber eher dick machend. Gibt es zu viele Firmicutes-Bakterien im Darm, steigt der Appetit auf Süßes und Fettes und das Gewicht steigt. Wer mehr Ballaststoffe und weniger industriell verarbeitete Lebensmittel isst, kann das Wachstum der Firmicutes-Bakterien hemmen.

Der Stamm der Bacteroidetes hingegen gilt als Schlankmacher, denn er verwertet Fette weniger schnell. Entsprechende Nahrung setzt dann nicht so schnell an. Normalgewichtige Menschen besitzen mehr Bacteroidetes- als Firmicutes-Darmbakterien. Wer abnehmen möchte, sollte darauf achten, mehr Ballaststoffe als Zucker und Fette zu sich zu nehmen, damit Firmicutes sich nicht so gut vermehren können. Neuere Untersuchungen zeigen außerdem, dass bei adipösen Menschen der Anteil des Bakteriums Akkermansia muciniphila deutlich geringer ist als bei normalgewichtigen Personen. Dieses Bakterium hat Einfluss auf die Neubildung der Darmschleimhaut.

Darmbakterien und ihr Einfluss auf die Leistungsfähigkeit

Forscher aus den USA haben im Jahr 2019 Stuhlproben von Teilnehmern des Boston-Marathons analysiert. Sie konnten eine leistungssteigernde Bakteriengattung identifizieren, die sich eine Woche nach dem Lauf stark vermehrt hatte. Diese Bakterien der Gattung Veillonella ernähren sich in der Darmflora hauptsächlich von Milchsäure, also Laktat. Das ist die Substanz, die die Leistungsfähigkeit begrenzen kann. Bei Sportlern, die sich überanstrengen wird vermehrt Laktat ausgeschüttet. Die Darmbakterien könnten somit helfen, das Laktat im Darm abzubauen und damit die Leistungsfähigkeit zu steigern.

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Bakterien im Darm sorgen für gute Laune

Die Frage, wie unsere Darmbakterien mit der psychischen Gesundheit zusammenhängen, beschäftigt Wissenschaftler intensiv. Erst seit wenigen Jahren beginnen Forscher zu verstehen, wie der Darm und das Gehirn in Verbindung stehen und miteinander kommunizieren. Über die sogenannte Darm-Hirn-Achse werden Informationen wechselseitig ausgetauscht. Durch den Vagusnerv sind beide Organe verbunden. Außerdem produzieren unsere Bakterien im Darm Botenstoffe, die unsere Stimmung beeinflussen. Und die Zellen des Immunsystems, die sich sowohl im Darm als auch im Gehirn befinden, sprechen miteinander.

Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen stoßen Forscher immer wieder auf eine veränderte Zusammensetzung der Bakterien im Darm. Bei Depressionen etwa wurden weniger Bakterien der Gattung Coprococcus und Dialister im Darm gefunden. Diese Bakteriengattungen spielen eine Rolle bei der Produktion von Dopamin, das wichtig für den inneren Antrieb und die Motivation ist. Umgekehrt bedeutet diese Erkenntnis, dass es Bakterien im Darm gibt, die förderlich für den Antrieb und die Laune sein können.

 

Ursachen für eine gestörte Darmflora

Die Zusammensetzung unseres Mikrobioms im Darm ist nicht nur wichtig für Immunsystem und Co, sondern auch für die Gesundheit des Darmes selbst. In einem gesunden Darm leben alle Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze in einer gut funktionierenden Gemeinschaft (Symbiose). Kurzfristige Störungen dieses Systems kann der Darm selbst wieder ausgleichen. Dauern die schädlichen Einflüsse zu lang oder sind zu stark, kommt es zu Schäden in der Darmschleimhaut und damit zu einer Veränderung des Darmmilieus. Dann haben schädliche Keime die Chance, sich auszubreiten und die nützlichen Bakterien zu verdrängen. Das nennt man Dysbiose.

Faktoren, die das Gleichgewicht der Darmflora stören:

  • Behandlung mit Antibiotika
  • Infektionen mit Durchfallbakterien oder Helicobakter pylori
  • Einnahme von Medikamenten wie Säureblocker oder Abführmitteln
  • Konsum von Alkohol als Entzündungstreiber
  • Umweltgifte wie Quecksilber und Blei über die Nahrung
  • Minderwertige Ernährung mit viel Zucker und Fett
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten gegen Gluten, Fructose, Laktose
  • Ständiger Stress
  • Zu wenig Bewegung und Sport

Besteht über längere Zeit eine Dysbiose der Bakterien im Darm, haben krankmachende Erreger bessere Bedingungen, um sich in der Darmschleimhaut einzunisten.

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Symptome bei "schlechten" Darmbakterien

Nach einseitiger Ernährung, Medikamenteneinnahme oder ständigem Stress können Symptome auf eine gestörte Darmflora hinweisen. Je weniger Vielfalt im Darm herrscht, desto leichter können sich potenziell schädliche Bakteriengattungen breit machen. Hierzu zählen beispielsweise Escherichia coli, die im normalen Mikrobiom nur etwa ein Prozent ausmachen. Wenn das gesunde Gleichgewicht der Bakterien im Darm gestört ist, können die nützlichen Bakterien im Darm ihre Abwehrfunktion nicht mehr ausreichend wahrnehmen. Man wird anfälliger für Krankheiten.

Dies sind erste Symptome bei einer gestörten Darmflora:

  • Blähungen
  • Völlegefühl
  • Bauchschmerzen
  • Durchfall
  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Darmentzündungen
  • Mangelerscheinungen
  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit
  • Krankheitsanfälligkeit
  • Stoffwechselbeschwerden

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Darmaufbau nach Antibiotika durch eine Darmbakterien-Kur

Die Einnahme von Antibiotika, vor allem von Breitband-Antibiotika, kann die Zusammensetzung von bis zu 90 Prozent der Darmbakterien verändern. Werden die nützlichen Bakterien im Darm durch Antibiotika abgetötet, haben Erreger von Krankheiten ein leichtes Spiel. Beispielsweise wird eine bestimmte Form entzündlicher Darmerkrankungen durch das Bakterium Clostridium difficile ausgelöst. Bei gesunden Menschen ist Clostridium difficile ein harmloses Darmbakterium. Wird aber die normale Darmflora durch Antibiotika zurückgedrängt, kann sich Clostridium difficile vermehren und Gifte produzieren, die zu starken Durchfällen führen können.

Beim Aufbau einer gesunden Darmflora nach Antibiotika helfen vor allem probiotische Lebensmittel. Probiotika, also lebende Mikroorganismen können auch als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden. Diese guten Bakterienstämme siedeln sich im Darm an, bekämpfen Eindringlinge und fördern die Produktion von Vitaminen im Darm.

Probiotika-Lebensmittel sind:

  • Naturjoghurt
  • Buttermilch
  • Kefir
  • Quark
  • Käse
  • Sauerkraut
  • Apfelessig
  • Hefe

Eine Ernährung mit Präbiotika, also Lebensmitteln, die den „guten“ Darmbakterien hochwertige Nahrung bieten, ist essenziell. Dazu gehören Ballaststoffe aus Vollkornprodukten oder Gemüse.

Ist die Darmflora so stark geschädigt, dass eine Ernährungsumstellung nicht ausreicht, kann eine mehrwöchige Kur helfen, den Darm zu sanieren. Das Verdauungssystem wird dabei entgiftet und gereinigt zum Beispiel mit Flohsamenschalen. Dabei ist auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Probiotika gibt es auch als Tabletten in Apotheken. In der medizinischen Wissenschaft ist diese Form des Darmaufbaus allerdings umstritten.

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Wie Arzneipflanzen auf die Bakterien im Darm wirken

Ist das Mikrobiom bereits aus dem Gleichgewicht geraten, kann sich das durch Bauchbeschwerden äußern. Andere Faktoren wie abgelaufene Magen-Darm-Infekte, Dauerstress oder eine Überempfindlichkeit der Darmnerven können weitere Auslöser für Blähungen, Krämpfe, Völlegefühl, Durchfall oder Verstopfung sein. Oft spielt alles zusammen und löst Beschwerden aus.

Besonders wenn verschiedene Beschwerden gleichzeitig auftreten wie zum Beispiel Blähungen gepaart mit Bauchkrämpfen, eignen sich Wirkstoffe aus Arzneipflanzen, denn sie bestehen nicht aus einem einzigen synthetischen Stoff, sondern aus einer Mischung natürlicher Wirkstoffe. Sie sind gut verträglich und arbeiten gleichzeitig an verschiedenen Wirkorten. Ein Beispiel hierfür ist die Kombination aus hochdosiertem Pfefferminzöl und Kümmelöl. Die Wirkstoffkombination reduziert Schmerzen, Krämpfe und Völlegefühl und wirkt entblähend. Am besten eignen sich magensaftresistente Kapseln, die zweimal täglich eingenommen werden. Zum Beispiel das pflanzliche Arzneimittel Carmenthin, das in der Apotheke erhältlich ist. Der Vorteil bei der Einnahme magensaftresistenter Kapseln ist, dass die hochdosierten Wirkstoffe ihre Wirkung direkt im Darm entfalten, und so auch Einfluss auf die Zusammensetzung des Mikrobioms nehmen können. Pfefferminzöl ist schmerzlindernd und entkrampfend. Kümmelöl wirkt entblähend, denn es lässt Schäume im Nahrungsbrei durch Reduzierung der Oberflächenspannung zusammenfallen. Durch eine Wachstumshemmung potentiell krank machender und Gas bildender Mikroorganismen des Darms besteht außerdem eine positive Wirkung auf das Mikrobiom, also auf die Bakterien im Darm.

Quellen:

Mikrobiom - Hirnforschung im Darm, in: thieme.de

Dickdarm - Aufbau und Funktion, in: internisten-im-netz.de

Unser Mikrobiom - ein Überblick, in: fet-ev.eu

Darmbakterien beeinflussen als Lieferanten für wichtige Fette den Stoffwechsel, in: eb.tuebingen.mpg.de

Stimmungsmacher im Darm, in: spektrum.de

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