Baby beim Arzt: Dieser Trick lindert Schmerzen

Verena Elson Medizinredakteurin

Das versetzt jedem Elternteil einen Stich ins Herz: Der Arzt setzt die Spritze an und nach einer kurzen Pause schreit das Baby aus voller Kehle. Wie eine aktuelle Studie zeigt, sind Eltern dieser Situation nicht hilflos ausgeliefert – mit einem einfachen Trick können sie die Schmerzen ihres Kindes lindern.

Sanftes Streicheln mindert das Schmerzempfinden von Babys
Sanftes Streicheln mindert das Schmerzempfinden von Babys Foto:  zorazhuang/iStock

Wenn ein Kind vor einer medizinischen Behandlung wie etwa einer Impfung sanft gestreichelt wird, empfindet es während der Prozedur weniger Schmerzen, wie Wissenschaftler an der University of Oxford herausfanden. Gemeinsam mit Kollegen der Liverpool John Moores University analysierte das Team um Prof. Rebeccah Slater die Hirnaktivitäten Neugeborener auf Pikser wie etwa bei der Entnahme einiger Blutstropfen. Sie verwendeten dazu die sogenannte Elektroenzephalografie (EEG), eine Technik, bei der die elektrische Aktivität des Gehirns gemessen wird.

Slaters frühere Arbeiten zeigten, dass die EEG-Aktivität in dem Neugeborenengehirn direkt nach dem Piksen zunimmt. Dieser Effekt kann verringert werden, indem man die Einstichstelle zuvor betäubt. In der aktuellen Studie konnte sie nachweisen, dass auch sanftes Streicheln die EEG-Aktivität mindert.

 

Schmerz lindern mit der optimalen Streichelgeschwindigkeit

Slater und ihr Team führten das Experiment mit insgesamt 30 Neugeborenen durch, die sie in drei Gruppen teilten: Eine Gruppe streichelten die Forscher unmittelbar vor der Behandlung mit einer Geschwindigkeit von 3 cm/Sekunde sanft mit einer weichen Bürste, die zweite Gruppe streichelten sie mit einer Geschwindigkeit von 30 cm/Sekunde und eine Kontrollgruppe wurde vor dem Piksen nicht gestreichelt.

Die Auswertung ergab, dass das langsame Streicheln die Aktivität der schmerzrelevanten Hirnareale im Vergleich zu schnellem oder gar keinem Streicheln um etwa 60 Prozent verringerte. Die Geschwindigkeit von 3 cm/Sekunde hatten die Forscher nicht zufällig gewählt: Studien zeigen, dass dieses Streicheltempo in den Bereich der optimalen Streichelgeschwindigkeit fällt.

Ein älteres Paar kuschelt
Service "Social Softness" – warum andere sich so weich anfühlen

 

C-taktiles Netzwerk – Nervengeflecht sendet positive Signale

Der Grund dafür liegt in dem sogenannten C-taktilen Netzwerk – ein Nervengeflecht, das auf unserer Haut für die Wahrnehmung von Berührungen zuständig ist. Werden wir sanft berührt, sendet es Signale an die sogenannte Inselrinde – dieses Hirnareal ist auch an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt. Dieser Vorgang löst positive Gefühle aus, die das Schmerzempfinden überlagern oder abschwächen. In Experimenten konnten Wissenschaftler nachweisen, dass das C-taktile Netzwerk bei einer Streichelgeschwindigkeit von einem bis zehn Zentimetern pro Sekunde am stärksten stimuliert wird. Bisher war allerdings noch nicht ganz geklärt, ob Babys bereits bei ihrer Geburt mit C-taktilen Fasern ausgestattet sind oder sich das Nervengeflecht erst im Laufe der Zeit bildet. Slater und ihr Team wollen das Experiment als nächstes mit Frühgeborenen wiederholen um herauszufinden, ob auch sie von der „Streicheltherapie“ profitieren.

Eltern können die neuen Erkenntnisse helfen, ihren Nachwuchs gut durch die Impfung oder Blutabnahme zu bringen. An welcher Körperstelle sie ihr Kind streicheln, spielt dabei eine untergeordnete Rolle – solange es ein Hautareal ist, an dem normalerweise Haare wachsen. Die Handfläche beispielsweise ist nicht mit einem CT-Netzwerk ausgestattet und kann darum keine entsprechenden Signale an das Gehirn übermitteln.

Quelle:
Slater, R. et al. (2018): Stroking modulates noxious-evoked brain activity in human infants, in: Current Biology.

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2019 praxisvita.de. All rights reserved.