Baby-Bauchweh – was tun?

Dr. med. Nadine Heß

Was lindert Bauchweh bei Babys? Wie kann ich eine Milchzuckerunverträglichkeit oder Magen-Darm-Infektion ausschließen? Woran können Eltern Komplikationen frühzeitig erkennen?

Kinderärztin Dr. Nadine Hess gibt Tipps bei Baby-Bauchweh
Expertin Dr. Hess: „Viele Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass hinter dem vielen Schreien primär eine Regulationsstörung steckt: Die Kinder können sich nicht von allein beruhigen. Durch das viele Schreien und Verschlucken von Luft kommt es dann sek © privat
 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Kürzlich wurde mir eine kleine Patientin vorgestellt, die besonders stark unter Bauchweh in den ersten Lebensmonaten litt. Die Tage vor der Konsultation bei mir hatte sie ausdauernd viele Stunden am Tag geschrien, oft die Beinchen angezogen und viel, viel Luft im Bauch.

 
 

Untersuchungen bei Baby-Bauchweh

Wir schauten also zunächst mal nach, ob im Bauch etwas nicht in Ordnung war. Die Darmgeräusche waren normal – weder vermehrt, noch komisch klingend. Der Bauch war gebläht, man sah es schon so, aber bei der Perkussion (Abklopfen des Bauches) hörte es sich ganz deutlich hohl an – also war viel Luft vorhanden.  Das Abtasten ergab keinen auffälligen Befund, der Bauch war weich und nicht schmerzhaft, die Organe nicht vergrößert, die Darmschlingen „quatschten“ auch nicht unter den Fingern (dieses Phänomen kommt bei Durchfall oft vor). Die Hautfarbe des gerade einen Monat alt gewordenen Mädchens war rosig, die Rekapillarisationszeit normal und die Pulse in der Leiste kräftig.

 

Essen, trinken und Hausmittel

Kirschkernkissen lindert Baby-Bauchweh
Ein erwärmtes Kirschkernkissen auf den Bauch des Babys zu legen, kann helfen, Bauchweh zu lindern© Fotolia

Die Mama hatte schon alles Mögliche versucht, um bei ihrem Baby das Bauchweh zu lindern: Sie ließ es bei den Stillmahlzeiten auch zwischendurch ein Bäuerchen machen, damit die Luft gar nicht erst in den Darm gelangen kann. Sie hatte auf ihre eigene Ernährung geachtet und keine Dinge gegessen, die als Blähungen-auslösende Lebensmittel bekannt sind sowie entblähende Tropfen zu den Mahlzeiten gegeben. Auch ein Kirschkernkissen kam angewärmt oft zum Einsatz, Darmflora-aufbauende Kapseln hatte die Hebamme schon vor Wochen aufgeschrieben und diese wurden seitdem auch täglich verabreicht. All das hatte nicht geholfen und der ganze Stress hatte schon dazu geführt, dass die Mama kaum noch Muttermilch hatte und mit den Nerven am Rande der Belastungsgrenze war – verständlicherweise.

 

Kümmel wirksam gegen Baby-Bauchweh

Wir machten also einen Plan – stillen nur soviel es geht, ohne Stress, alle weiteren Mahlzeiten sollte das kleine Mädchen als Flaschennahrung erhalten, zubereitet mit Fencheltee statt nur heißem Wasser. Zusätzlich verordnete ich Kümmelzäpfchen, die wirklich gut bei den Baby-Bauchweh helfen und eine kümmelhaltige Creme extra für Säuglinge, mit der man gut das Bäuchlein massieren kann, wenn es wieder weh tut.

Bei Baby-Bauchweh Bauch abtasten
Um herauszufinden, warum ein Baby Bauchweh hat, führen Kinderärzte bei der Untersuchung eine sogenannte Perkussion – Abklopfen des Bauches – durch© Fotolia

Wir machten eine Blutentnahme, um eine Milchzuckerunverträglichkeit auszuschließen. Ich hielt das zwar für eher unwahrscheinlich, wollte aber lieber auf Nummer sicher gehen. Und ich gab ein Röhrchen für eine Stuhlprobe mit nach Hause, um nach Auswertung der Probe ausschließen zu können, dass eine Magen-Darm-Infektion vorlag, auch wenn sonst nicht viel dafür sprach. In einem Bauchultraschall, das einige Tage zuvor schon stattgefunden hatte, war viel Luft im Darm zu sehen, sonst keine weiteren Auffälligkeiten. Da der Bauch in der klinischen Untersuchung ohne pathologischen (krankhaften) Befund war, verzichtete ich auf einen erneuten Ultraschall.

 

Regulationsstörung kann schuld an Baby-Bauchweh sein

Wir vereinbarten einen Wiedervorstellungstermin in vier Tagen und die Mama ging etwas beruhigter nach Hause. Zum einen wusste sie, dass akut nichts schlimmes vorlag und zum anderen hatte ich ihr erzählt, wie viele Kinder in den ersten Monaten an diesen Problemen leiden. Es muss auch gar nicht immer der Bauch die Ursache sein, viele Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass hinter dem vielen Schreien primär eine Regulationsstörung steckt: Die Kinder können sich nicht von allein beruhigen. Durch das viele Schreien und Verschlucken von Luft kommt es dann sekundär zu Baby-Bauchweh.

Ich dachte, für heute sei der Fall erledigt. War er aber leider nicht. Kurz darauf rief die Mama in der Praxis an,  die Tochter habe wieder ausdauernd geweint und nun haben beim Wickeln plötzlich eine Auffälligkeit entdeckt, die eben in der Praxis definitiv noch nicht da war.  Das Kind hatte nun einen dicken, verschieblichen Knubbel in der rechten Leiste. „Oh-oh...“, dachte ich nur und bat die Mutter wieder in die Praxis zu kommen. Ich vermutete einen Leistenbruch durch das viele Weinen.

 

Leistenbruch als Ursache für Baby-Bauchweh?

Als ich die Kleine wiedersah, war die Schwellung in der Tat noch da, es war ein kleiner, harter Knubbel zu tasten, der vorsichtig in den Leistenkanal zurückgeschoben werden konnte und sodann weder sicht- noch tastbar war. Mir blieb nichts anderes übrig, als Mama und Kind in die Kinderklinik zu schicken, denn die Verdachtsdiagnose eines Leistenbruchs hatte sich erhärtet.

Der Leistenkanal ist kurz nach der Geburt oft noch nicht ganz verschlossen. Kommt es zu anhaltend hohem Druck im Bauch – wie bei ausdauerndem Schreien – kann sich der Darm in den Leistenkanal schieben. So entsteht der Leistenbruch. Da der Darm einklemmen kann, sollte ein Leistenbruch rasch behoben werden.

In der Klinik bestätigte sich mein Verdacht leider und die kleine Patientin wurde am Folgetag operiert. Sie hat alles gut überstanden, die Wunde ist reizlos verheilt und kaum noch sichtbar.

Und nicht, dass nun ein falscher Eindruck entsteht – die meisten Kinder, die unter Bauchweh in den ersten Lebensmonaten leiden, entwickeln keinen Leistenbruch! Es ist aber eine mögliche Komplikation. Wenn Sie also bei Ihrem Kind plötzlich eine Verhärtung in der Leiste tasten oder sie einen Knubbel sehen, der vorher nicht da war, könnte es sich um einen Leistenbruch handeln. Wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren Kinderarzt.

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