Autoimmunkrankheit – Wenn Abwehrreaktionen den Körper zerstören

Frauen sind häufiger von Autoimmunkrankheiten betroffen als Männer
Mediziner gehen davon aus, dass Frauen häufiger von Autoimmunkrankheiten betroffen sind als Männer. Dafür verantwortlich sind vermutlich weibliche Hormone, da sie Entzündungen eher begünstigen als männliche © Fotolia

Unser Immunsystem ist darauf programmiert, uns vor Krankheiten zu schützen. Doch was passiert, wenn unser Abwehrsystem plötzlich körpereigenes Gewebe abgreift? Experte Professor Dietrich Kabelitz klärt auf!

Von einer Autoimmunerkrankung sprechen Mediziner immer dann, wenn das Abwehrsystem körpereigenes Gewebe angreift. Es handelt sich also um eine Art Fehlprogrammierung: Immunzellen erkennen beispielsweise die Zellen der eigenen Haut als Fremdkörper. In der Folge kommt es zu einer Entzündungsreaktion, die als Schuppenflechte bekannt ist.

 

Abwehrreaktionen können einzelne Organe zerstören

Autoimmunerkrankungen sind ein rätselhaftes Phänomen, das viele Fragen aufwirft. Was passiert dabei genau im Körper? "Die Abwehrreaktionen können einzelne Organe zerstören, zum Beispiel die Schilddrüse, oder auch ganze Systeme wie die Haut, die Gefäße und die Gelenke", erklärt der langjährige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Autoimmunerkrankungen, Professor Dietrich Kabelitz.

"Normalerweise greift unser Immunsystem die eigenen Körperzellen nicht an. Denn es verfügt über verschiedene Kontrollmechanismen, die die Selbstzerstörung unterdrücken." Bei einer Autoimmunerkrankung sind diese Mechanismen zumindest in einigen Zellen defekt.

 

Kann eine solche Erkrankung jeden treffen?

Ja. Aber warum bei einigen Menschen das Immunsystem plötzlich verrückt spielt, lässt sich schwer herausfinden. Oft steckt ein Zusammenspiel verschiedener Ursachen dahinter. "In den meisten Fällen spielen genetische Faktoren eine Rolle. Ebenso wie Infektionen, Stress und auch Umwelteinflüsse", sagt Prof. Kabelitz. Frauen sind jedoch sehr viel häufiger betroffen als Männer. Manche Autoimmun-Syndrome treten sogar zu 90 Prozent bei weiblichen Patienten auf.

 

Warum sind mehr Frauen betroffen als Männer?

Mediziner gehen davon aus, dass weibliche Hormone dafür verantwortlich sind. Sie begünstigen Entzündungen eher als männliche. Außerdem treten im Leben von Frauen häufiger Ereignisse auf, die im Verdacht stehen, Autoimmunerkrankungen auszulösen.

 

Wann bricht eine Autoimmunkrankheit typischerweise aus?

Es gibt Hinweise darauf, dass die Erkrankungen in Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen stehen. Daher auch das häufigere Auftreten bei Frauen. Typischerweise zeigen sich die ersten Symptome nach einer Geburt oder in der Menopause. Betroffene berichten in vielen Fällen außerdem davon, dass sie in besonders stressigen Phasen erkrankt sind.

 

Warum werden die Erkrankungen immer häufiger?

Die Zahl der Autoimmunerkrankungen steigt tatsächlich stetig an. Allein in Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen an leichten bis schweren Verlaufsformen von Autoimmunkrankheiten. Mehr als 500 solcher Krankheitsbilder werden mittlerweile klinisch unterschieden. Und es kommen immer wieder neue hinzu. "Eine Autoimmunkrankheit wie Morbus Crohn (chronische Darmentzündung) gab es vor etwa 150 Jahren noch gar nicht. Deshalb gehen wir heute davon aus, dass sie etwas mit den veränderten Lebensbedingungen zu tun haben muss, die unsere moderne Umwelt mit sich bringt", sagt Prof. Kabelitz. Rauchen verdoppelt beispielsweise das Risiko, an Gelenkrheuma zu erkranken, bestimmte Weichmacher in Kosmetika begünstigen die Entstehung einer sogenannten Schmetterlingsflechte (Lupus erythematodes). Eine aktuelle Studie benennt sogar den gestiegenen Salzkonsum der modernen Gesellschaft als mögliche Ursache der Erkrankungen.

 

Warum dauert es oft so lange bis zur Diagnose?

Die ersten Anzeichen sind in der Regel selbst für erfahrene Mediziner schwer zuzuordnen: Juckreiz, Verstimmung, Verdauungsprobleme, Magenschmerzen.

Dahinter können sich viele Krankheiten verbergen. Betroffene sollten daher ihre Familien- und Krankengeschichte auf Hinweise prüfen, dass ihre Beschwerden durch das eigene Immunsystem ausgelöst werden. Gab es bereits Fälle von Autoimmunerkrankungen in der Familie? Sind die Beschwerden nach einem einschneidenden Ereignis zum ersten Mal aufgetreten? Besteht bei der Arbeit oder durch ein Hobby Kontakt zu Mineralölen oder Silikonstaub?

 

Wie lassen sich Autoimmunerkrankungen behandeln?

Die Symptome der meisten Erkrankungen können durch eine gesunde Lebensweise zumindest abgeschwächt werden. Das bedeutet: Ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf, Verzicht auf Nikotin und maßvoller Alkoholgenuss. "Allerdings kann man heute die Entzündungsreaktionen häufig auch sehr gut medikamentös ausschalten. Die Therapien greifen viel besser als noch vor zehn Jahren", erklärt der Experte. Einige Mediziner erforschen auch einen völlig neuen Therapieansatz, der den Körper künstlich unter Stress setzt. Bei einer Autoimmunerkrankung des Darms beispielsweise werden gezielt Fremdkörper wie etwa Fadenwürmer in das Verdauungssystem geleitet, damit die Abwehrkräfte sich gegen einen echten Feind richten, und nicht die eigenen Körperzellen angreifen.

 

Sind Autoimmunkrankheiten heilbar?

Die Forschung ist in den letzten Jahren zwar rasant vorangeschritten, doch Autoimmunerkrankungen sind immer noch nicht heilbar. "Das Therapieziel muss sein, die Fehlsteuerung im Körper zu beheben und das Immunsystem dazu zu bringen, sich nicht mehr selbst anzugreifen. Doch dies wird sicher noch einige Zeit dauern", erklärt Prof. Kabelitz.

 

Können sie jedes Organ befallen?

Ja. Die Abwehrreaktion kann prinzipiell jede Körperzelle angreifen. Häufig sind sogar mehrere Organe zugleich betroffen.

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