Aufgedeckt: Die Cholesterinsenker-Lüge

Rasmus Cloes Medizinredakteur
Statine
Schützen Cholesterinsenker vor Krebs? © Fotolia

Eine neue Studie legt nahe, dass sogenannte Statine das Krebs-Risiko stark senken. Viele Medien sind euphorisch. Zu recht?

Eine Meldung, die scheinbar Unglaubliches verspricht, macht gerade in der internationalen Presse die Runde: Cholesterinsenker, sogenannte Statine, sollen Krebs bekämpfen. Die Überschriften versprechen viel: „Statins could halve the risk of dying from cancer“ – Statine können das Risiko an Krebs zu sterben halbieren – titelt zum Beispiel die englische Times. Andere Schlagzeilen lauten ähnlich.

Auch erste deutschsprachige Medien greifen die Meldung auf. Doch was steckt dahinter? Ursprung ist das jährliche Treffen der American Society of Clinical Oncology in Chicago, das zurzeit stattfindet. Dort wurden gleich zwei Studien präsentiert, die einen Zusammenhang zwischen Statinen und einem geminderten Krebs-Risiko nahelegen.

Die eine leitete Dr. Ange Wang von der Stanford University School of Medicine. Sie untersuchte mit ihrem Team einen Datensatz, in dem der Gesundheitszustand von 146 000 US-Frauen zwischen 1993 und 1998 erfasst wurde. 3000 dieser Frauen starben an Krebs. Wang verglich das Krebsrisiko von Frauen, die Statine bekamen, mit dem von Frauen, die keine einnahmen.

 

Erhebliche Unterschiede

In der Statin-Gruppe hatten die Frauen ein 55 Prozent niedrigeres Knochenkrebsrisiko, aber auch Darm- oder Brustkrebs trat deutlich seltener auf. Insgesamt lag ihr Krebsrisiko um 20 Prozent niedriger. Auch die zweite Studie zeigte ähnliche Ergebnisse bei einem Datensatz, der auch Männer berücksichtigt. Heißt das, wir sollten schnell Statine nehmen, um uns vor Krebs zu schützen?

„Nein!“, schreibt Dr. Malcolm Kendrick, Experte auf dem Gebiet cholesterinsenkender Medikamente und einer ihrer Kritiker. Er führt dazu mehrere Gründe an.

 

Direkter Zusammenhang ist nicht bewiesen

Die Studien sind nur Beobachtungsstudien. Diese können zwar mögliche Verbindungen zwischen zwei Faktoren aufzeigen, aber keinen direkten Zusammenhang beweisen. Sie legen also in diesem Fall nur nahe, dass Personen, die Cholesterinsenker nehmen, seltener Krebs bekommen. Sie unterscheiden sich aber auch in vielen anderen Merkmalen von der Vergleichsgruppe. So werden sie zum Beispiel im Schnitt einen höheren Cholesterinwert haben. Auch der könnte sie vor Krebs schützen. Hinzu kommen noch viele andere Merkmale, die den Effekt hervorgerufen haben könnten.

Eine klare Aussage über einen direkten Zusammenhang können nur sogenannte randomisierte kontrollierte Studien liefern. Also Studien, bei denen Wissenschaftler die Probanden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen einteilen und den einen in diesem Fall Statine geben, den anderen nicht. Sollte sich dann ein Unterschied im Krebs-Risiko zeigen, wird dieser mit sehr großer Wahrscheinlichkeit durch die Cholesterinsenker hervorgerufen.

 

Extrem niedrige Cholesterinwerte erhöhen Krebsrisiko

Kendrick führt weiterhin an, dass sehr niedriger Cholesterinwerte sogar mit einem deutlich erhöhten Krebsrisiko in Verbindung stehen. Das zeigte eine japanische Studie bereits im Jahr 2002. Das stützt eher die These, dass die Probanden nicht trotz, sondern wegen ihres erhöhten Cholesterinwerts seltener Krebs bekamen.

 

Krebs-Risiko nicht halbiert

Hinzu kommt noch, dass das halbierte Krebsrisiko nur bei sogenannten Osteosarkomen beobachtet werden konnte. Sie zählen mit 0,2 bis 0,3 Betroffenen pro 100 000 Menschen zu den seltenen Krebsarten. Zufällige Schwankungen können leicht missinterpretiert werden. Bei anderen Krebsarten war der beobachtete Effekt deutlich geringer. Schon allein deswegen sind Überschriften, die von einem halbierten Krebs-Risiko durch Cholesterinsenker sprechen, irreführend.

Fazit: Es wird noch weitere Studien brauchen, um zu sagen, ob Statine wirklich vor Krebs schützen. Das Krebs-Risiko halbieren werden sie sicherlich nicht.

Hamburg, 04. Juni 2015

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