Asperger-Syndrom: „Gesichtsausdrücke und Blicke sind mir ein Rätsel"

Autismus
Autisten können Gestik und Mimik ihrer Mitmenschen häufig nicht entschlüsseln – so fällt es ihnen schwer, sich in andere hineinzuversetzen © Fotolia

Wenn alles schnell zu viel wird und man Menschen oft nicht versteht, kann man dann eine Ehe führen? Oh ja! Gabrijela ist Autistin – und sie hat ihr Glück gefunden.

Sicher, ich bin nicht wie „Rain Man". Ich lerne keine Telefonbücher auswendig, zähle keine Zahnstocher auf dem Boden und wippe nur hin und her, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt. Es ist nur so: Die Bluse, die ich trage, habe ich noch zwölf Mal im Schrank, allerdings in vier verschiedenen Farben. Damit ist das „Problem Bluse" effizient und elegant gelöst. Hosen und Röcke habe ich vier- und fünffach. Einmal sprach mich eine Frau an: „Ist das etwa die einzige Hose, die du hast?" „Nein", antwortete ich gereizt. „Aber das ist meine einzige Lieblingshose!" Routine, das Immergleiche, beruhigt mich. Ich sehe am liebsten hundert Mal denselben Film: „Doktor Schiwago". Und esse nach Möglichkeit immer dasselbe: gebratene Eiernudeln mit Sojasprossen vom Asia-Imbiss. Ich bewege mich gern in dieser Welt, fühle mich jedoch schnell überreizt. Bei Lärm und Licht helfen Ohrstöpsel und Sonnenbrillen. Aber der Kontakt zu anderen Menschen wird mir schnell zu viel, auch weil ich oft keine Ahnung habe, was in ihnen vorgeht.

 

„Ich habe das Gefühl, von Poker-Gesichtern umgeben zu sein“

Zwischen anderen und mir scheint es eine unsichtbare Glasscheibe zu geben. Blickkontakte kann ich nur schwer aushalten. Selbst mein Mann mit seinen Schokoladenaugen sieht sich immer wieder dazu verdammt, neben statt vor mir zu sitzen. Augen senden unablässig Signale. Doch was sie mir sagen wollen, ist mir meist ein Rätsel. Auch die Mimik anderer Leute verunsichert mich. Oft habe ich das Gefühl, nur von Poker-Gesichtern umgeben zu sein, dabei weiß ich, dass es sozusagen an meiner „Leseschwäche" liegt. Die ist ein Problem. Denn wenn ich zum Beispiel ein ängstliches, weil schüchternes Gesicht fälschlicherweise als aggressiv wahrnehme, kommt es zu ungünstigen Missverständnissen. Deshalb sind mir Menschen lieb, die ihr Herz auf der Zunge tragen. Möglich, dass meine frühesten Kindheitserfahrungen meine autistischen Züge begünstigt haben: Mit eindreiviertel Jahren wurde ich aus einem Hamburger Kinderheim adoptiert. Da hatte ich bereits eine Trennung von meinen leiblichen, jugoslawischen Eltern hinter mir. Im Heim fehlten mir feste Bezugspersonen und Zuneigung. Schon dort zog ich mich in meine Welt zurück, igelte mich ein. In der Schule grenzten mich die anderen aus, erst in der Oberstufe wurde es erträglicher. Ich machte als eine der besten den Abschluss. Doch ich fragte mich immer noch, warum ich mich so anders als die anderen fühlte, wie von einem anderen Stern.

 

„Mein Mann trägt die Sonne auf den Lippen"

Warum ich regelmäßig überreagiere, wenn etwas meine Routinen stört oder jemand eine Planänderung vorschlägt? Warum vergrabe ich mich manchmal wochenlang in meinen Büchern, ohne den Kontakt zu anderen zu vermissen? Warum macht sich bei mir ein diffuses Gefühl der Unordnung breit, wenn mein Mann auf „der falschen Seite" von mir läuft, schläft, sitzt, isst? Ihn habe ich in der Cafeteria der Uni Waterloo kennengelernt, wo ich Literaturwissenschaften studiert habe. Ich aß mit einer Studentin zu Mittag, die er kannte, und so setzte er sich zu uns. „Der trägt die Sonne auf den Lippen", dachte ich spontan. Doch als er die anstehende Party am Abend erwähnte, verschwand ich auf unbestimmte Zeit in den Waschräumen.

Asperger-Syndrom: Andere „Verdrahtung“ des Gehirns

Autismus an der Grenze zur „Normalität", so könnte man das Asperger-Syndrom beschreiben. Es handelt sich dabei nicht um eine Krankheit, sondern um eine andere „Verdrahtung" des Gehirns. In Berufen, wo Konzentration und ruhiges Arbeiten gefragt sind, sind sogenannte „Aspis" oft herausragend gut.

Spezial-Interessen, denen mit größter Ausdauer nachgegangen wird, sind ein typisches Merkmal. Bei Frauen und Mädchen fällt das weniger auf als bei Männern, da ihr Spezialinteresse zum Beispiel auch Pferde oder soziale Interaktionen sein können, die sie endlos analysieren.

Adressen und Tipps für Betroffene finden Sie unter www.aspergia.de und www.aspies.de.

 

„Mein Mann ist mir in mancherlei Hinsicht ähnlich, auch als Nicht-Autist“

Erst drei Monate später tranken wir erstmals Kaffee zusammen, wenige Monate später waren wir dann aber gleich verlobt. Gemeinsam leben wir nun in seiner Heimat Mexiko. Hier bin ich freischaffend tätig, schreibe Bücher und gebe gesammelte Werke heraus. Mein Mann, ein Mathematik-Professor, ist mir in mancherlei Hinsicht ähnlich, auch als Nicht-Autist. Wenn einer von uns in seine Welt abtaucht, um ein Problem zu lösen oder einem Interesse nachzugehen, gibt der andere ihm Zeit und Raum dafür. Mit meinen Routinen kommt er gut zurecht. Bis auf die Brötchenkrise vielleicht, die sich wenige Monate vor meiner offiziellen Autismus-Diagnose ereignete. Seit Monaten hatte es abends bei uns ein bestimmtes Vollkornbrötchen mit Frischkäse gegeben, so auch an jenem Abend. Mein Mann zögerte. Er hielt das Brötchen, legte es zurück und sagte langsam, aber bestimmt: „Ich kann nicht. Ich kann das nicht mehr essen." Es hing ihm zum Hals raus, das hätte er doch schon angedeutet. Ich wusste von nichts. Da mussten wir beide lachen – und während ich weiter an meinem Stammbrötchen festhielt, kaufte ich ab sofort für ihn ein anderes in der Bäckerei.

 

„Die Diagnose Asperger ist wie ein schützender Mantel"

Blickzwänge und oberflächliche Tischgespräche lassen Mittagessen für mich leicht zur Qual werden. Doch als mein Mann Bekannte zu uns einladen wollte und ich eine Panikattacke bekam, dachte ich es zum ersten Mal. „Ich glaube, ich bin autistisch", sagte ich. Mein Mann nickte wohltuend unaufgeregt: „Vielleicht bist du das." Am nächsten Morgen fing ich an nachzuforschen und fand – das Asperger-Syndrom. Ein Professor des Universitätsklinikums Freiburg bestätigte im Sommer 2009 nach einigen Tests meinen Verdacht. Die Diagnose ist für mich Erklärung und Schutzmantel in einem. Wenn Entscheidungen anstehen, frage ich mich nun, ob sie mit meinem Wesen vereinbar sind. Ich gehe bewusster mit meinen Stärken und Schwächen um. Das hilft mir, schwierige Situationen zu meistern oder ihnen ganz vorzubeugen. Ich bin selbstbewusster geworden, lockerer. Das Leben mit Autismus fühlt sich an wie ein Experiment – und ich bin gespannt, wohin es mich noch führt.

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