Arzneimittel-Skandal: Risiken, aber keine Wirkung

Ein Mädchen sitzt an eine Mauer gelehnt und schaut traurig
Zwei Depressiva wirken bei Jugendlichen nicht, haben aber gefährliche Nebenwirkungen © Fotolia

Die Antidepressiva Paroxetin und Imipramin zeigen bei Jugendlichen keine Wirkung, bergen aber gefährliche Risiken, zeigt eine aktuelle Studie britischer und US-amerikanischer Wissenschaftler.

2001 kamen Wissenschaftler der Brown University im US-amerikanischen Providence in einer Studie zu dem Schluss, das Antidepressivum Paroxetin sei bei Jugendlichen wirksam und würde gut vertragen. Das Merkwürdige an dieser Schlussfolgerung: Die in der Studie erfassten Daten sprachen eigentlich eine andere Sprache. Darauf weist jetzt eine neue Studie hin, die ein Team aus britischen und US-amerikanischen Forschern nun vorlegte.

 

Erneute Überprüfung der Daten

In der im „British Medical Journal“ (BMJ) veröffentlichten Studie nahmen sich Wissenschaftler um Joanna Le Noury an der Bangor University in Wales die 2001 erfassten Daten noch einmal vor. Demnach zeigte Paroxetin zwar keine bessere Wirkung bei depressiven Jugendlichen als ein Placebo, es hatte aber dafür deutlich stärkere Nebenwirkungen. So wurde in der Paroxetin-Gruppe häufiger von Suizidabsichten und –versuchen berichtet. In derselben Studie wurde außerdem die Wirksamkeit des Antidepressivums Imipramin überprüft. Auch dieses Mittel wirkte nicht besser als ein Placebo. Dafür kam es bei Jugendlichen, die Imipramin einnahmen, gehäuft zu Herzrhythmusstörungen.

Dennoch sind beide Wirkstoffe in den USA und auch in Deutschland zugelassen. Und das, obwohl ein Mitarbeiter der US-Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) bereits 2002 angemerkt hatte, dass die Schlussfolgerung der Studienautoren nicht mit den Ergebnissen zusammenpasste und die Wirksamkeit der beiden Medikamente nicht bewiesen werden konnte. Das geht aus einem begleitenden Kommentar der aktuellen Studie hervor.

Die Originalstudie wurde von dem Paroxetin-Hersteller Smith-Kleine-Beecham, heute Glaxo-Smith-Kline, finanziert. Der Kommentator der Studie, Peter Doshi, äußert in seinem Kommentar den Verdacht, dass die Studie von einem Ghostwriter des Konzerns verfasst wurde.

 

Initiative für mehr Transparenz in der Forschung

Die neue Studie ist vor allem der Initiative RIAT („Restoring Invisible and Abandoned Trials“) zu verdanken, die sich für mehr Transparenz bei wissenschaftlichen Arbeiten engagiert. Die Forscher hoffen nun, mit ihren Studienergebnissen den Druck auf Verantwortliche zu erhöhen, damit die Fehlinterpretation der Daten Folgen hat und die Mittel vom Markt genommen werden.

Patienten, die aktuell eines der Medikamente einnehmen, raten Mediziner, mit ihrem Therapeuten über einen Präparat-Wechsel zu sprechen.

Hamburg, 21. September 2015

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