App kann Mittelohrentzündung hören

Verena Elson

US-Forscher haben eine App entwickelt, die eine Mittelohrentzündung zuverlässig erkennen kann. Dafür halten die Eltern das Smartphone und ein Stück Papier ans Ohr ihres Kindes, den Rest erledigt die App.

Dr. Randall Bly testet die App am Ohr seiner Tochter
Schnelle Diagnose bei Mittelohrentzündung: Dr. Randall Bly von der Washington University testet die App am Ohr seiner Tochter Foto:  Dennis Wise/University of Washington

Mittelohrentzündungen kommen bei Kindern in den ersten drei Lebensjahren besonders häufig vor. Das liegt unter anderem an der bei Kleinkindern noch engen und kurzen Ohrtrompete, die schneller zuschwillt als bei Erwachsenen – was den Druckausgleich und den Abfluss von Flüssigkeiten erschwert und Entzündungen begünstigt.

Mittelohrentzündungen entstehen in der Regel im Zuge von grippalen Infekten – und davon haben Kleinkinder im Schnitt sechs bis zehn pro Jahr. Beim ersten Druckgefühl auf den Ohren können Nasentropfen und Inhalationen die Mittelohrentzündung oft noch abwenden. Doch für Eltern ist es häufig schwierig, zu erkennen, ob die Schmerzen des Nachwuchses schon ein Fall für den Arzt sind oder ob es reicht, zunächst abzuwarten. Kann das Kind noch nicht sprechen, kann es zudem schwierig sein, herauszufinden, ob es tatsächlich Ohrenschmerzen sind, die den kleinen Patienten plagen.

 

Diagnose mit Smartphone und Papier

Einer Mittelohrentzündung geht immer ein sogenannter Paukenerguss voraus, also die Ansammlung von Flüssigkeit hinter dem Trommelfell. Dieser allein kann schon sehr unangenehm sein und das Hörvermögen beeinträchtigen. Wird dieses Sekret mit Viren oder Bakterien infiziert, entsteht daraus eine Mittelohrentzündung.

Forscher der University of Washington haben eine Smartphone-App entwickelt, die erkennen kann, ob sich im Mittelohr eine Flüssigkeitsansammlung befindet. Eltern brauchen dafür lediglich ihr Smartphone und ein Stück Papier, das zu einem Trichter geformt und über Mikrofon und Lautsprecher des Smartphones geklebt wird. Daraufhin wird dieser Trichter ins Ohr gehalten und die App gestartet.

Kinderärztin Dr. Nadine Hess
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App erkennt Flüssigkeitsansammlung anhand der Schallwellenform

Das Smartphone produziert eine Reihe leiser Geräusche – und an der Weise, wie diese vom Ohr des Kindes durch den Trichter zurückgespielt werden, kann die App bestimmen, ob sich im Mittelohr Flüssigkeit angesammelt hat. Sie erkennt dies an der Form der zurückgespielten Schallwellen. „Es ist, wie wenn man an ein Weinglas klopft“, erklärt Studienautor Justin Chan. „Je nachdem, wie viel Flüssigkeit darin ist, entstehen unterschiedliche Geräusche.“

Aus Sicht der Autoren könnte die App für Eltern eine große Hilfestellung darstellen bei der Entscheidung, ob ein Arztbesuch notwendig ist oder nicht. So einfach und schnell wie ein Fieberthermometer liefert sie eine Antwort: Befindet sich Flüssigkeit im Mittelohr, ist ein Arztbesuch angeraten. Hat sich keine Flüssigkeit angesammelt, reicht vorerst „abwarten und inhalieren“.

Vorsicht vor diesen Antibiotika

In einigen Fällen müssen Mittelohrentzündungen mit Antibiotika behandelt werden. Mediziner warnen derzeit vor einer bestimmten Antibiotikagruppe, den sogenannten Fluorchinolonen. Diese können schwerwiegende Nebenwirkungen auf Muskeln, Gelenke und Nervensystem haben – aus diesem Grund dürfen sie nur noch in Ausnahmefällen verschrieben werden. Für Ohrentropfen gelten diese Einschränkungen nicht, da sie nur lokal angewendet werden. Dennoch sind auch hier Nebenwirkungen möglich – darum raten viele Ärzte dazu, auch bei Ohrentropfen auf andere Mittel auszuweichen.

Quelle:
Chan, J. et al. (2019): Detecting middle ear fluid using smartphones, in: Science Translational Medicine.

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