Antibiotikaresistente Keime in Discounter-Geflügel von Lidl und Aldi: Studie schlägt Alarm

Mona Eichler Health-Redakteurin

Antibiotikaresistente Keime finden sich in über 50% der Hähnchen aus Europas größten Geflügel-Schlachtereien. Das alarmierende Ergebnis einer aktuellen Germanwatch-Studie unterstreicht die Gefahr, die von Billigfleisch ausgeht, das in Discountern  wie Lidl und Aldi verkauft wird.

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Inhalt
  1. Antibiotikaresistente Keime in Discounter-Geflügel
  2. Kontaminiertes Fleisch: Die Zahlen der Studie
  3. Experten schlagen Alarm 

Europäisches Discounter-Geflügelfleisch gerät einmal mehr in die Kritik: Laut einer aktuellen Studie wiesen über die Hälfte der labortechnisch untersuchten Stichproben antibiotikaresistente Keime auf. Mehr noch, jedes dritte Hähnchen davon war mit Resistenzen gegen Notfall-Antibiotika (Reserveantibiotika) kontaminiert. 
Die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation Germanwatch und der gemeinnützige Verein "Ärzte gegen Massentierhaltung" schlagen Alarm und weisen auf die gesundheitlichen Risiken, die durch antibiotikaresistente Keime für den Menschen entstehen, hin. 

Wie kommen antibiotikaresistente Keime in unsere Nahrung?

In der EU übersteigt der Antibiotika-Einsatz für Tiere den für Menschen. Vor allem in der Massentierhaltung wird Antibiotika häufig verabreicht: Die Tiere werden auf so engem Raum und in so unüberschaubar großen Gruppen gehalten, dass einzelne Erkrankungen nicht ausgemacht werden können. Deswegen erhalten alle Tiere Antibiotika und bilden so antibiotikaresistente Keime im Körper. Das Robert Koch-Institut warnt: "Wenn Antibiotika zu oft, über einen zu langen Zeitraum oder unsachgemäß angewandt werden, begünstigt das die Entstehung und Verbreitung von resistenten Erregern."

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Antibiotikaresistente Keime in Discounter-Geflügel

Für ihre Studie ließen Germanwatch und "Ärzte gegen Massentierhaltung" ingesamt 165 Hähnchenfleischproben im Nationalen Referenzzentrum für gramnegative Krankenhauserreger (Bochum) labortechnisch untersuchen. Das Fleisch war zuvor in Filialen von Lidl und Aldi in Deutschland, Frankreich, Polen, den Niederlanden und Spanien gekauft worden. Es stammte aus den drei führenden Geflügelkonzernen Europas: der LDC-Gruppe (Frankreich), PHW (Deutschland) und Plukon (Niederlande). Zu PHW gehört unter anderem die Marke Wiesenhof.

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In einer Pressemitteilung fasste Germanwatch die besorgniserregenden Ergebnisse zusammen: "Mehr als jede zweite Hähnchenfleischprobe (im Durchschnitt 51 Prozent) aus den drei größten Geflügelkonzernen Europas ist mit Resistenzen gegen ein oder sogar gegen mehrere Antibiotika gleichzeitig belastet. Im Schnitt schleppt mehr als jedes dritte Hähnchen (35 Prozent) sogar antibiotikaresistente Krankheitserreger mit Resistenzen gegen Notfall-Antibiotika (Reserveantibiotika) in die Lebensmittelkette ein."

 

Kontaminiertes Fleisch: Die Zahlen der Studie

  • 51% der 165 Fleischproben wiesen antibiotikaresistente Krankheitserreger auf
  • Geflügelkonzern PHW (Deutschland) mit 59% verseuchter Proben am stärksten belastet
  • LDC-Gruppe (Frankreich): 57% belastete Geflügelproben
  • Plukon (Niederlande): 36% belastete Geflügelproben
  • 35% der untersuchten Hähnchen wiesen antibiotikaresistente Krankheitserreger mit Resistenzen gegen Reserveantibiotika auf

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Resistente Keime: Lebensbedrohlich für den Menschen

Antibiotikaresistente Keime in Geflügel können für Menschen zur Bedrohung werden. Durch die Nahrung aufgenommen, lösen sie eine Widerstandsfähigkeit gegen Antibiotika aus. Im Falle einer späteren Infektion – und sei es durch eine vermeintlich harmlose Schnittwunde – helfen die sonst wirksamen Medikamente nicht mehr. Allein in Europa sterben jährlich rund 33.000 Menschen dadurch, dass lebensrettende Antibiotika nicht greifen. Ein alarmierender Faktor der aktuellen Studie ist der hohe Anteil an Geflügelproben mit Resistenzen gegen Reserveantibiotika. Sogenannte Reserveantibiotika, auch Notfall-Antibiotika, sind eigentlich dem Menschen vorbehalten und oft die letzte Behandlungsmöglichkeit, die Ärzten bleibt, wenn herkömmliche Antibiotika nicht wirken.

 

Experten schlagen Alarm 

Reinhild Benning, Expertin für Tierhaltung bei Germanwatch, betont den Ernst der Lage: "Die hohen Resistenzraten – besonders gegen Reserveantibiotika – haben uns überrascht und schockiert. Antibiotikaresistenzen sind ein enormes Gesundheitsrisiko für Menschen. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie benötigen Covid-19-Patientinnen und -Patienten oft wegen bakterieller Begleiterkrankungen wirksame Antibiotika. Kontaminiertes Geflügelfleisch aus industrieller Massentierhaltung kann dazu beitragen, dass sogar die letzten wirksamen Antibiotika immer häufiger versagen. Brüssel hat der Fleischindustrie schon zu viele Extrawürste genehmigt. Jetzt muss sie der Rettung von Menschenleben Priorität geben vor der industriellen Billigfleischproduktion. Notfall-Antibiotika in Tierfabriken müssen verboten werden." 

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Die EU-Kommission will in den kommenden Wochen über das Thema Antibiotika in der Fleischindustrie beraten. Zumindest in Deutschland besteht Handlungsbedarf: Laut Germanwatch ging der Antibiotikaverbrauch bei Masthähnchen in Deutschland von 2014 auf 2017 um nur 0,9% zurück. Antibiotikaresistente Keime in Discounter-Geflügel bleiben also ein Problem. 

Quelle:
Studie: Hähnchenfleisch im Test auf Resistenzen gegen Reserveantibiotika, in: germanwatch.org

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