Antibiotika – Fluch oder Segen?

Dr. med. Nadine Heß

Jeder, der mal eine bakterielle Infektion hatte – wie etwa eine Mandelentzündung, weiß, dass Antibiotika eine der stärksten und nützlichsten Waffen der modernen Medizin sind. Aber als Kinderarzt hört man auch oft: „Oh nein, bitte kein Antibiotikum! Das letzte Mal war mein Kind danach erst richtig krank!“ Ich habe den Eindruck, für viele gehört das A-Wort (=Antibiotikum) zu einer Art „Achse des Bösen“ der Medizin, ähnlich wie das K-Wort (=Kortison). Ist diese Antibiotika-Angst wirklich gerechtfertigt?

Kinderärztin Dr. Nadine Hess gibt Tipps zu Antibiotika für Kinder
Expertin Dr. Hess: "Viele Eltern berichten, dass ihr Kind – nachdem es ein Antibiotikum erhalten hat –, länger krank war und gleich den nächsten Infekt bekam" © privat
 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess:

Das erste Antibiotikum war Penicillin und wurde eher zufällig entdeckt. Sir Alexander Fleming, ein schottischer Bakteriologe am St. Marys Hospital in London, hatte im Sommer 1928 eine Petrischale mit Staphylokokkenbakterien beimpft und sich anschließend in den Urlaub verabschiedet. Als er nach mehreren Wochen wiederkam, hatte sich auf der Petrischale ein Schimmelpilz namens Penicillinum notatum  angesiedelt. Und zu Flemings Überraschung wuchsen dort keine Bakterien mehr. Endlich war ein Stoff gegen die vielen bakteriellen Erkrankungen – wie zum Beispiel Scharlach – gefunden. Bis zu diesem Zeitpunkt verliefen solche Erkrankungen häufig tödlich.

Heute kennt die Medizin eine Vielzahl unterschiedlicher Antibiotika. Gegen beinahe jeden bakteriellen Erreger gibt es ein passendes Antibiotikum – noch, denn die Resistenzen nehmen zu. Immer mehr Bakterien reagieren nur noch auf wenige Antibiotika. Das hat auch damit zu tun, dass Antibiotika nicht immer sinnvoll und oft vorschnell eingesetzt werden – zum Beispiel bei einem Virus-Infekt (in diesem Fall helfen Antibiotika überhaupt nicht). Welche Art von Infektion vorliegt, kann jeder Arzt mithilfe eines Blutbilds oder Abstrichs nachweisen.

Bei aller Vorsicht und Abwägung, die im Bezug auf den Einsatz von Antibiotika gelten sollten – es gibt Situationen, da sind sie unverzichtbar und ein zögerlicher Einsatz verschlimmert den Infekt nur. Viele Eltern berichten, dass ihr Kind – nachdem es ein Antibiotikum erhalten hat –, länger krank war und gleich den nächsten Infekt bekam. Meistens liegt das aber eher daran, dass mit dem Einsatz des Antibiotikums (zu) lange gewartet wurde, so dass der Infekt das Immunsystem bereits stark geschwächt hat. Anschließend dauert es dann länger, bis das Kind wieder komplett gesund ist.

Joghurt unterstützt die Darmflora, wenn Kinder durch Antibiotika Durchfall bekommen haben
Antibiotika können bei Kindern Durchfall auslösen. Joghurt unterstützt den Wiederaufbau einer gesunden Darmflora© Fotolia

Die Infekt-Anfälligkeit kann allerdings aufgrund der vorübergehenden Schwäche des Immunsystems noch eine Zeit lang erhöht sein. Es stimmt übrigens, dass viele Antibiotika Durchfall verursachen. Das liegt daran, dass das Antibiotikum nicht zwischen nützlichen und krankmachenden Bakterien unterscheidet. So wird auch immer ein Teil (bakteriellen) Darmflora durch das Antibiotikum zerstört. Das ist zwar sehr unangenehm, geht aber vorüber. Helfen können probiotische Produkte aus der Apotheke oder auch der Verzehr von Joghurts. Allerdings erst nach der Beendigung der antibiotischen Therapie.

Nichtsdestotrotz muss nicht jede bakterielle Erkrankung antibiotisch behandelt werden. Viele Infekte kann der Körper auch alleine überwinden. Bloß weil Bakterien nachweisbar sind, ist nicht zwangsläufig eine Behandlung indiziert. Es kommt immer auf die Gesamtsituation an – den Allgemeinzustand des Kindes, Befund und den Erkrankungsverlauf. Wenn Sie sich unsicher sind, ob eine antibiotische Therapie bei Ihrem Kind notwendig ist oder nicht, sprechen Sie mit Ihrem Kinderarzt. Er wird Ihnen seine Gründe dafür oder dagegen gern erklären.

Sofern keine medizinische Notwendigkeit vorliegt, wird er in der Regel aber eher abraten. Denn mittlerweile deuten mehrere Studien darauf hin, dass Antibiotika die Entstehung von Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten begünstigen können.

Übrigens: Alexander Fleming erhielt 1945 für seine Entdeckung den Nobelpreis.

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