Angstzustände: Symptome, Ursachen und Behandlung

Angstzustände sind oft Anzeichen einer Angststörung – aber nicht immer. Die möglichen Ursachen können von hormonellen Schwankungen bis hin zu Stoffwechselerkrankungen reichen.

Eine Frau sitzt angespannt auf dem Sofa
Manchen Betroffenen ist gar nicht bewusst, dass sie unter Angstzuständen leiden Foto: iStock_fizkes

Angst ist eine überlebenswichtige Emotion, die in vielen Situationen ihre Berechtigung hat. Erst wenn Angst immer wieder in harmlosen, alltäglichen Situationen aufkommt, wird sie zum Problem – es kommt zu zermürbenden Angstzuständen. Dass der Körper in ständiger Alarmbereitschaft ist, lässt sich nicht immer durch eine psychische Erkrankung erklären. Die Ursachen für Angstzustände können auch in körperlichen Funktionsstörungen ihren Ursprung haben.

Was sind Angstzustände?

Jeder kennt das Gefühl von Angst – es ist eine Mischung aus innerer Unruhe, Beklemmung und einer sorgenvollen gedanklichen Vorwegnahme nahender, bedrohlich erscheinender Ereignisse oder Situationen. Niemand möchte Angst empfinden. Und doch ist sie in vielen Situationen nicht nur eine völlig normale, sondern auch eine notwendige Reaktion auf Gefahr.

Angst befähigt dazu, potentielle Risiken zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren, indem sie den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Der Körper schüttet bei Angst die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin aus, die die Aktivität und Leistungsfähigkeit steigern: Die Sinne schärfen sich, die Konzentration erhöht sich, die Muskeln spannen sich an. Dieser Überlebensmodus sicherte unseren Vorfahren in der Steinzeit mitunter das Überleben, etwa wenn sie einem gefährlichen Tier gegenüberstanden.

Solche lebensbedrohlichen Situationen erlebt der moderne Mensch in der westlichen Welt heutzutage nur selten. Dennoch ist Angst – wenn auch subtil – ein ständiger Begleiter im Alltag: Angst, von einem Auto überfahren zu werden, bringt uns dazu, vor dem Überqueren einer Straße stets nach links und rechts zu schauen. Oder sie hält uns davon ab, uns einem aggressiven Hund zu nähern. Aber auch nicht-lebensbedrohliche Situationen können Ängste hervorrufen, wie etwa wichtige Prüfungen, die Krankheit eines Angehörigen oder ein Langstreckenflug.

Von dieser normalen Angst, die auf einen konkreten Auslöser zurückgeht und nach Bewältigung der Situation schnell abflacht, unterscheiden sich Angstzustände. Betroffene verspüren immer wieder extreme Angstzustände selbst in objektiv harmlosen Situationen und wissen oftmals nicht, warum sie so empfinden. Oder sie können die körperlichen Ausdrucksweisen von Angst nicht als solche erkennen – manchen Betroffenen ist so gar nicht bewusst, dass sie unter Angstzuständen leiden.

Angstzustände: Symptome

Angstzustände zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht wie eine Panikattacke anfallsartig auftreten. Vielmehr äußern sie sich als körperliches Unwohlsein oder diffuses mulmiges Gefühl, das mitunter wiederholt am Tag aufkommt. Die Angstsymptome können von Episode zu Episode unterschiedlich ausfallen:

  • starke Angespanntheit

  • Innere Unruhe

  • Gedankenkreisen

  • Erhöhter Puls

  • flache, beschleunigte Atmung

  • Zittern, Tremor in den Fingern

  • Muskelverspannungen

  • Schwitzen

  • feuchte, kalte Hände

  • Übelkeit

  • Bauchschmerzen

  • Trockener Mund

Die körperlichen Merkmale von Angst entstehen, weil der Körper in den Überlebensmodus schaltet und infolgedessen Stresshormone ausschüttet. So sorgt das Herzrasen dafür, dass die Muskeln besser durchblutet werden; durch die beschleunigte Atmung wird mehr Sauerstoff aufgenommen. Zudem drosselt der Körper zahlreiche Organfunktionen, was unter anderem zu einer verminderten Speichelproduktion führt.

Angstzustände können auch bei Kindern mit den gleichen Symptomen auftreten. Für Eltern ist es aber nicht immer leicht zu erkennen, dass ihr Kind leidet. Klagt das Kind jedoch häufig über Kopf- oder Bauchschmerzen oder zeigt es Zeichen von Nervosität und innerer Unruhe (indem es z.B. nicht ruhig sitzen kann), sollte ein Kinderarzt oder eine Kinderärztin zurate gezogen werden.

Angst und Unruhe am Morgen

Wann die Angstzustände typischerweise auftreten, kann Aufschluss über die möglichen Ursachen geben. Es macht einen Unterschied, ob die Angstsymptome den ganzen Tag anhalten oder sich nur morgens oder abends zeigen.

Das Gefühl, nicht aus dem Bett zu kommen, Niedergeschlagenheit, Angst und Unruhe am Morgen sind Warnzeichen für eine hohe Stressbelastung und weisen mitunter auf eine beginnende Depression hin, wenn das Morgentief länger anhält. Im Laufe des Tages, in den Nachmittags- und Abendstunden, hellt die Stimmung oftmals auf. Als Ursache vermuten Expert:innen einen veränderten Bio-Rhythmus bei depressiven Menschen.

Angstzustände nachts und beim Einschlafen

Bei anderen Betroffenen verschlimmern sich die Angstzustände gerade am Abend und in der Nacht beziehungsweise nimmt dann die Wahrnehmung für die körperlichen Symptome zu, da es keine Ablenkung gibt. Ohne Beschäftigung kann es schnell zu Gedankenkreisen kommen, die am Einschlafen hindern.

In manchen Fällen zeigen sich die Angstzustände nur in der Nacht: Betroffene wachen dann mit Herzrasen oder schweißgebadet auf, ohne zu wissen, warum. Der Auslöser ist auch hier meist Stress; aber auch verdrängte Probleme und unverarbeitete Traumata können hinter den nächtlichen Angstzuständen stecken.

Angstzustände: Ursachen sind vielfältig

Warum manche Menschen Angstzustände entwickeln, während andere selbst in schwierigen Situationen stets tiefenentspannt bleiben, hat vielfältige Gründe – infrage kommen neurobiologische, genetische, hormonelle und umweltbedingte Faktoren. Oft kommen Angsterkrankungen familiär gehäuft vor, sodass manche Menschen eine Verlangung (Disposition) dazu entwickeln. Ob diese Veranlagung zutage tritt, hängt allerdings von den eben genannten Faktoren ab.

Als zentrale Ursache für Angstzustände machen Mediziner biochemische Vorgänge aus. Bei Menschen mit Angststörungen wird ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Körper vermutet. Der Körper schüttet dann bei den geringsten Anlässen Stresshormone aus.

Gleichzeitig besteht bei Betroffenen vermutlich ein Mangel an beruhigenden und Angst hemmenden Botenstoffen, allen voran Serotonin und Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Gestützt wird diese These dadurch, dass sich sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die den Serotonin-Abbau im Gehirn verlangsamen, als wirksame Medikamente bei der Behandlung von Angsterkrankungen erwiesen haben.

Hinter dem hormonellen Ungleichgewicht können jeweils verschiedene Ursachen stecken – sowohl psychische als auch körperliche Erkrankungen sind möglich.

Angststörung als Ursache für ständige Angstzustände

Traumatische Erlebnisse, negative Erfahrungen und langanhaltende psychische Belastungen können die biochemischen Prozesse im Gehirn verändern und so zum Entstehen einer Angststörung beitragen. Diese kann verschiedene Formen annehmen: Haben die Angstzustände keinen speziellen Auslöser, weist das auf eine Generalisierte Angststörung hin. Unbehandelt kann sie das Leben der Betroffenen stark einschränken, wenn immer mehr Situationen und Lebensbereiche mit Ängsten besetzt werden.  

Treten extreme Angstzustände nur in bestimmten Situationen auf – gibt es also einen klar identifizierbaren Auslöser für die Angst – liegen die Ursachen in einer Phobie. So zeichnet sich etwa eine Soziale Phobie dadurch aus, dass Betroffene starke Angst in Situationen erleben, in denen sie mit fremden Menschen in Kontakt treten müssen. Typischerweise werden die angstbesetzen Situationen oder Dinge gemieden, wodurch die Angst jedoch verstärkt wird.  

Angststörung durch Alkohol: Wechselseitiger Einfluss

Eine Angststörung kann sich durch verschiedene Faktoren verschlimmern, dazu gehört Alkoholkonsum. Zwar wirkt Alkohol im ersten Moment angstlösend und entspannend. Dieser Zustand ist aber nicht von Dauer; spätestens am nächsten Tag setzt der gegenteilige Effekt ein.

Auch psychisch gesunde Menschen können nach einem alkoholreichen Abend plötzlich Depressionen und Angst erleben. Dieses Phänomen wird als Hangxiety bezeichnet. Regelmäßiger Alkoholkonsum greift zudem dauerhaft in die biochemischen Prozesse des Gehirns ein. Unter anderem kommt es zu einer Zunahme von Glutamat-Rezeptoren, die eine Übererregung des Nervensystems zur Folge hat. Das bewirkt innere Unruhe, Angst und Schlafstörungen.

Neben Alkohol intensiveren aufgrund ihrer anregenden Wirkung auch koffeinhaltige Getränke wie Kaffee und Energydrinks Angstsymptome.

Angst durch Überforderung und Stress

Nicht nur belastende Erlebnisse erhöhen das Risiko, Angstzustände zu entwickeln. Auch als harmlos betrachtete Umstände wie ein konstant hoher Stresspegel oder eine hohe Arbeitsbelastung steigern das Risiko. Denn Stress löst dieselben körperlichen Reaktionen aus wie Angst. Kommen Körper und Geist über Monate oder Jahre nicht zur Ruhe, kann das in einen Burnout, eine depressive Verstimmung oder eine Angststörung münden.

Angstzustände können hormonell bedingt sein

Frauen sind doppelt so häufig von Angststörungen betroffen wie Männer. Ein wichtiger Faktor dafür ist der Hormonhaushalt. Sowohl zu viel als auch zu wenig Östrogen wirkt sich auf die Konzentration der Botenstoffe aus. Deswegen erleben gerade Frauen in den Wechseljahren häufig Angstzustände und Panikattacken.

Starke Stimmungsschwankungen und Angstgefühle treten zudem beim Prämenstruellen Dysphorischen Syndrom (PMDS) auf. Die beiden Sexualhormone Östrogen und Progesteron schwanken im Menstruationszyklus – auf diese Veränderungen reagieren manche Frauen empfindlicher. Zusätzlich ist bei Frauen mit PMDS der Serotoninspiegel häufig niedriger.

Plötzliche Angstzustände ohne Grund bei Schilddrüsenüberfunktion

Psychische Veränderungen haben ihren Ursprung nicht selten in körperlichen Erkrankungen und Funktionsstörungen, so auch Angstzustände. Die Symptome sind in vielen Punkten identisch mit den Beschwerden, die eine Schilddrüsenüberfunktion verursacht. So sind innere Unruhe, Nervosität, Zittern, erhöhter Puls, Schweißausbrüche und Muskelschmerzen die Folge, wenn der Körper zu viele Schilddrüsenhormone produziert. Auslöser ist in den überwiegenden Fällen die Autoimmunerkrankung Morbus Basedow.

Zu den Erkrankungen, die mit Angstzuständen einhergehen können, gehören zudem Demenzerkrankungen wie Alzheimer und die Parkinson-Krankheit. Der Grund sind degenerative Veränderungen im Gehirn und im Nervensystem.  

Kann ein Herzinfarkt durch Angst ausgelöst werden?

Die Symptome starker Angstzustände und eines Herzinfarkts überschneiden sich teilweise: Schwindel, Atemnot und Brustenge können auf einen Herzinfarkt schließen lassen, was die Angstsymptome zusätzlich verstärkt. Treten die Beschwerden zum ersten Mal auf, sollte ein Arzt aufgesucht werden, um einen Herzinfarkt auszuschließen.

Die Beschwerden können aber auch im Zusammenhang mit einer Herzangstneurose (Kardiophobie/ Da-Costa-Syndrom) stehen. Betroffene, die unter dieser Angststörung leiden, leben in ständiger Angst vor einem Herzinfarkt. Als bedrohlich empfundene Symptome wie Herzrasen oder Herzklopfen können sie nicht direkt einen Herzinfarkt auslösen. Allerdings kann es zu einer vermehrten Kalkablagerung in den Gefäßen kommen, wenn der Körper ständig mit Stresshormonen geflutet wird, wodurch das Risiko für Herzerkrankungen langfristig zunimmt.

Angstzustände mit Medikamenten behandeln

Bei Angstzuständen besteht die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung. Das gilt besonders, wenn sich Angstzustände im Rahmen einer Angststörung oder einer Depression entwickeln. Für eine langfristige Einnahme eignen sich

  • Trizyklische Antidepressiva,

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und

  • Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer.

Der angstlösende Effekt der Medikamente setzt nach zwei bis vier Wochen ein. Um Rückfälle zu vermeiden, sollten Antidepressiva mindestens ein Jahr eingenommen werden. Sie haben nicht nur einen stimmungsaufhellenden Effekt, sondern wirken zugleich angstlösend und beruhigend.

Beruhigungsmittel, sogenannte Benzodiazepine, können bei sehr starken und akuten Angstzuständen verschrieben werden. Allerdings dürfen sie nur kurzfristig eingenommen werden, da sie ein hohes Suchtpotential haben. Bereits nach wenigen Wochen entwickelt der Körper eine Abhängigkeit. Diese Gefahr besteht bei Antidepressiva nicht. Benzodiazepine dienen in der Regel dazu, die Zeit, bis die Wirkung anderer angstlösender Medikamente einsetzt, zu überbrücken.

Bei Angstzuständen kann das Neuroleptikum Promethazin (Atosil) eingesetzt werden, auch wenn es sich dabei um einen "Off-Label-Use" handelt. Off-Label bedeutet, dass das Medikament für eine bestimmte Krankheit und Symptomatik durch die Arzneimittelbehörde (noch) nicht offiziell zugelassen ist, da noch nicht ausreichend Studien vorliegen. Dabei ist der Off-Label-Use nichts Ungewöhnliches bei Angstzuständen: So wirkt Promethazin bei vielen Patient:innen angstlösend.

Steckt eine Schilddrüsenüberfunktion oder ein hormonelles Ungleichgewicht hinter den Angstzuständen, kommen hingegen Medikamente zum Einsatz, die an der Ursache ansetzen. Eine Schilddrüsenüberfunktion wird mit sogenannten Thyreostatika, die die Bildung von Schilddrüsenhormonen hemmen, behandelt. Im Rahmen der Wechseljahre oder von PMDS auftretende Angstzustände können Hormonpräparate eine Besserung bringen.

Angstzustände – was tun? So kann man sie bekämpfen

Betroffene können über die medikamentöse Behandlung hinaus verschiedene Methoden ausprobieren, um Angstzustände zu überwinden. Bei Angststörungen und Depressionen sollte vor Beginn einer medikamentösen Behandlung eine Therapie erfolgen. Nicht nur, weil Medikamente eine Reihe von Nebenwirkungen auslösen können und die tiefer liegenden Ursachen nicht beheben, sondern auch, weil sich die kognitive Verhaltenstherapie als besonders wirksam bei der Behandlung von Angstzuständen erwiesen hat. Betroffene lernen dabei, welche Denkprozesse und Situationen die Angstgefühle auslösen und eignen sich Methoden zur Bewältigung an.

Darüber hinaus spielen Lebensgewohnheiten und die Ernährungsweise eine nicht zu unterschätzende Rolle. Unregelmäßige Schlafzeiten, Schlafmangel, viel Stress und eine ungesunde Ernährung haben einen negativen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden. Umgekehrt tragen eine gesunde Schlafhygiene und eine Ernährung mit viel Nährstoffen dazu bei, Angstzustände zu lösen. Lebensmittel mit der Aminosäure Tryptophan haben sogar einen direkten Einfluss auf den Serotoninspiegel im Gehirn, dazu gehören Nüsse, Hafer, Sesam, Pize, Hirse und Amaranth.

Besonders bei stressbedingten Angstzuständen sind eine ausgeglichene Work-Life-Balance sowie das Erlernen und Umsetzen von Entspannungsmethoden – etwa im Rahmen einer Therapie – zentrale Grundpfeiler zur Besserung der psychischen Gesundheit. Atemübungen, autogenes Training und Yoga können Angszustände bekämpfen und langfristig vorbeugen.

Hilfe bei Angstzuständen aus der Naturmedizin

Wenn keine Medikamente eingenommen werden und die Angstzustände nicht stark ausgeprägt sind, können neben Änderungen der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten zusätzlich pflanzliche Beruhigungsmittel dabei helfen, Angstzustände zu behandeln. Bewährt gegen Angstzustände haben sich Extrakte aus Lavendel, Baldrian, Melisse, Johanniskraut und Passionsblumenblättern, die etwa in Form von Kapseln und Tropfen in Drogerien und Apotheken erhältlich sind.

Eine spürbare Wirkung haben allerdings nur hoch dosierte Präparate, die verschreibungspflichtig sind. Welche pflanzlichen Stimmungsaufheller zur Behandlung von Angstzuständen individuell infrage kommen, sollte mit der behandelnden Ärztin oder dem Therapeuten besprochen werden.

Quellen:

Angsterkrankungen – Ursachen, in: neurologen-und-psychiater-im-netz.de

Emotionales Stimmungstief am Morgen kann auf Depression hinweisen, in: ebd.

Angststörungen, in: msdmanuals.com

Wenn Angst krankhaft wird, in: dgppn.de (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V.)