Alzheimer durch Herpes-Viren?

Phyllis Kuhn
Grafik eines menschlichen Gehirns
Können Viren, die in das Gehirn eindringen, die Ursachen von Alzheimer sein? © Fotolia

Hunderte Millionen Euro wurden bereits in die Forschung investiert – trotzdem ist die Entstehung von Alzheimer noch immer ein Rätsel. Eine Studie aus den USA liefert nun einen überraschenden Erklärungsansatz.

Bekannt ist, dass Alzheimer von Plaque-Ablagerungen zwischen den Neuronen im Gehirn begleitet wird. Die Ursache dieser eiweißhaltigen Ablagerungen konnte bisher allerdings nicht ausreichend geklärt werden.

Was ist Alzheimer?

Alzheimer ist eine neurodegenerative Krankheit, die das Gehirn befällt und zu Demenz, also einer Verschlechterung des Denkvermögens und des Gedächtnisses führt. Die Betroffenen leiden unter immer größeren Gedächtnislücken, können sich nur noch schlecht orientieren und haben Wahrnehmungsstörungen. Obwohl die Charakteristika und Begleitumstände von Alzheimer inzwischen gut bekannt sind, ist es immer noch unklar, was die Ursache von Morbus Alzheimer ist. Dementsprechend schlecht sind die Therapiemöglichkeiten.

Wissenschaftler der Harvard University stellen nun eine mögliche Erklärung vor, die zugleich tiefe Einblicke in das Abwehrsystem des Gehirns gewährt. Im Einzelnen erklären Robert D. Moir und Rudolph E. Tanzi von der Harvard Medical School ihre Theorie so: Eine Mikrobe in Form eines Virus’, Bakteriums oder Pilzes dringt, etwa während einer Infektion, in das Gehirn ein. Dabei passiert sie eine Membran, die sogenannte Bluthirnschranke, welche mit zunehmendem Alter durchlässiger wird. Das Abwehrsystem des Gehirns attackiert den Fremdkörper daraufhin mit Beta-Amyloid, einer klebrigen Protein-Masse, die wie ein Käfig die Mikrobe einschließt. Die Reste des Beta-Amyloids und die eingefangene Mikrobe verbinden sich dann zum bekannten Plaque.

 

Käfige im Gehirn

So absonderlich es klingt, internationale Alzheimer-Spezialisten halten die Theorie der Harvard-Forscher für sehr vielversprechend: „Hier wurde offensichtlich über den Tellerrand hinausgesehen“, lobt Dr. David Holtzman, Professor und Vorsitzender der Neurologie an der Washington University School of Medicine in St. Louis die Studie. „Der Ansatz ist innovativ und originell“. Tatsächlich konnte die Käfig-Theorie bereits in einem Experiment mit Mäusen bestätigt werden. Moir und Tanzi hatten junge Mäuse, deren Gehirne noch keine Spuren von Plaque aufwiesen, Salmonellen-Bakterien ausgesetzt. „Über Nacht haben die Bakterien Plaque ausgelöst“, berichtet Dr. Tanzi. „Der Hippocampus war mit Plaque übersät und jeder Plaquepartikel umschloss ein einzelnes Salmonellen-Bakterium“. Bei Mäusen, deren Beta-Amyloid-Produktion ausgeschaltet war, bildete sich kein Plaque im Gehirn, dafür unterlagen sie der bakteriellen Infektion.

 

Führen Viren zu Gedächtnisverlust?

Dass eine Alzheimer-Erkrankung vorrangig das Gedächtnis verschlechtert, wird durch die Theorie der Harvard-Wissenschaftler auch erklärt. Untersuchungen der University of Southern California hatten bereits ergeben, dass die Bluthirnschranke mit steigendem Alter im Bereich des Hippocampus besonders löchrig wird. Dieses Hirnareal ist für Lern- und Gedächtnisprozesse zuständig. Genau die Hirnleistungen, die sich bei einer Alzheimer-Erkrankung als erstes verschlechtern. Aber welche Art von Infektion alarmiert das Gehirn so stark, dass es eine Beta-Amyloid-Patrouille schickt? Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die Alzheimer entwickeln, höhere Level an Herpes-Antikörpern im Blut haben.

 

Viele Rätsel – eine mögliche Erklärung

Aber sind nur Viren die Übeltäter, die das Gehirn zu einer Beta-Amyloid-Produktion verleiten? Was ist mit Menschen, die aufgrund einer Genmutation schon in jungen Jahren Alzheimer entwickeln? Bei ihnen kann eine gealterte Bluthirnschranke nicht der Grund für die Plaquebildung sein. Dr. Tanzi erklärt, dass bei diesen Patienten wahrscheinlich eine Überproduktion von Beta-Amyloid stattfinde. Das Gehirn produziert so viel von der Proteinmasse, dass diese mit sich selbst verklumpt, auch ohne Eindringling. Allerdings entwickelt nicht jeder Mensch, bei dem im Laufe des Lebens Viren ins Hirn eingedrungen sind, Alzheimer. Dr. Tanzi vermutet, dass es auch mit der Fähigkeit des Gehirn zusammenhängt, die Beta-Amyloid-Brocken wieder aufzulösen, nachdem diese eine Mikrobe eingeschlossen haben. Und noch ein weiteres Rätsel aus der Alzheimer-Forschung könnte durch die Theorie der Harvard-Wissenschaftler gelöst werden. Neueste Daten zeigen, dass die Zahl der Demenz-Erkrankten leicht abnimmt. Bisher war unklar, woran das liegt. Man vermutete eine bessere Kontrolle von Bluthochdruck und Cholesterinwerten als Ursache. Die neue Theorie zur Entstehung von Alzheimer legt nahe, dass es an der besseren Bekämpfung von Infektionskrankheiten liegen könnte.

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Hamburg, 26. Mai 2016

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