ALS: Kann diese Haube Stephen Hawkings Gedanken lesen?

Stephanie Pingel
Kopfhaube gegen Lähmung
Durch diese Kopfhaube soll es Patienten mit vollständiger Lähmung künftig wieder möglich sein, Fragen mit Ja oder Nein zu beantworten © Wyss Center / Genf

Dank einer speziellen Kopfhaube soll es ALS-Patienten wieder möglich sein zu kommunizieren. In Zukunft könnte dadurch auch Stephen Hawking Fragen mit Ja oder Nein beantworten – selbst wenn auch seine letzte motorische Fähigkeit – das Zucken eines Augenlids – erlischt.

Hirnforscher aus Tübingen haben eine Kopfhaube entwickelt, mit der vollständig gelähmte Menschen wieder kommunizieren können. Helfen kann die Haube in erster Linie Patienten mit dem sogenannten Locked-in-Syndrom. Die vollständige Lähmung macht ihnen selbst Augenbewegungen unmöglich, wodurch sich beispielsweise der berühmte theoretische Physiker und ALS-Patient Stephen Hawking derzeit noch verständigen kann. Zwar läge die Trefferquote beim Kommunizieren mit den Augen deutlich höher, für vollständig gelähmte Menschen ist die Kopfhaube aber die erste Möglichkeit, sich wieder zu verständigen. Wenn die Patienten Fragen beantworten können, sei nicht nur die Pflege deutlich einfacher: Auch für die Familienangehörigen sei es sehr erleichternd, wieder mit dem Patienten kommunizieren zu können.

 

Kopfhaube als Verständigungshilfe

Für das Verfahren werden zwei bereits bekannte Methoden zur Hirnmessung kombiniert: Zum einen die sogenannte Infrarotspektroskopie, mit der bestimmt wird, wie sich die Sauerstoffversorgung im Gehirn verändert. Zum anderen die Elektroenzephalografie, die elektrische Strömungen im Hirn misst. Vier Patienten aus Hamburg, Leverkusen, Leipzig, Leverkusen und Nürnburg durften die Haube testen: Sie mussten gedanklich 100 bis 150 Fragen beantworten. Dabei justierten die Wissenschaftler um den Hirnforscher Prof. Niels Birbaumer die Messmethoden so, dass die Trefferwahrscheinlichkeit der Antworten am Ende bei rund 70 Prozent lag.

Die Tester durften die Kopfhaube, die derzeit zwischen 50.000 und 70.000 Euro kostet, behalten. Durchschnittlich kommunizierten sie damit täglich noch rund eine Stunde, wenn alle wichtigen Fragen geklärt waren. „Das ist sehr anstrengend, sie müssen sich sehr konzentrieren“, wie Birbaumer im Fachjournal „Plos Biology“ sagt. Für die Forscher überraschend: Trotz ihrer schweren Krankheit antworteten die vier Patienten bei der Frage danach, ob sie glücklich seien, mit „Ja“.  „Was wir beobachteten war, dass sie, so lange sie genügend Pflege daheim bekamen, ihre Lebensqualität akzeptabel fanden", so Birbaumer.

 

Gewerblicher Unterstützer gesucht

Laut dem Verein zur Interessenwahrnehmung von Menschen mit dem Locked-in Syndrom gibt es deutschlandweit etwa 400 bis 500 Patienten mit verschiedenen Schweregraden der Lähmung. Dennoch ist es bisher nicht absehbar, dass die Kopfhaube in industrielle Produktion geht: Die Patientenzahl sei so gering, dass bisher kein interessierter Investor gefunden werden konnte. Dennoch will Birbaumer seine Forschung am stiftungsfinanzierten Wyss Center in Genf fortsetzen. Sein Ziel: Irgendwann soll es den Patienten mithilfe der Kopfhaube auch wieder möglich sein, Buchstaben auszuwählen.

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