Allergie-Schock: Miley Cyrus in Krankenhaus eingeliefert

Redaktion PraxisVITA
Miley Cyrus hatte einen schwere allergische Attacke
Miley Cyrus wurde wegen einer schweren allergischen Reaktion in ein Krankenhaus eingeliefert © imago

Die allergische Reaktion auf Antibiotika von Pop-Sängerin Miley Cyrus ging im April 2014 durch die Medien. Praxisvita-Experte Dr. Birger Strahl erklärt, warum Antibiotika tödlich sein können und wie jeder Patient selbst kontrollieren kann, ob sein Arzt die Medikamente richtig einsetzt.

 

Miley Cyrus allergisch gegen Antibiotikum

Wegen einer „starken allergischen Reaktion“ auf Antibiotika wurde Pop-Sternchen Miley Cyrus in ein Krankenhaus eingeliefert. Ihr Sprecher teilte mit, dass sie stationär behandelt werden müsste und das Krankenhaus vorerst auch nicht verlassen würde. Zuvor war bereits ein angesetztes Konzert in Kansas City abgesagt worden, da sie nicht in der Lage sei „wie geplant aufzutreten“, wurde der Sprecher zitiert. Erst in der vergangenen Woche musste die 21-Jährige einen Auftritt wegen einer Grippe absagen.

 

Antibiotika: Allergien und andere Risiken

Der Praxisvita-Experte Dr. Birger Strahl erklärt, warum Antibiotika tödlich sein können und wie jeder Patient selbst kontrollieren kann, ob sein Arzt die Medikamente richtig verwendet

Herr Dr. Strahl, ist Ihnen ein Fall bekannt, bei dem ein Patient an Antibiotika gestorben ist?

Moment – Antibiotika sind in erster Linie absolut unverzichtbar in der Medizin und retten jedes Jahr Tausende Menschenleben. Aber sie sind nicht unproblematisch. Es sind tatsächlich auch Todesfälle bekannt. Denn immerhin hat ein kleiner Teil der Bevölkerung eine Allergie gegen unterschiedliche Antibiotika. Bemerkt wird das aber oft erst, wenn die allergische Reaktion da ist. In besonders heiklen Fällen kann ein sogenannter anaphylaktischer Schock die Folge sein, der im Extremfall auch zum Tod führen kann. Das Tückische daran ist: Die Reaktion kann sofort nach der Einnahme, aber auch erst Tage später auftreten.

Also sind Antibiotika nur bei Allergien gefährlich?

Keineswegs. Wie bei den meisten Arzneimitteln besteht die Gefahr verschiedener Komplikationen. Das gilt gerade für neue Arzneistoffe, wie zum Beispiel das Antibiotikum Trovafloxacin. Es führte in einigen Fällen zu einer Zersetzung des Bluts, zu massiven Wassereinlagerungen im ganzen Körper, zu Hirnhautschwellungen und hohem Fieber. Mehrere Patienten sind daran gestorben. Nach nur einem Jahr musste das Mittel wieder vom Markt genommen werden. Außerdem stehen Antibiotika im Verdacht, Asthma-Erkrankungen zu begünstigen – eine fatale Nebenwirkung.

Wie lässt sich das erklären?

Antibiotika können die Darmflora und damit das Immunsystem angreifen. In der Folge kann das Immunsystem bestimmte Erreger nicht mehr richtig zuordnen. Die Freund-Feind-Unterscheidung ist gestört. So können Asthma-Anfälle oder allergische Reaktionen ausgelöst werden, obwohl kein Gefahrstoff in den Körper gelangt ist.

Allergie durch geschädigte Darmflora
Durch die Einnahme vieler Antibiotika wird die Darmflora geschädigt. Und eine geschädigte Darmflora kann zu einer Allergie führen© istock

Was ist denn die Wahrheit: Sind Antibiotika ein Wundermittel der Medizin oder eher ein Fluch?

Antibiotika haben seit ihrer Erfindung den Ruf, Allheilmittel zu sein. Und bei bakteriellen Infektionen stimmt das auch – fast. Das Problem ist aber: Mehr und mehr Erreger entwickeln Resistenzen gegen verschiedene Antibiotika. Deshalb sterben heute wieder mehr Menschen an bakteriellen Infektionen als noch vor zwanzig Jahren. Gerade in Krankenhäusern werden multiresistente Keime, für die keine wirksamen Antibiotika zur Verfügung stehen, zu einem immer größeren Problem.

Was ist denn der Grund für die zunehmenden Resistenzen?

Daran sind wir natürlich selbst Schuld. Zum einen verschreiben Ärzte in Deutschland häufig auch dann ein Antibiotikum, wenn das gar nicht notwendig ist – etwa bei einer Bronchitis. Hier lösen in neun von zehn Fällen Viren die Atemwegskrankheit aus. Aber nur bei einem Infekt durch Bakterien sind Antibiotika wirksam.

Was bedeutet das für die Medizin?

Wir machen es den Bakterien zu leicht, unempfindlich zu werden. Einerseits sollten Mediziner Antibiotika nur noch dann einsetzen, wenn es unbedingt notwendig ist. Andererseits müssen wir weiter an neuen Wirkstoffen und vor allem an Alternativen forschen. Nur leider passiert das kaum.

Warum wird so wenig nach neuen Antibiotika geforscht?

Fakt ist, dass zwischen 1960 und 1990 rund 40 neue Wirkstoffe auf den Markt kamen – aber seit 2000 nur noch etwa ein Dutzend. Der Grund: Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums ist äußerst teuer. Sie kostet etwa eine halbe bis eine Milliarde Euro. Da sagen sich die Hersteller natürlich: "Wenn sich so oft Resistenzen bilden, wird auch unser neues Mittel schnell unwirksam. Da rechnet sich der Aufwand nicht." Also müssen die alten, nicht mehr so wirksamen Präparate häufiger verwendet werden. Auch das fördert Resistenzen. Vor allem müssen wir immer öfter die sogenannten Reserve-Antibiotika verwenden.

Urinprobe
Am wichtigsten ist, dass der Arzt – sobald er Antibiotika verschreiben möchte – eine mikrobiologische Untersuchung veranlasst. Dazu muss er eine Urinprobe oder einen Abstrich in ein Labor einschicken© istock

Worum handelt es sich dabei?

Es sind eigentlich als Ersatz vorgesehene Antibiotika. Sie sollen nur dann verschrieben werden, wenn ein Keim gegen alle üblichen Mittel resistent ist. Häufig haben diese Mittel auch sehr starke Nebenwirkungen, etwa Nierenschäden oder schwere Verdauungsprobleme.

Worauf sollte ich als Patient denn besonders achten?

Am wichtigsten ist, dass der Arzt – sobald er Antibiotika verschreiben möchte – eine mikrobiologische Untersuchung veranlasst. Dazu muss er eine Urinprobe oder einen Abstrich in ein Labor einschicken, nach drei Tagen kommt dann das Ergebnis. Nur so kann ein Erreger gezielt bekämpft werden.

Warum führen niedergelassene Ärzte solche Tests so selten durch?

Weil die Mediziner den Aufwand nur unzureichend bezahlt bekommen und Patienten oft zu ungeduldig sind. Kranke kommen mit der Erwartungshaltung in die Praxis, schnell gesund zu werden.

Bei einer schmerzhaften Mittelohrentzündung will ich aber vielleicht gar nicht drei Tage warten ...

Dann kann man ja auch erst einmal zu Schmerzmitteln greifen. Bei einer Mittelohrentzündung hat sich Eiter gebildet, wenn der festsitzt, dann tut es weh. Für gewöhnlich fließt er nach drei Tagen ab, dann sind auch die Schmerzen weg. Wenn es nach drei Tagen nicht besser wird, können Sie immer noch zum Antibiotikum greifen.

Frau mit Mittelohrentzündung
Bei einer Mittelohrentzündung kann man statt Antibiotika erst einmal zu Schmerzmitteln greifen© istock

Welche Dosis echter Antibiotika darf ich meinem Körper denn zumuten?

Dafür gibt es leider keine Faustregel. Machen Sie sich aber Folgendes bewusst: Ein Patient, der drei Tage ein spezielles Antibiotikum gegen Angina einnimmt, hat für ein halbes Jahr resistente Erreger in der Mundhöhle. Noch gefährlicher ist die Gabe von Breitband-Antibiotika. Sie wirken überall im Körper. Die darf ein Mediziner nur verabreichen, wenn er sich sicher ist, dass es sich um einen bakteriellen Infekt handelt, aber die Ursache nicht ausmachen kann.

Ein Beispiel?

Die Blutvergiftung. Sie geht einher mit hohem Fieber, und die Bakterien können sich überall im Körper verteilt haben. Da ist es schwer, die Quelle zu finden. Die Erkrankung muss aber schnell aufgehalten werden. Ich rate trotzdem dazu, immer eine mikrobiologische Untersuchung anzufordern. Ist der Erreger bestimmt, sollte der Patient schnellstens von einem Breitband- auf ein spezielles Antibiotikum umsteigen.

Antibiotika sind in unterschiedlichen Preisklassen verfügbar – heißt das: Teurer gleich besser?

Der Preis hat bei Antibiotika mit der Qualität nichts zu tun. Wichtig ist, dass es der richtige Wirkstoff ist. Präparate vom Originalhersteller sind in der Regel kostspieliger als sogenannte Generika – der Wirkstoff ist aber der gleiche. Manche Patienten vertragen die günstigen Mittel besser, manche die teuren. Mittlerweile drängen auch immer mehr private Krankenkassen Ärzte dazu, Generika zu verschreiben.

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