Allergie bei Kindern: So beugen Sie frühzeitig vor

Dr. med. Nadine Hess

Eine Allergie bei Kindern stellt häufig eine Herausforderung für Eltern dar. Immer mehr Kinder sind von Allergien betroffen – in Ländern mit westlichem Lebensstandard zählen sie zu den häufigsten chronischen Erkrankungen. Was ist eine Allergie eigentlich genau? Warum bekommen manche Menschen Allergien und andere nicht? Und gibt es Möglichkeiten, die Entwicklung einer Allergie bei Kindern zu verhindern?

Kinderärztin Dr Nadine Hess verrät, welche Faktoren das Allergie-Risiko erhöhen
Expertin Dr. Hess: „Eine Herauszögerung der Beikost auf spätere Zeitpunkte beugt einer Allergie bei Kindern nicht vor, sondern bewirkt eher das Gegenteil!“ © privat
 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess:

In einem vorherigen Newsletter haben wir bereits die Symptome und möglichen Therapien der Allergien besprochen. Vereinfacht gesagt, ist eine Allergie die Unfähigkeit des Körpers, zwischen einem bekämpfenswerten Eindringling, wie zum Beispiel einem Bakterium, und einem tolerablen Stoff, also beispielsweise Pollen, Hundehaare, etc., zu unterscheiden.

Im Falle einer Allergie lässt der Körper in beiden Fällen ein ähnliches Abwehrprogramm ablaufen. Und wer unter einer ausgeprägten Allergie leidet, weiß, dass man sich dabei teilweise richtig krank fühlen kann.

Passivrauchen fördert das Allergie-Risiko von Kindern
Zu den Stoffen, die eine Allergie bei Kindern fördern, gehört Nikotin - Kinder, die bereits im Mutterleib oder auch danach Zigarettenrauch ausgesetzt sind, leiden später häufiger an Allergien© Fotolia
 

Zahlreiche Einflussfaktoren kommen für eine Allergie bei Kindern infrage

Unstrittig ist, dass Allergien familiär gehäuft vorkommen, also die Gene eine Rolle spielen – die Wahrscheinlichkeit, dass eine Allergie bei Kindern auftritt, wenn beide Eltern allergisch reagieren, liegt bei etwa 50-60 Prozent. Aber die Genetik scheint nur ein Teil der Lösung zu sein – sonst wären beispielsweise nicht auch Kinder von nicht-allergischen Eltern betroffen.

Es gibt also noch weitere Einflussfaktoren, die das Risiko für eine Allergie bei Kindern erhöhen, die aber noch nicht gänzlich verstanden sind. Dazu gehören die Ernährung, Zahl und Art der Infektionen im frühen Kindesalter, Zeitpunkt der erstmaligen Auseinandersetzung mit potentiell allergieauslösenden Stoffen und Art und Weise der Exposition, als auch die Zusammensetzung des eigenen „Mikrobioms“, also der körpereigenen Bioflora (zum Beispiel Besiedlung des Darmes und der Haut mit Keimen) und der Kontakt mit Schadstoffen. Einiges hat sich in den letzten Jahren als definitiv hilfreich, bzw. unnötig herausgestellt:

 

Allergie bei Kindern: 10 Tipps und Fakten

  1. Stillen in den ersten vier Lebensmonaten ist protektiv (es gibt zwar auch einige Studien mit anderen Ergebnissen, aber die Studien mit positivem Resultat überwiegen – ganz abgesehen von den anderen Vorteilen des Stillens). Kinder, die nicht gestillt werden können und die ein erhöhtes Allergierisiko haben (mindestens ein Elternteil mit Allergien, allergischem Asthma oder Neurodermitis), sollten in den ersten vier Monaten eine hypoallergene Formulanahrung (HA-Milch) bekommen. Mit Einführung der Beikost kann auf eine „normale“ Formulamilch gewechselt werden.
  2. Frühzeitige Einführung von Beikost ab dem vollendeten vierten Lebensmonat (also ab vollendeter Woche 16 nach Geburt) und Sicherstellung eines möglichst umfangreichen Nahrungsmittelangebots – auch Fisch! – im ersten Lebensjahr. Eine Herauszögerung der Beikost auf spätere Zeitpunkte ist nicht allergieverhindernd, sondern bewirkt eher das Gegenteil!
  3. Eine abwechslungsreiche, fisch- und rohkostreiche Kost während der Schwangerschaft ist allergiemindernd.
  4. Kinder, die bereits im Mutterleib und/oder auch danach Zigarettenrauch ausgesetzt sind, leiden später häufiger an Allergien.
  5. Es ist nicht allergieverhindernd, wenn gesunde Kinder mit einem familiären Risiko für Allergien keine felltragenden Haustiere haben. Haustiere sind also erlaubt – es sei denn, es besteht bereits eine Allergie (zum Beispiel gegen Hunde).
Allergie bei Kindern durch Vererbung
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Allergie bei Kindern auftritt, wenn beide Eltern allergisch reagieren, liegt bei etwa 50-60 Prozent© istock
  1. Es macht keinen Sinn, beschwerdefreien, jedoch familiär allergiebelasteten Kindern eine möglichst allergenarme Umgebung zu schaffen – also beispielsweise die Bettwäsche mit Encasings (das sind spezielle Überzüge gegen Hausstaubmilben) zu versehen. Studien konnten keinen Allergie-protektiven Effekt nachweisen.
  2. Vitamingaben im ersten Lebensjahr, bzw. in der Schwangerschaft werden noch diskutiert, möglicherweise bieten Zusatzgaben von Vitamin E und Betakarotin nach der Geburt das Risiko einer Allergie bei Kindern etwas mindern, es sind aber noch weitere Studien notwendig, um eine Empfehlung ausgeben zu können. Bezüglich einer zusätzlichen Vitamin-D-Gabe in der Schwangerschaft haben einige Studien sogar einen negativen Effekt auf die Entwicklung einer Neurodermitis gezeigt, so dass davon mittlerweile abgeraten wird. Auch die Einnahme von hohen Vitamin-C-Dosen während der Schwangerschaft hatte keinen positiven Effekt. Das Gleiche gilt für die Gabe von Prä- und Probiotika bei Kindern.
  3. Übergewicht in den ersten Lebensjahren (und darüber hinaus) ist ein Risikofaktor für die Entwicklung eines Asthma bronchiale, insbesondere das nicht-allergische, aber auch das allergische.
  4. Kinder, die hohen Belastungen an Schimmelpilzen und/oder Schadstoffen wie zum Beispiel durch verkehrsträchtige Straßen ausgesetzt sind, haben ein höheres Risiko, eine Allergie zu entwickeln.
  5. Impfungen haben keine negativen Auswirkungen auf Allergien bei Kindern. [1]
 

[1] Angaben entnommen aus der Monatsschrift Kinderheilkunde, Juni 2014, Band 162, Heft 6, S. 511-16.

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