Alice-im-Wunderland-Syndrom: Wenn die Welt schrumpft

Redaktion PraxisVITA

Die Arme und Beine wachsen ins Unermessliche, die Umgebung schrumpft auf Zwergengröße. Es klingt wie ein böser Trip, aber es gibt diese Erkrankung wirklich: das Alice-im-Wunderland-Syndrom, benannt nach einer bekannten Kinderbuch-Figur. Was genau steckt dahinter?

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Betroffene nehmen eine extreme Veränderung der Umgebung wahr Foto:  iStock/martin-dm
Inhalt
  1. Was ist das Alice-im-Wunderland-Syndrom?
  2. Welche Symptome hat das Syndrom?
  3. Wodurch entsteht das Alice-im-Wunderland-Syndrom?
  4. Wie wird das Syndrom behandelt?
 

Was ist das Alice-im-Wunderland-Syndrom?

Das Alice-im-Wunderland-Syndrom (AIWS) wird auch Todd-Syndrom genannt, nach den britischen Psychiater John Todd, der es zuerst beschrieben hat. „Es umfasst eine Reihe von Symptomen, die zu einer veränderten Selbst- und Fremdwahrnehmung führen", erläutert Prof. Dr. med. Peter Berlit.

Ihm zufolge handelt es sich beim AIWS nicht um eine eigenständige Krankheit, sondern um einen Symptomenkomplex als Ausdruck einer neurologischen oder psychischen Grunderkrankung.

Sein Kollege Dr. Tim Jürgens ergänzt: „Es handelt sich um eine faszinierende, aber auch sehr komplexe Störung aus dem neurologlisch-psychiatrischen Grenzbereich, das meist Kinder und junge Erwachsene betrifft.” Typischerweise komme es dabei zu Störungen der Körperwahrnehmung, die als beunruhigend und verstörend erlebt wird.

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Das Phänomen ist zurückzuführen auf die Figur Alice im Wunderland aus dem gleichnamigen Roman von Lewis Carrol. Darin beschreibt die Hauptfigur Alice, dass ihr Körper zu groß beziehungsweise zu klein ist oder seine Form verändert hat. Als klinisches Syndrom wurde es erstmals in den 50er-Jahren bei Migränepatienten beschrieben.

 

Welche Symptome hat das Syndrom?

Betroffene nehmen eine extreme Veränderung der Umgebung wahr. Und wie in dem Märchen von Alice im Wunderland kommt es zu einem teilweisen Verlust der Orientierung.

„Die Umgebung und der eigene Körper werden verändert wahrgenommen. Dinge erscheinen plötzlich viel größer oder kleiner als in der Realität, der Tastsinn und das Hören können verändert sein. Auch eine Dislokation oder Fehlanordnung von Körperteilen wie in Gemälden von Pablo Picasso oder di Chirico werden beschrieben”, sagt Prof. Dr. med. Peter Berlit.

Alles sei im wahrsten Sinne des Wortes „verrückt“. Dies kann auch zu großer Verunsicherung und Angstzuständen führen – gelegentlich auch zu Panikattacken. Diese Symptome sind typisch für das Alice-im-Wunderland-Syndrom:

  • Vorübergehend gestörtes Körperschema: Körperteile werden als größer oder kleiner, teils auch als leichter oder schwerer wahrgenommen
  • Verlust der Orientierung
  • Veränderte Zeitwahrnehmung mit schnellerem oder langsameren Erleben
  • Veränderter Hör- und Tastsinn
  • Derealisation (Wahrnehmungsstörung, bei der die äußere Welt als nicht wirklich erlebt wird)
  • Veränderungen des Sehens mit veränderter Größe oder Entfernung von gesehenen Objekten
 

Wodurch entsteht das Alice-im-Wunderland-Syndrom?

Die beschriebenen Symptome entstehen bei einer Funktionsstörung im Temporallappen (Schläfenlappen). Dort sind Prof. Dr. med. Berlit zufolge im Gehirn verschiedene Sinneswahrnehmungen und Gedächtnisleistungen verortet. „Es gibt eine lange Liste an Krankheiten, die das AIWS auslösen können oder damit vergesellschaftet sind, viele davon sind neurologische Krankheitsbilder.”

„Eine häufige gutartige Ursache ist die Migräne”, so Dr. Jürgens. „In der In einer Umfrage unter den Patienten unserer Kopfschmerzambulanz konnten wir nachweisen, dass typische Symptome des Alice-im-Wunderland-Syndroms wie eine veränderte Wahrnehmung der Körpergröße und des Körpergewichts deutlich häufiger bei Patienten mit einer Migräne als in der Kontrollgruppe gefunden werden konnten.”

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Aber es gibt auch andere Ursachen, die möglich sind. Neben ernsten Erkrankungen wie der Gehirnentzündung durch Zoster- oder Epstein-Barr-Viren, Schlaganfällen oder Hirntumoren kann das AIWS Prof. Berlit nach auch Symptom einer Epilepsie oder Migräne sein.

Auch bei psychiatrischen Krankheiten wie Schizophrenie oder Depressionen kann es auftreten. Schließlich kommen auch Medikamente oder Drogen – insbesondere psychoaktive Substanzen, sogenannte „Partydrogen“ – als Auslöser infrage.

Weitere Ursachen können laut Dr. Jürgens Augenerkrankungen, epileptische Anfälle, Tumore und Schlaganfälle sein. „Teils tritt ein Alice-im-Wunderland-Syndrom auch bei Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen auf, wobei hier dann die Abgrenzung zwischen realem und irrealem/unwirklichem Erleben schwierig wird”, sagt er. Der Schädigungsort sei häufig der hintere Teil des Scheitellappens sowie Teile der Sehrinde.

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Wie wird das Syndrom behandelt?

Entscheidend ist es, die zugrunde liegende Erkrankung zu erkennen und gezielt zu behandeln. In aller Regel führt die erfolgreiche Therapie der Grunderkrankung auch zu einem Verschwinden des AIWS. „Tritt es als Aura vor Migräneanfällen auf, ist eine medikamentöse Migräneprophylaxe von großer Bedeutung”, erklärt Prof. Dr. med. Peter Berlit.

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„Wenn das AIWS Symptom einer Epilepsie ist, verschwindet es unter einer guten medikamentösen Einstellung mit Antikonvulsiva.” Wichtig ist es also, die Ursache zu behandeln – und nicht das Syndrom.

Das Alice-im-Wunderland-Syndrom dauert in der Regel auch nicht lange an. Die Störung ist meistens nach einigen Minuten, maximal wenigen Stunden vorbei. In der Akutphase kann bei sehr schwerer Ausprägung eine vorübergehende Sedierung des Patienten sinnvoll sein – zum Schutz des Betroffenen.

Quellen:

  • Experten-Interviews
  • Tim P. Jürgens, Laura H. Schulte and Arne May; Migraine trait symptoms in migraine with and without aura, Neurology published online March 21, 2014
  • J Neurol Neurosurg Psychiatry, Artikel / Shot report "Alice in Wonderland syndrome" associated with topiramate for migraine prevention (2011)
  • Neurology: Clinical Practice (2016), Artikel "Alice in Wonderland syndrome - A systematic review, Jan Dirk Blom, MD, PhD
  • BioMed Reseach International (2016), Artikel "Alice in Wonderland syndrome: A Clinical and Pathophysiological Review"
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