Adipositas: Letzte Hoffnung Magenband?

Fettleibiger mit Arzt
In der Hoffnung auf ein leichteres Leben setzen immer mehr stark übergewichtige Patienten auf eine Magenband-Operation © istock

Die kleine Magenband-Operation verspricht stark Übergewichtigen ganz neue Lebensqualität. Doch die OP birgt auch Risiken.

Dr. Richard Merkle hat eine Praxis für minimalinvasive und Adipositas-Chirurgie in München. Er erklärt, wie ein Magenband helfen könnte, wenn sich Ihr Übergewicht zur ernsthaften Bedrohung für Ihre Gesundheit entwickelt.

 

Für wen ist ein Magenband eigentlich geeignet?

Ein Magenband ist für alle stark Übergewichtigen mit einem Body-Mass-Index über 40 oder auch über 35 geeignet, wenn dieser Begleiterkrankungen auslöst. Oder aber, wenn das gefährliche "metabolische Syndrom" zum Tragen kommt: Blutdruck, Cholesterin, Harnsäure und Blutzucker steigen an.

 

Wie wird das Magenband eingesetzt?

In der Regel wird das Magenband mit einer minimalinvasiven Operation unter Vollnarkose eingesetzt. Im Anschluss daran sollte der Patient noch zwei bis sechs Tage in der Klinik bleiben.

 

Und wie genau funktioniert das Magenband?

Das Magenband trennt den oberen Teil des Magens ab. Dieser nimmt die Nahrung auf. Da er nur das Fassungsvermögen einer Espressotasse hat, kommt es rasch zur Sättigung. Durch die Verengung kommt die Nahrung dann ganz langsam in den Restmagen und wird dort verdaut.

 

Wie viel nehmen die Patienten denn im Schnitt mit dem Magenband ab?

Innerhalb der ersten drei Jahre verlieren sie in der Regel bis zu 70 Prozent ihres Übergewichts mit dem Magenband.

 

An wen kann ich mich wenden, wenn ich mich für die Behandlung mit einem Magenband interessiere?

An Adipositas-Zentren, die es in fast jeder größeren Stadt gibt. Oder an Selbsthilfegruppen im Internet. Und natürlich ist auch der Hausarzt immer eine gute Anlaufstelle. Er kann Sie weitervermitteln.

 

Zahlen denn die Kassen das Magenband?

Das ist leider nicht immer ganz einfach und wird von Fall zu Fall individuell entschieden.

Magenband
Was viele Diäten nicht bewirken, schafft eine Operation: ein Magenband kann das Körpergewicht deutlich senken© istock
 

Ein Magenband – die Befreiung?

"Als ich mir das erste Mal dick vorkam, war ich zwölf", sagt Sandra. Mit 20 Jahren wiegt sie mehr als 100 Kilo und hat bereits diverse Diäten ausprobiert. "Nicht etwa, weil ich mich unansehnlich fühlte. Ich hatte lediglich Angst vor den gesundheitlichen Folgen meines Übergewichts." Leider bringt keine der Hungerkuren dauerhaften Erfolg. "Ich verlor zum Teil 20 Kilo. Aber nur für kurze Zeit." Der klassische Jo-Jo-Effekt. Wenige Wochen vor ihrem 30. Geburtstag erfährt Sandra durch Zufall von der Möglichkeit, per Magen-Operation dauerhaft an Gewicht zu verlieren. Ihre Waage zeigt inzwischen 124 Kilo – so viel wie nie zuvor. Sie beginnt nachzudenken: "Soll auch ich mich operieren lassen?" Die meisten aus ihrer Familie raten ihr dringend von dem Eingriff ab. "Allein meine Mutter unterstützt mich ..."

 

Magenverkleinerung: Welche OP-Methoden gibt es?

Grundsätzlich gibt es drei verschiedene Möglichkeiten, den Magen zu verkleinern. Für das sogenannte Magenband legen die Chirurgen in einer mehrstündigen OP unter Vollnarkose einen Silikonring um den Magen. Er unterteilt das Organ in einen kleinen Vor- und einen größeren Restmagen. Nach der OP kann nur noch der obere Teil feste Nahrung aufnehmen, sodass die Patienten an Gewicht verlieren – zumindest theoretisch. Tatsächlich ist das gesamte Magengewebe weiterhin vorhanden – und produziert wie zuvor große Mengen des Hormons Ghrelin, das maßgeblich für unser Hungergefühl ist. Infolgedessen greifen viele Patienten nach der OP vermehrt zu stark zucker- und damit kalorienhaltigen Shakes, was die OP nahezu sinnlos werden lässt. Immerhin: Dieser Eingriff kann rückgängig gemacht werden.

Die beiden häufigsten OP-Varianten sind dagegen eine Entscheidung für den Rest des Lebens. Hierbei werden entweder bis zu 90 Prozent des Organs entfernt, sodass nur ein sogenannter Schlauchmagen mit einem Fassungsvermögen von maximal 100 Millilitern übrig bleibt. Oder der Magen wird kurz hinter der Speiseröhre aufgeschnitten und direkt mit dem unteren Teil des Dünndarms verbunden. Der Rest des Magens und des Darms bleibt funktionslos im Bauchraum erhalten. Die Möglichkeit der Nahrungsaufnahme und deren Verdauung wird aber ebenfalls massiv eingeschränkt.

 

Deutliche Vorteile, große Risiken

Die Vorteile der dauerhaften Magenverkleinerung sind offensichtlich: Sandra verliert innerhalb von zwei Jahren nach der OP 54 Kilo. "Ich bin auf dem Weg in ein neues Leben", sagt sie. "Ein ganz neues Körpergefühl." Üblicherweise bessern sich bei den Patienten zahlreiche Begleiterscheinungen des Übergewichts erheblich: Diabetes Mellitus Typ 2, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen, zudem Gelenkbeschwerden, außerdem sinkt das Herzinfarkt- und das Schlaganfall-Risiko. Kein Wunder also, dass die Zahl der sogenannten bariatrischen Eingriffe in Deutschland seit Jahren steigt. Doch sie haben auch Nachteile.

 

Das Magenband kann verrutschen

Das Magenband kann verrutschen oder sich entzünden. Gleiches gilt für das großflächige Narbengewebe, das oft dauerhaft Beschwerden bereitet. Viele Patienten leiden zudem unter einer Mangelernährung, da sie zu wenige Vitamine zu sich nehmen können. Zugleich kommt es zu Lebensmittelunverträglichkeiten, da große Teile der Verdauungsorgane nicht mehr vorhanden sind. Und ganz nebenbei handelt es sich bei allen Operationen um einen mehrstündigen Eingriff an einem gesunden Organ. "Die Chance, einen Eingriff im Oberbauch zu überleben, ist bei Patienten mit einem BMI* von 35 plus x etwa 20 Prozent geringer als bei einem Normalgewichtigen", sagt Professor Dr. Jochen Strauß vom Helios Klinikum Berlin-Buch. Denn Atmung und Kreislauf sind durch das Übergewicht bereits maximal belastet. Auch deshalb zahlen Krankenkassen nur, wenn die OP die letzte Möglichkeit der Gesundung darstellt, der Patient also austherapiert ist. Übrigens erst ab einem BMI von 35 oder mehr.

Besonders gravierend sind jedoch die psychischen Folgen. Schließlich war für viele der Patienten das Essen weit mehr als nur ein Zeitvertreib mit lästigen Nebenwirkungen. Es war eine Flucht vor teilweise tief sitzenden seelischen Problemen. Entsprechend belegen zahlreiche Studien eine erhöhte Suizidgefahr bei operierten Adipositas-Patienten. Und eine kürzlich veröffentlichte Studie des Obesity Nutrition Research Center in New York zeigt, dass Patienten nach einer OP vermehrt zu Alkohol, Zigaretten und anderen Drogen greifen.

 

Die Zukunft der Magen-Operationen

Die Zahl der Eingriffe steigt – jedoch langsam. Zwar gibt es immer mehr stark Übergewichtige. Doch geht es nach den Finanzmanagern der Krankenhäuser, entscheiden sich zu wenige für einen Eingriff. Deshalb sollen Hemmschwellen abgebaut werden. Etwa mit Positiv-Beispielen wie Sandra, die allerdings mehr als ihr halbes Leben noch vor sich hat. Nur ein positiver Zwischenstand also. Nicht mehr.

In den USA ist man deutlich weiter: Mehr als 100 000 Patienten unterziehen sich pro Jahr einer solchen OP. Darunter sind auch immer mehr stark übergewichtige Kinder, also Menschen im Wachstum. Welche Folgen ein solcher Eingriff auf die körperliche, geistige, seelische und hormonelle Entwicklung hat, ist vollkommen ungeklärt. Zugleich werden die US-Patienten mit OP-Wunsch statistisch gesehen immer schlanker. Das Ziel, so sagen Kritiker, ist letztlich der kosmetische Bereich. Also ein Eingriff allein wegen einiger überflüssiger Pfunde.

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