ADHS bei Kindern – Ist mein Sohn noch normal?

Redaktion PraxisVITA

ADHS bei Kindern äußert sich in Symptomen wie Hyperaktivität und Konzentrationsschwäche. Laut einer Studie gilt heute jedes vierte Kind als verhaltensauffällig. Doch ist alles, was anders ist, auch wirklich krankhaft? Eine Mutter erzählt.

„Kinder müssen funktionieren“, sagt Heidrun Sägebrecht*. Die 54-jährige weiß, wovon sie spricht. Ihr Sohn Christof, heute 21, hat ADHS – das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom. Damals war die Diagnose noch selten, doch seit ein paar Jahren wird gehäuft ADHS festgestellt. Ob das immer gerechtfertigt ist, stellen Experten infrage. Denn nicht jedes unruhige Kind leidet an ADHS. Und selbst ADHS-Kinder wie Christof sind nicht zwangsläufig krank, sondern entsprechen vielleicht einfach nur nicht den landläufigen Vorstellungen von dem, was als „normal“ angesehen wird. „Sie sind nur anders“, sagt Christofs' Mutter Heidrun. „Früher wurden solche Kinder besser in der Gesellschaft aufgefangen. Heute schrillen sofort die Alarmglocken, wenn ein Kind nicht so funktioniert, wie man es von ihm erwartet.“ Schon als Zweijähriger fällt Christof in der Krabbelgruppe auf.

 

ADHS bei Kindern ist keine Frage der Erziehung

Heidrun: „Er konnte mit den anderen Kindern nicht umgehen. Sie zu schubsen, war seine Art, auf sie einzugehen. Sofort wurde gesagt, er sei schlecht erzogen und man müsste ihm mit einer Tracht Prügel Einhalt gebieten. Ich begann, an mir zu zweifeln. Machte ich was falsch?“

Ratlos geht Heidrun mit ihrem Sohn zum Kinderarzt. Sie ahnt, dass er sich nicht aus Boshaftigkeit so verhält, sondern weil er nicht anders kann. Der Mediziner ist umsichtig genug, den Jungen sofort zu einem Spezialisten zu überweisen, der nach vielen Untersuchungen die Diagnose stellt: ADHS.

 

Bei Kindern mit ADHS sind Eltern die beste Therapie

Als Christof vier ist, beginnt er mit Ergotherapie. Die Therapeutin zeigt der Familie Wege, mit Christof umzugehen und ihn zu fördern. „Die Therapie muss zu Hause fortgeführt werden. Die besten Therapeuten sind die Eltern“, sagt Heidrun.

Später wird ihr empfohlen, ihrem Sohn Medikamente zu geben. „Das wollten wir nicht. Wenn überhaupt, sollte er später selbst entscheiden, ob er ,Ritalin' nehmen will“, sagt sie.

 

ADHS-Kinder fühlen sich als Außenseiter

Christof ist extrem geräuschempfindlich, Schmerzen dagegen fühlt er kaum. „Manchmal ließ er sich aus dem Stand auf die Kniescheiben fallen – nur um sich zu spüren. Er war ständig wie in einem Schwebezustand. Wenn man sich das bewusst macht, versteht man, warum er zappelte.“ Um ihn im wahrsten Sinne des Wortes auf den Boden zurückzuholen, trägt er eine Zeit lang in der Schule Bleibänder an den Fußgelenken. Damit er weiß, wo seine Beine aufhören.

Christof merkt früh, dass er anders ist. Als Siebenjähriger sagt er einmal, dass er tot sein möchte. „Er meinte, dass er es allen nur schwer macht, hatte das Gefühl, nie irgendwelchen Ansprüchen genügen zu können. Das tat sehr weh. Wir haben immer versucht, ihn aufzufangen, darauf geachtet, dass er kein Außenseiter wird, und bewusst immer viel mit ihm und seinen Freunden unternommen.“

In der Grundschule hat es Christof schwer. „Er hat nach dem Lustprinzip gelernt. In den Fächern, die ihn interessierten, war er gut, in den anderen hatte er eine Fünf“, sagt Heidrun. Als die Lehrer in der dritten Klasse deshalb empfehlen, Christof auf eine Förderschule zu schicken, stellt Heidrun sich quer. Ihr Christof ist zwar anders, aber nicht dumm. „Wir ließen ihn in einer Kinderklinik untersuchen. Dort wurde festgestellt, dass er sehr wohl eine Regelschule besuchen kann. Er übersprang sogar eine Klasse und ging direkt aufs Gymnasium, wechselte später zur Realschule. „Unterschwellig schwang bei vielen Lehrern mit, dass Christof nur schlecht erzogen sei. Wir haben uns den Mund fusselig geredet, um zu erklären, was los ist.“

 

ADHS bei Kindern äußert sich durch Reizoffenheit

An der Realschule wird Christof eine Mentorin zur Seite gestellt, die ihn durch den Schulalltag lotst. „Das war jemand, der ihm zeigte, was er zuerst tun soll. Man muss sich das so vorstellen: Kinder mit ADHS sind reizoffen. Für sie ist alles gleich wichtig. Der Nagel in der Wand genauso wie das, was die Lehrerin erzählt. Es gibt kein Gleich und Nachher, kein Schritt für Schritt“, erklärt Heidrun. Sie sieht ADHS nicht als Krankheit. „Die Kinder nehmen die Welt anders wahr. Damit müssen sie umgehen lernen. Einem Blinden verschreibt man auch keine Tabletten, sondern hilft ihm, zurechtzukommen.“ In Christofs Fall hat ADHS auch Vorteile: Er ist intelligent und nutzt die Reizoffenheit, um sich schnell Dinge beizubringen. Christof arbeitet heute als Fotograf. Er kann inzwischen mit seinen Besonderheiten leben – und weiß, wie er sie für sich nutzen kann.

*Namen von der Redaktion geändert

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