ADHS begegnen: ADHS im Erwachsenenalter

Redaktion PraxisVITA
ADHS im Erwachsenenalter
Bei ADHS im Erwachsenenalter gibt es drei Kernsymptome: Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, motorische Hyperaktivität und Impulsivität © Fotolia

Kinder, die unter ADHS leiden, sind heute keine Seltenheit. Aber auch ADHS im Erwachsenenalter ist eine Problematik, die noch nicht so lange bekannt ist. Wie sich ADHS bei Erwachsenen erkennen lässt und welche Hilfe die Seele heilt.

„Oft stoße ich andere Menschen durch unbedachte Äußerungen vor den Kopf. Ich kann schlecht warten. Andere sagen mir, ich sei ungeduldig. Ich gebe oft Zusagen, ohne vorher nachzudenken, ob ich sie auch einhalten kann“ (Melanie B., 43).

„Es fällt mir schwer, längere Zeit ruhig zu sitzen. Ich stehe ständig unter Strom. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich mich bewegen kann. Ich komme abends ganz schlecht zur Ruhe. Ich mag aufregende Tätigkeiten, bin immer auf der Suche nach dem Kick.“ (Patrick L., 23)

 „Es fällt mir schwer, meinen Alltag zu organisieren. Der Haushalt ist schon immer ein einziges Chaos. Oft weiß ich nicht, womit ich beginnen soll, fange alles gleichzeitig an und bringe nichts zu Ende. Am Arbeitsplatz bin ich häufig zu langsam und muss nachfragen, weil ich nicht alles mitbekommen habe. Oft denke ich, dass ich schlechter bin als andere. Seit der Kindheit habe ich das Gefühl, nicht die Leistungen zu erbringen, die von mir erwartet werden. Schon in der Schule habe ich als Träumsuse gegolten." (Linda B., 24)

Melanie, Patrick und Linda haben eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter.

Stefan Raab
ADHS im Erwachsenenalter haben oft kreative Menschen und Prominente. Auch Stefan Raab hat sich als ADHSler geoutet© gettyimages
 

Wie lässt sich ADHS im Erwachsenenalter erkennen?

Es gibt drei Kernsymptome bei ADHS im Erwachsenenalter: Zuerst sind da die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. Das heißt, man hat Schwierigkeiten, sich auf bestimmte, wenige Aspekte einer Situation zu konzentrieren und andere, weniger wichtige Aspekte auszublenden. Oder man kann die Konzentration nicht über einen längeren Zeitraum aufrecht halten, ohne gedanklich abzuschweifen, lässt sich schnell ablenken und kann Tätigkeiten nicht zielgerichtet und effizient durchführen. Das zweite Symptom ist eine motorische Hyperaktivität. Man kann nicht lange ruhig sitzen, fühlt sich getrieben, kann nicht zur Ruhe kommen und hat eine erhöhte motorische Aktivität. Punkt drei ist die Impulsivität. Die Fähigkeit, das eigene Handeln zu steuern, ist vermindert. Dem ersten, inneren Impuls wird ohne vorheriges Überdenken möglicher Konsequenzen sofort nachgegeben. Vorschnelle Äußerungen, Handlungen und Entscheidungen sind an der Tagesordnung. Zu diesen drei Kernsymptomen kommen neben einer typischen Desorganisation häufig noch emotionale Symptome hinzu. Das können schnelle Stimmungswechsel, eine verminderte Gefühlskontrolle oder eine geringe Belastbarkeit bei Stress sein. ADHS im Erwachsenenalter haben oft kreative Menschen und Prominente. Man kann damit sehr gut leben – erst wenn die Störung das Leben negativ beeinflusst, sollte sie behandelt werden.

 

Habe ich ADHS im Erwachsenenalter?

Diese Frage lässt sich natürlich nicht einfach so beantworten. Dazu ist eine ausführliche Untersuchung nötig.

Wer als Erwachsener ständig unkonzentriert oder unorganisiert ist, kommt nicht unbedingt sofort darauf, dass er vielleicht ADHS im Erwachsenenalter hat. Sind die Symptome, die eingangs beschrieben wurden, jedoch zumindest teilweise vorhanden, macht es Sinn, einen Arzt aufzusuchen. Er wird dann auf Basis einer ausführlichen klinischen Untersuchung die Diagnose stellen. Ein wesentlicher Aspekt der Untersuchung ist das Herausarbeiten der ADHS-Symptomatik von Beginn an. Außerdem gilt es, die Beeinträchtigungen im Alltag zu entdecken, die aufgrund der Symptome auftreten. Zur Diagnostik werden folgende Fragen geklärt: Wann haben Konzentrationsstörungen, Impulsivität und Hyperaktivität begonnen? In welchen Lebensbereichen zeigen sich die Auswirkungen der ADHS-Symptome? Waren oder sind andere psychiatrische Erkrankungen vorhanden? Zusätzlich gibt es eine körperliche Untersuchung, Gespräche mit wichtigen Bezugspersonen und eine testpsychologische Untersuchung.

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So sieht die Behandlung bei ADHS im Erwachsenenalter aus

Wie erfolgt die Therapie mit Methylphenidat?

Sobald die Entscheidung für eine medikamentöse Therapie gefallen ist, wird die Methylphenidat-Dosis schrittweise angepasst. Bereits in dieser Phase zeigen sich erste Effekte.

Wie verträglich ist der Wirkstoff?

Bei einer Behandlung mit Methylphenidat müssen bestimmte Voraussetzungen beachtet werden – und dann ist sie risikound nebenwirkungsarm.

Macht die Therapie abhängig?

Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Methylphenidat eine Abhängigkeit erzeugt, wenn man es wie vom Arzt vorgeschrieben einnimmt.

Wie lange dauert so eine Therapie?

Dazu gibt es keine verbindlichen Aussagen. Experten meinen, man sollte die Notwendigkeit der Therapie etwa alle zwei Jahre überprüfen. Die meisten Patienten bleiben dabei, weil die ADHS-Symptome ohne Medikation unverändert stark wieder auftreten würden.

Gibt es noch andere Medikamente zur Behandlung von ADHS?

Neben Methylphenidat gibt es noch Atomoxetin. Alle anderen Medikamente sind ausschließlich zugelassen zur Behandlung von ADHS im Kindesalter.

Psychotherapie bei ADHS
Alternativ oder zusätzlich zur medikamentösen Behandlung ist bei ADHS im Erwachsenenalter auch eine psychotherapeutische Behandlung empfehlenswert© Fotolia
 

Psychotherapie bei ADHS im Erwachsenenalter

Es gibt verschiedene psychotherapeutische Ansätze bei ADHS im Erwachsenenalter. Die Wirksamkeit dieser Verfahren ist nachgewiesen.

Alternativ oder zusätzlich zur medikamentösen Behandlung ist bei ADHS auch eine psychotherapeutische Behandlung empfehlenswert. Ganz wichtig vor Therapiebeginn: Man sollte klären, ob der künftige Therapeut mit dem speziellen Krankheitsbild vertraut ist und eine darauf zugeschnittene Behandlung anbieten kann. In der Regel wird diese übrigens von den Krankenkassen bezahlt. Ein Wort, das man im Zusammenhang mit ADHS häufiger hört, ist Coaching. Lebenspartner, Eltern oder Familie können zum Beispiel die Coaching-Funktionen übernehmen. Soll heißen: Man vereinbart zum Beispiel gemeinsam, dass der ADHS-Patient von seinen Lieben darauf hingewiesen wird, wenn sich erste Zeichen eines Wutanfalls zeigen. Oder der Ehepartner übernimmt die Terminplanung und erinnert an Verabredungen und Verpflichtungen. Voraussetzung ist natürlich, dann man die Erkrankung gemeinsam bespricht und angeht.

"Ich habe den Eindruck, dass ich mich viel besser als früher auf Besprechungen konzentrieren kann. Jetzt gelingt es mir ohne Probleme, bei der Sache zu bleiben."(Mike P., 28)

"Das Beste in der Gruppentherapie war für mich, andere Leute mit ADHS zu treffen, die die gleichen Schwierigkeiten hatten. Seitdem kann ich mich viel besser akzeptieren." (Lisa G., 31)

Ziele der Psychotherapie bei ADHS:

1 Verständnis der Symptome und problematischen Verhaltensweisen.

2 Erlernen von Strategien für den erfolgreichen Umgang mit den Symptomen.

3 Abbau von behindernden und belastenden Denkmustern und Verhaltensweisen.

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