Abtreibungsverbot: So verheerend können die gesundheitlichen Folgen sein

Verena Elson

Zwei Frauen wollen abtreiben – eine darf, die andere nicht. Welche hat in den folgenden Jahren mehr gesundheitliche Probleme? Diese Frage haben US-Forscher in einer aktuellen Studie beantwortet.

Eine Frau sitzt auf einer Couch und denkt nach
Frauen, denen eine gewünschte Abtreibung verweigert wird, haben in den folgenden Jahren mehr gesundheitliche Probleme Foto:  fizkes

Wenn Frauen abtreiben wollen, das Gesetz es ihnen aber verbietet, bleibt das nicht ohne Folgen – zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Abtreibungsstudie von Wissenschaftlern der University of California in San Francisco. „Unsere Studie zeigt, dass eine Abtreibung der Gesundheit einer Frau nicht schadet, die Verweigerung einer gewünschten Abtreibung dagegen schon“, fasst Co-Autorin Lauren Ralph die Ergebnisse zusammen.

Ralph und ihr Team begleiteten rund 900 Frauen, die zwischen 2008 und 2010 verschiedene Abtreibungskliniken in den USA aufsuchten. Unter den Studienteilnehmerinnen waren auch Frauen, die die Kliniken kurz vor oder nach dem „Stichtag“ in ihrer Schwangerschaft aufsuchten, zu dem eine Abtreibung gesetzlich noch erlaubt ist – dieser unterscheidet sich in den verschiedenen Regionen der USA. So ergab sich folgende Verteilung: 328 Frauen ließen im ersten Schwangerschaftstrimester eine Abtreibung durchführen, 383 im zweiten Trimester und 163 Frauen wurde die Abtreibung verweigert, weil ihre Schwangerschaft bereits zu weit fortgeschritten war, um einen legalen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen.

 

Nach Verweigerung der Abtreibung mehr gesundheitliche Probleme

In den folgenden fünf Jahren wurden die Frauen zweimal jährlich am Telefon zu ihrem gesundheitlichen Befinden befragt. Rund 60 Prozent der Frauen nahmen an allen Telefoninterviews teil – Mütter tendierten am ehesten dazu, ihre Teilnahme vorzeitig abzubrechen.

Die Auswertung zeigte: Frauen, die abgetrieben hatten, hatten später keine schlechtere Gesundheit als Frauen, die ihr Kind ausgetragen hatten. Im Gegenteil: Letztere dokumentierten kontinuierlich mehr gesundheitliche Probleme als Frauen, die abgetrieben hatten. 

Nach fünf Jahren bewerteten 27 Prozent der Frauen, die nicht abtreiben durften, ihre Gesundheit als „mittelmäßig“ oder „schlecht“. Zum Vergleich: In der Gruppe der Frauen, die abgetrieben hatten, taten dies nur 20 Prozent. Zwischen den Gruppen der Frauen, die im ersten beziehungsweise zweiten Trimester abgetrieben hatten, ergaben sich keine Unterschiede in der späteren Gesundheit.

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Zwei Todesfälle im Wochenbett

Frauen, die ihr Kind ausgetragen hatten, berichteten zudem über mehr chronische Kopfschmerzen, Migräne und Gelenkschmerzen als Frauen, die abgetrieben hatten. Zwei der 163 Frauen, die nicht abtreiben konnten, starben im Wochenbett. Diese Todesfälle hingen beide mit Schwangerschafts- beziehungsweise Geburtskomplikationen zusammen.

Das Auftreten dieser beiden Todesfälle bezeichnet Ralph als „ernüchternd“. Denn obwohl die Müttersterblichkeitsrate in den USA im Vergleich zu anderen Industrienationen hoch ist, sind solche Fälle sehr selten – im Schnitt stirbt eine von 1.000 Frauen bei der Geburt oder im Wochenbett.

„Weil es so selten ist, können wir nicht beurteilen, ob dieser Unterschied statistisch signifikant ist“, räumt Ralph ein. „Aber wir können zumindest sagen, dass diese mütterlichen Todesfälle hätten vermieden werden können, wenn diese Frauen die gesundheitliche Versorgung erhalten hätten, um die sie gebeten hatten.“ 

Die Studie wurde von verschiedenen Organisationen finanziert, die die sogenannte Pro-Choice-Bewegung in den USA unterstützen – diese setzt sich für die reproduktiven Selbstbestimmungsrechte von Frauen ein. Die Organisationen waren allerdings nicht an der Auswertung der Daten beteiligt.

 

Verschärfte Abtreibungsgesetze in den USA

In den USA ist es trotz des generellen, seit 1973 geltenden Abtreibungsgesetzes den Bundesstaaten überlassen, eigene rechtliche Regelungen festzulegen. In einigen Staaten werden die Abtreibungsgesetze derzeit verschärft. Fürsprecher wollen unter anderem erreichen, dass Abtreibungen nur möglich sind, bevor der Herzschlag des Babys zu erkennen ist. Da das kleine Herz in der Regel bereits in der fünften Schwangerschaftswoche beginnt zu schlagen, kommt dies einem gänzlichen Abtreibungsverbot nahezu gleich. In Missouri etwa sollen Abtreibungen künftig ab der achten Schwangerschaftswoche verboten sein – auch dann, wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung oder Inzest zustande kam.

Zusätzlich kämpfen republikanische Gouverneure in den USA dafür, das seit 1973 geltende Urteil zu kippen – sie wollen das Thema vor den Obersten Gerichtshof bringen. Der Zeitpunkt dafür ist für sie günstig, schließlich hat US-Präsident Donald Trump zwei ultrakonservative Richter in den Supreme Court berufen. 

 

Debatte um gesundheitliche Folgen von Abtreibungen in Deutschland

Auch in Deutschland werden die gesundheitlichen Folgen von Abtreibungen diskutiert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will mit einer Langzeitstudie die Frage neu beantworten, welche psychischen Folgen das sogenannte Post-Abortion-Syndrom für Frauen hat. Dass es dieses Syndrom überhaupt gibt, wird von Wissenschaftlern allerdings stark angezweifelt. Für die neue Studie wurden dem Gesundheitsminister fünf Millionen Euro bewilligt. Eine Verschwendung von an anderer Stelle dringend benötigter Mittel, argumentieren Kritiker – denn bisherige Studien weisen darauf hin, dass Abtreibungen in der Regel keine langfristigen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Frauen haben. 

Quelle:
Ralph, L. et al. (2019): Self-reported Physical Health of Women Who Did and Did Not Terminate Pregnancy After Seeking Abortion Services: A Cohort Study, in: Annals of Internal Medicine.

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