7 Fragen an mein Leitungswasser

7 Fragen an mein Leitungswasser
In Deutschland hat das Wasser aus der Leitung Trinkwasserqualität. Samit werben zumindest die Wasserwerke. Dennoch gelangen auch hierzulande viele Schadstoffe ins Wasser. Praxisvita hinterfragt das, was man über die Qualität unseres Trinkwassers zu wissen © Fotolia

Deutschland verfügt über eine sehr gute Wasserqualität. So gut, dass die deutschen Wasserwerke mit einer flächendeckenden Trinkwasserqualität aus der Leitung werben. Für die Qualität sorgt hierzulande ein weltweit einmaliges Regelwerk, das die Förderung, Anreicherung, Weiterleitung und Abfüllung von Wasser genau bestimmt.

Dennoch zeigen Studien, dass auch in Deutschland die Belastung des Grundwassers mit Substanzen aus zum Beispiel verstoffwechselten – also von Menschen eingenommenen und wieder ausgeschiedenen – Medikamenten sowie chemischen Rückständen aus der Landwirtschaft oder Schwerindustrie zunimmt. Welche Gefahren drohen unserer Gesundheit? Wie effektiv filtern Klärwerke belastende Stoffe aus unserem Trinkwasser? Und was kann man zuhause tun, um eine gesunde Wasserqualität aus der Leitung zu garantieren? Praxisvita stellt für Sie die wichtigsten Fragen an Ihr Leitungswasser.

 

Was steckt in unserem Leitungswasser?

Die Liste der gesundheitsgefährdenden Stoffe, die sich in unserem Leitungswasser nachweisen lassen, ist sehr lang und wird immer länger. Neuere Studien zählen mindestens 150 verschiedene Wirkstoffe aus Medikamenten, die sich in unserem Wasser nachweisen lassen. Dazu gehören nicht nur Hormone – wie zum Beispiel das Östrogen der Antibabypille –, sondern auch durchaus gefährliche Substanzen wie starke Opioid-Rückstände verstoffwechselter Schmerzmittel, nicht abbaubare Röntgenkontrastmittel, über viele Jahre stabil bleibende Antibiotika oder aus der Landwirtschaft in das Grundwasser sickernde Pestizide – sogenannte Pestizidmetaboliten.

Bedenklich sind auch die zunehmenden Mengen an radioaktivem Uran und dem extrem giftigen Stoff Bor, besonders auch deswegen, weil es in Deutschland für diese Stoffe zur Zeit keine verbindlichen Grenzwerte gibt. Weitere belastende Substanzen, die sich in unserem Leitungswasser finden – und für die es auch keine systematischen Kontrollmechanismen gibt – sind beispielsweise über den Körper ausgeschiedene synthetische Vitamine und Mineralstoffe sowie Rückstände von Kokain oder anderen Rauschmitteln.

 

Woher kommen die Substanzen in unserem Wasser?

Die meisten Substanzen, die unser Leitungswasser belasten, stammen aus ungeklärten Abwässern und sind ein sehr charakteristisches Produkt der modernen Industriegesellschaft. Besonders Industrieanlagen, Kraftfahrzeuge, die Abwässer aus Städten an sich – zum Beispiel aufgrund einer beschädigten Kanalisation oder der legalen und illegalen Entsorgung von Substanzen – tragen zur Verschmutzung des Wassers bei. Daneben gelangen auch durch die landwirtschaftliche Düngung und Nutzung von Pflanzenschutzmitteln potenziell gesundheitsschädliche Substanzen ins Wasser. 

7 Fragen an mein Leitungswasser
Trotz aller Maßnahmen für Umwelt- und Wasserschutz gelangt immer noch ein beträchtlicher Anteil an Schadstoffen über Abfälle und Rückstände der Landwirtschaft und Schwerindustrie in unser Trinkwasser© Imago

Ein immer mehr in den Fokus rückender Aspekt der Wasserverschmutzung ist die Ausscheidung bestimmter Substanzen durch den Menschen. Vor allem chemische Rückstände aus Medikamenten, aber auch Vitamine und Rauschmitteln, werden durch den Körper zumeist nicht vollständig abgebaut. Ob nun Antibabypille, Schmerzmittel oder blutdrucksenkende Medikamente – sie alle enthalten verstoffwechselte Substanzen, die über den Urin direkt oder als Abbauprodukt das Abwasser erreichen. Eine aktuelle Studie zeigt zudem, dass 47 Prozent der Deutschen alte Medikamente über den Abfluss im Spülbecken oder die Toilette entsorgen. Diese wandern über das Abwasser entweder direkt in den Boden und damit in unser Leitungswasser oder werden über die landwirtschaftliche Klärschlammverwertung an unsere Lebensmittel weitergegeben.

 

Sind die Stoffe im Wasser gefährlich?

Bisher zeigen die Kontrollen der Wasserwerke und diverse Studien, dass die meisten im Leitungswasser nachgewiesenen Stoffe – aufgrund der hohen Wasser-Substanz-Verdünnung – nur in geringer Konzentration vorhanden sind. Die entsprechenden Mengen der meisten Stoffe sind für den Körper deswegen nicht gefährlich. Auf der anderen Seite sind die Stoffe für sich durchaus gesundheitsschädlich – mitunter sogar tödlich. Durch die zunehmende Anreicherung schädlicher Stoffe im Erdboden und im Grundwasser steigen die Wirkstoffmengen kontinuierlich. Darüber hinaus haben die nachgewiesenen Substanzen auch in für den Menschen nicht schädlichen Wirkstoffmengen einen großen Einfluss auf die Tier- und Pflanzenwelt.

Medizinische Studien haben in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass beispielsweise die Hormonreste – vor allem Östrogen – der Antibabypille, die über den Urin in das Abwasser gelangen, nachweislich zu einer sogenannten „Verweiblichung“ des Fischbestands führen kann. Auch ein möglicher Einfluss von weiblichen Hormonen auf den menschlichen Körper kann zur Zeit nicht ausgeschlossen werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Aufnahme des Mineralstoffs Fluor – das überwiegend durch die künstliche Anreicherung in unser Leitungswasser kommt – in zu hohen Mengen beim Menschen langfristig zu Störungen im Skelettaufbau führen kann. Pestizidmetaboliten – die aus landwirtschaftlich verwendeten Pflanzenschutzmitteln in unser Wasser gelangen – werden als krebserregende Stoffe klassifiziert, Uran dagegen kann bereits in sehr kleinen Mengen Nieren und Leber schädigen und Bor steht unter anderem im Verdacht einen negativen Einfluss auf die männliche Fortpflanzungsfähigkeit zu haben.

Bei Medikamentenresten im Wasser ist die Lage komplizierter. Die meisten Substanzen kommen zwar in einer sehr niedrigen Konzentration im Trinkwasser vor, dennoch besitzen die Stoffe deswegen noch ihre Wirkung. Gesundheitliche Gefahren werden zwar von offizieller Seite – zum Beispiel vom Bundesinstitut für Risikobewertung – verneint, von wissenschaftlicher Seite aus gelten aber vor allem die Langzeitfolgen der indirekten Aufnahme von bestimmten Wirkstoffen als nicht ausreichend erforscht und deswegen nicht absehbar. Hinzu kommt, dass solche Wirkstoffe – wenn überhaupt – auf ihre Einzelwirkung getestet werden.

Tatsächlich wird aber immer wieder festgestellt, dass einzelne Wirkstoffe beim Aufeinandertreffen im Leitungswasser Wechselwirkungen entfalten und auf diese Weise sogenannte oligodynamische Eigenschaften – das heißt, dass sich Wirkstoffe gegenseitig verstärken und neue, unvorhersehbare Wirkeffekte zeigen – annehmen können. Ein weiterer gesundheitlicher Nachteil, der durch den andauernden Kontakt mit Wirkstoffen – wie Antibiotika oder Schmerzmittel – entstehen kann, sind Resistenzen oder Gewöhnungseffekte des Körpers. Das kann dazu führen, das bestimmte Medikamente nicht mehr oder weniger effektiv wirken, wenn ihr Einsatz tatsächlich notwendig wird.  

 

Ist Flaschenwasser ebenfalls betroffen?

Die einfache Antwort darauf lautet: Ja. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Flaschenwasser ebenfalls mit gesundheitsschädlichen Substanzen belastet ist. Teilweise sind die Belastungen sogar höher als beim Leitungswasser. So zeigte zum Beispiel eine Studie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, dass 60 Prozent des deutschen Flaschenwassers mit Hormonen – wie Östrogen – verunreinigt sind. Pestizidmetaboliten fanden sich dagegen in rund 20 Prozent der Wasserflaschen.

 

Welche Substanzen filtern Klärwerke aus dem Wasser?

Der Großteil des deutschen Abwassers – das in besonderem Maße zum Beispiel mit Hormonen und Rückständen von Medikamenten belastet ist – wird Klärwerken zugeführt und dort aufbereitet. In der Regel wird dabei das Wasser nicht nur gefiltert, sondern auch gechlort. Diese Reinigungsmaßnahmen sind gegen die meisten Bakterien und Parasiten tatsächlich sehr wirksam, allerdings zeigen Studien, dass auf diese Weise viele Medikamentenrückstände und Hormone nicht aus dem Wasser verschwinden.

Der Grund ist unter anderem, dass die in Klärwerken eingesetzten Filter zu großmaschig sind, als dass sie Kleinstpartikel – wie auf Proteinen basierende Hormone – aus dem Wasser filtern könnten. Zwar gibt es Filteranlagen, die das könnten, sie werden aber aus Kostengründen – das Leitungswasser würde auf diese Weise sehr viel teurer werden – und vor dem Hintergrund, dass die im Wasser gemessenen Wirkstoffmengen zu niedrig sind, nicht eingesetzt.

 

Genügt es das Wasser abzukochen?

Das Abkochen von Wasser ist die wahrscheinlich älteste und bewährteste Methode, um Wasser von mikrobiellen Verunreinigungen zu befreien. Tatsächlich werden – sofern man das Wasser lange genug kocht – die meisten Keime, die das Wasser belasten könnten, abgetötet oder zumindest zersetzt. Allerdings gilt dies nur eingeschränkt bei verstoffwechselten Rückständen von Medikamenten und Hormonen, die im Wasser gelöst sind. Zwar reagieren solche Stoffe sehr unterschiedlich auf Erhitzung, aber viele sogenannte Peptidhormone werden maximal inaktiv und verschwinden nicht – viele überstehen die Temperatur unbeschadet.

Wer sein Wasser abkocht, sollte bedenken, dass die vielen krankheitserregende Bakterien bereits bei einer Temperatur von 70 Grad absterben oder auseinanderfallen. Dennoch muss das Wasser mindestens acht Minuten auf dieser Temperatur gehalten werden, damit es keimfrei wird.

 

Was bringen Wasserfilter?

Reines Wasser – im Sinne von H₂O – existiert in der Natur nicht. Das ist sogar gesundheitlich sehr wichtig für den Menschen, da im Wasser gebundene Mineralstoffe wichtiger Teil der menschlichen Ernährung sind. Deswegen ist es nicht gesundheitsfördernd, wenn Wasser steril gemacht wird. Destilliertes Wasser kann in höheren Dosen sogar gesundheitsgefährdend wirken.

7 Fragen an mein Leitungswasser
Der Markt für Wasserfilter – wie für diesen Tischwasserfilter – boomt in Deutschland. Und das obwohl wir eine sehr gute Wasserqualität haben und die im Handel erhältlichen Wasserfilter üblicherweise keine gesundheitsgefährdenden Schadstoffe aus dem Wasser filtern können© Fotolia

Dennoch hat der Markt für verschiedene Wasserfiltersysteme in den letzten Jahren einen deutlichen Boom erlebt. Eine besonders beliebte Filtervariante ist der sogenannte Tischwasserfilter. Solche Filter sind kostengünstig zu erwerben und benötigen keine Installation. Allerdings eignen sich diese Geräte auch nur bedingt zur Filterung von gefährlichen Substanzen aus Leitungswasser. Schmutzreste, Arznei- und Schwermetallrückstände werden durch dieses Verfahren nicht entfernt, da dieser Filter schwerpunktmäßig zur Entkalkung von Wasser verwendet werden soll. Zwar ist in vielen Geräten der Aktivkohlefilter mit Silber behandelt, sodass auch Bakterien abgetötet werden können, aber im Gegenzug landen Silberpartikel im Wasser.

Eine weitere verbreitete Form ist der Wasserfilter am Wasserhausanschluss. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Ionentauschverfahren, welches das gesamte Leitungswasser filtert. Aber auch dieses Filtersystem dient vor allem der Entkalkung des Wassers. Untersuchungen haben zwar gezeigt, dass auch der Anteil an Schwermetallen auf diese Weise verringert werden kann, aber andere Substanzen – vor allem anorganische Schadstoffe – werden nicht aus dem Wasser gefiltert. Nachteil ist hier ebenfalls, dass durch das Ionen-Tauschverfahren Fremdstoffe im Wasser nicht einfach entfernt, sondern durch andere ersetzt werden. Die meisten dieser Filter versetzen das Wasser im Tausch mit Mineralstoffen – zum Beispiel Calcium oder Magnesium – aber auch der Anteil von Kupfer und Blei steigt im Leitungswasser an. Zusätzlich sind diese Geräte aufgrund der Technik – bei der oft der Filter gewechselt werden muss – anfällig für Verkeimungen, die das Wasser mit gefährlichen Erregern belasten können.

Viele Menschen gehen grundsätzlich davon aus, dass ihr Leitungswasser – das häufig aus dem Grundwasser bezogen wird – durch eine natürliche Gesteins- und Bodenfilterung gereinigt wird. Diese Sichtweise wird nicht zuletzt durch die Hersteller von Mineralwasser gefördert, die mit der Tiefenreinigung durch Gesteinsmassen werben. Und immerhin braucht das Grundwasser in Deutschland zwischen zehn und 40 Jahre, bis es aus einer Quelle sprudelt. Dabei wird aber nicht berücksichtig, dass Schadstoffe – vor allem Pestizidmetaboliten aus der Landwirtschaft und Medikamentenrückstände – Jahrzehnte im Boden überstehen und es eine zunehmende Anreicherung solcher Stoffe gibt. Zudem versickern solche Substanzen auch im Boden und erreichen auf diese Weise das Grundwasser.

Hamburg, 3. Juli 2014

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