6 Wahrheiten über das Erbrechen

Phyllis Kuhn Medizinredakteurin
Frau übergibt sich in Eimer
Erbrechen: nützliche aber meist unangenehme Körperfunktion... © Alamy

Was passiert eigentlich im Körper, wenn wir uns übergeben müssen und welche Organe können dafür verantwortlich sein? PraxisVITA verrät es Ihnen.

Es ist zwar unappetitlich und kann dauerhaft starke Probleme verursachen, aber es ist auch eine Schutzfunktion: Das Erbrechen, medizinisch Vomitus oder Emesis.Wir haben einmal genauer hingesehen. 

 

1. Das passiert beim Erbrechen

Auch wenn das meist unfreiwillige Entleeren des Mageninhalts ziemlich brachial wirkt – dahinter steckt eine komplexe Dynamik, an der viele Organe beteiligt sind. Los geht alles nicht im Magen, sondern im Gehirn. Im sogenannten Brechzentrum treffen Signale aus dem Magen (etwa nach der Verzehr verdorbener Lebensmittel), dem Ohr (bei Reiseübelkeit) und anderen Organen ein.

Meist gehen dem Erbrechen meist typische Körperreaktionen wie Blässe, Schweißausbrüche, Ohrensausen oder Schwindel vorangehen. Das liegt daran, dass sich das Brechzentrum mit anderen Hirnregionen – etwa denen, die für Atmung, Kreislauf und Gleichgewicht zuständig sind – und dem parasympathischen Nervensystem abstimmt. Das anschließende Erbrechen ist ein perfekt koordinierter Vorgang unterschiedlicher Körperfunktionen: Das Zwerchfell und die Bauchmuskeln verkrampfen sich und treiben den Brechakt voran. Der obere Darmabschnitt löst eine Druckwelle aus, die, sobald sie auf den Magen trifft, dessen Inhalt in schnellem Tempo nach oben drückt. Während die Speiseröhre hilft, den Mageninhalt voran zu schieben, verschließen sich Luftröhre und der Nasenrachenraum vollständig. Das ist wichtig, damit keine Nahrungsreste eingeatmet werden (Aspiration) und ein Ersticken verhindert wird.

 

2. Warum Erbrechen meistens gesund ist

Auch wenn sich Erbrechen äußerst unangenehm anfühlt: In der Regel ist es ein nützlicher Weg des Körpers, um schädliche Substanzen wieder loszuwerden. Deshalb sollten bei Lebensmittelvergiftungen (z.B. Salmonellen) keine Medikamente eingenommen werden, die das Erbrechen oder den Durchfall stoppen. Es ist wichtig, dass sämtliche Erreger wieder ausgeschieden werden.

Aktuelle Studien zeigen außerdem: Frauen, die sich während der Schwangerschaft häufig übergeben müssen, haben ein geringeres Risiko für Fehlgeburten.

Schwangere Frau hält sich den Bauch
In der Schwangerschaft kann Erbrechen durchaus ein gutes Zeichen sein.© Alamy
 

3. Was die Farbe aussagt

Normalerweise ist die Farbe Ihres erbrochenen Mageninhaltes eine Mischung aus den Farben der Lebensmittel, die Sie in den letzten zwölf Stunden verzehrt haben. Aufpassen sollten Sie, wenn das Erbrochene hellrot ist. Es handelt sich dann höchstwahrscheinlich um frisches Blut, das aus einer Verletzung der Speiseröhre stammen könnte. Auch dunkleres Rot ist – solange Sie nicht gerade Rote Beete gegessen haben – ein Warnzeichen, es kann von einer Magenverletzung stammen.

Marmelade
Hat Ihr Erbrochenes die Farbe dieser Erdbeermarmelade, ist etwas nicht in Ordnung.© Alamy
 

4. Wann es gefährlich werden kann

Wer sich über einen Zeitraum von maximal fünf Stunden öfter übergeben muss, hat normalerweise noch kein großes Risiko für gesundheitliche Schäden. In diesen Fällen helfen Aktivkohle und die Aufnahme von Wasser, dem Sie am besten Zucker und etwas Salz hinzufügen um den Mineralienverlust auszugleichen. Kleine Stückchen Brot helfen außerdem, überschüssige Magensäure aufzusaugen und verhindern, dass letztendlich nur noch Galle erbrochen wird.

Gefährlich wird es, wenn das Erbrechen mehr als fünf Stunden anhält und aufgenommene Flüssigkeit nicht im Körper behalten werden kann. Dann besteht durch den großen Flüssigkeitsverlauf das Risiko einer Dehydrierung, die mit einem ernstzunehmenden Mineralienmangel einhergeht. In so einem Fall ist eine Fahrt ins Krankenhaus oder ein Anruf beim Notarzt unumgänglich, denn nur eine intravenöse Gabe von Flüssigkeit kann den Wasserverlust dann noch ausgleichen.

Durch häufiges Erbrechen drohen auch andere Nebenwirkungen. Durch den ständigen Kontakt mit Magensäure können Risse in der Speiseröhre entstehen. Patienten, die über einen langen Zeitraum häufig erbrechen (etwa Bulimie-Patienten), riskieren außerdem schwere Schäden an den Zähnen, da der Zahnschmelz der ständigen Aufweichung mit Magensäure nichts entgegensetzen kann. Auch wer nur einmal erbricht sollte sich – auch wenn es angebracht scheint – nicht sofort die Zähne putzen, sondern besser erst einmal nur mit Wasser oder mildem Mundwasser spülen. Denn der Zahnschmelz ist durch die Säure akut angegriffen und sollte daher nicht weiter durch die Bürste "bearbeitet" werden. Bei der Einnahme von Tabletten ist es wichtig zu beachten, dass die Wirksamkeit der Medikamente durch das Erbrechen eingeschränkt sein kann. Das gilt auch für die Pille (orale Kontrazeptiva).

 

5. Die Ursachen sind oft unerwartet

Die klassischen Ursachen des Erbrechens sind meist Magenverstimmungen. Das kann durch Magen-Darm-Viren, verdorbene Lebensmittel, Vergiftungserscheinungen (etwa durch zu viel Alkoholkonsum) oder Unverträglichkeiten verursacht sein. Typisch ist auch die Schwangerschaftsübelkeit, bei der sich betroffene Frauen gerade morgens oft übergeben müssen. Als Ursache werden bestimmte Hormone vermutet.

Erbrechen kann aber auch ganz unerwartete Gründe haben:

Ein Hirntumor: Das Brechzentrum im Gehirn ist sehr druckempfindlich. Übt ein sich in der Nähe befindender Tumor lokalen Druck aus, kann es zu Brech-Attacken kommen. Diese lassen sich, falls die Ursache entdeckt wird, medikamentös beheben.

Das Innenohr: Unsere Ohren sind nicht nur für das Hören zuständig. Das Innenohr regelt außerdem unseren Gleichgewichtssinn und unser Gespür für Bewegung und Beschleunigung. Das funktioniert gut, solange das empfindliche Organ nicht durch einen anderen Sinn irritiert wird. Etwa wenn wir beim Autofahren lesen und unser Gehirn nicht mehr ganz sicher ist, ob wir uns gerade bewegen oder still stehen. Wissenschaftler haben kürzlich herausgefunden, dass das Gehirn über Signale im Ohr von einer Halluzination durch Vergiftung ausgeht und deshalb einen Würgereiz und Erbrechen auslöst. Deshalb hilft es bei Reiseübelkeit, aufmerksam aus dem Fenster zu schauen und so dem Gehirn immer wieder zu versichern, dass man tatsächlich in Bewegung ist.

Kleines Mädchen hält Kopf aus dem Autofenster
Gerade bei Autofahrten kann Reise-Übelkeit auftreten.© Alamy

Ein Glaukom (Grüner Star): Selbst Ihre Augen können für Erbrechen verantwortlich sein. Müssen Sie sich nicht nur übergeben, sondern haben auch noch starke Augenschmerzen und Sehstörungen? Das können akute Anzeichen für einen Glaukom-Anfall sein. In diesem Fall sollten Sie sich sofort in augenärztliche Behandlung begeben.

Der Blinddarm: Neben Bauchschmerzen, Fieber und Schmerzen beim Gehen ist Erbrechen ein typisches Symptom einer Blinddarmentzündung. Bei starken Druckschmerzen handelt es sich meist um einen Blinddarmdurchbruch. Bei diesen Symptomen sollte sofort der Notarzt alarmiert werden.

 

6. Es gibt eine krankhafte Angst vor dem Erbrechen: Emetophobie 

Betroffene fürchten nicht nur, selbst erbrechen zu müssen, sondern können es auch kaum ertragen, wenn sich jemand in ihrem Umfeld übergibt. Aus Angst, erbrechen zu müssen, vermeiden sie es meist, auswärts essen zu gehen, reisen ungern und entwickeln häufig zusätzlich eine Angst vor Keimen und Bakterien. Kontakt mit Personen, die unter Übelkeit leiden oder sich erbrechen, kann bei Emetophobikern schnell zu einer Panikattacke und anderen Symptomen wie Herzrasen und Kreislaufzusammenbrüchen führen. Die Erkrankung ist nur schwer zu behandeln, eine Psychotherapie ist bei einer ausgeprägten Emetophobie meist der einzige Weg. 

Ängstliche Frau
Bei einer Emetophobie entwickeln Betroffene panische Angst vor dem Erbrechen.© Alamy

Hamburg, 06. Oktober 2016

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