11 Wahrheiten über Bio-Produkte

Sind Bio-Produkte gesünder?
Viele gesundheitsbewusste Menschen in Deutschland kaufen Bio-Produkte. Doch wie gesund sind sie wirklich? Praxisvita beantwortet Ihnen diese und weitere Fragen zum Thema "Bio" © Fotolia

Bio-Produkte sind in Europa seit vielen Jahren ein echtes Boom-Geschäft. Dabei ist vor allem der gesundheitliche Mehrwert von vermeintlichen Bio-Produkten sowohl unter Wissenschaftlern als auch unter den Konsumenten stark umstritten.

Erfahen Sie bei Praxisvita, ob Bio-Produkte tatsächlich gesünder sind, ob ökologisch angebaute Produkte wirklich nicht gespritzt werden dürfen, wer eigentlich die Bio-Standards für Lebensmittel überwacht und welche Bio-Siegel auch echte Bio-Qualität garantieren. Zur besseren Übersicht erklären wir in einer Bildergalerie die zehn wichtigsten Bio-Siegel in Deutschland.

 

1. Ist „Bio“ wirklich gesünder?

Seit Jahren wird auf Grundlage sich widersprechender Studien darüber gestritten, ob Bio-Produkte nun wirklich gesünder sind oder nicht. In einer kürzlich veröffentlichten Studie haben sich Wissenschaftler der Universität von Newcastle dieser Frage angenommen. Die Ergebnisse sprechen für Bio-Produkte, denn nach Aussagen der Forscher gibt es klare Unterschiede zwischen biologisch und nicht-biologisch hergestellten Produkten hinsichtlich der untersuchten Inhaltsstoffe. Demnach enthalten Bio-Produkte bis zu 70 Prozent mehr Antioxidantien – z.B. Stoffe wie Polyphenole, die als vorbeugend gegen Herzkreislauf-Erkrankungen, Krebs und neurologische Krankheiten gelten –, mehr gesunde Carotinoide und mehr Vitamine.

Daneben ließen sich in Bio-Produkten deutlich weniger Schadstoffe feststellen. Im Schnitt enthielten biologisch hergestellte Produkte 48 Prozent weniger Schwermetalle – wie z.B. Cadmium. Auch andere gesundheitsschädliche Stoffe fanden sich in erheblich größeren Mengen in nicht-biologischen Lebensmitteln. In diesen „normal“ hergestellten Produkten waren die Rückstände von Pestiziden – sogenannte Pestizitmetaboliten – im Schnitt viermal, die Nitratwerte um 30 Prozent und die Nitritwerte um fast 90 Prozent höher.

Die Bio-Studie aus Newcastle gilt als die größte Untersuchung von Inhaltsstoffen in Bio-Produkten. Für diese Metaanalyse hatten die britischen Forscher 343 Einzelstudien ausgewertet. Nach Aussagen des Studienleiters kann es „keinen Zweifel“ mehr an den besseren Eigenschaften von Bio-Produkten für die Gesundheit geben.

 

2. Wo darf eigentlich alles „Bio“ drauf stehen?

Nicht jedes gewerblich vertriebene Produkt darf mit dem Prädikat „Bio“ vertrieben werden. Denn seit 1993 sind in Europa Begriffe wie „Öko“, „Bio“, „biologisch“, „ökologisch“ oder „aus kontrolliert ökologischem/biologischem Anbau“ namensrechtlich geschützt und dürfen nur nach ausdrücklicher Genehmigung durch die zuständigen Behörden verwendet werden. Damit eine solche Genehmigung erteilt werden kann, müssen die vermeintlich biologisch hergestellten Produkte entsprechend der sogenannten EG-Öko-Verordnung produziert worden sein. Hier finden Sie die genauen Richtlinien.

 

3. Ist „Bio“ immer ungespritzt?

Die Frage ist nicht mit einem Ja oder Nein zu beantworten, da durch die EG-Öko-Verordnung von 2007 zahlreiche „Ausnahmen“ bei der Herstellung von biologische Produkten eingeräumt wurden. Chemische Behandlungen sind in der Regel verboten.

Grundsätzlich gilt aber z.B. einschränkend, dass im Rahmen von „ökologischem Landbau bis zu einem Anteil von 5 Prozent nichtökologische Zutaten verwendet werden“ dürfen. Zudem sind Ausnahmen bei der Beschaffung und Verwendung von nicht ökologisch angebautem Saatgut und Futtermitteln zulässig, da aufgrund der großen Nachfrage nach Bio-Produkten nicht ausreichend ökologisch produzierte Mengen zur Verfügung stehen.

Ebenso gibt es Ausnahmen bei der Behandlung von Getreide, Gemüse und Obst aus ökologischem Anbau, z.B. beim sogenannten „Spritzen“ mit Pflanzenschutzmitteln. So ist das Behandeln der Bio-Produkte mit Spinosad-Verbindungen, Mikroorganismen, Kupferhydroxid, Calciumhydroxid und anderen chemisch-synthetischen Produkten durchaus gestattet.

 

4. Dürfen in Bio-Produkten noch Schadstoffe enthalten sein?

Bio-Produkte dürfen Schadstoffe enthalten und sie tun das auch. Tatsächlich gibt es in Europa bei ökologisch hergestellten Produkten keine verbindlichen Grenzwerte für Schadstoffe, wie Schwermetalle oder Pestizid-Rückstände. Neue Richtlinien – die Bio-Produkte nicht nur nach der Produktionsweise, sondern auch nach Schadstoffgrenzen definieren – sind auf EU-Ebene zurzeit nicht in Aussicht. Die Verantwortlichen befürchten, dass sonst viele Hersteller – deren Produkte aufgrund des Einflusses von Wasser, Luft oder von nicht ökologisch produzierten Zutaten gewisse Schadstoffe enthalten – vom Bio-Markt ausgeschlossen werden würden.

 

5. Wie „bio“ muss die Anbauumgebung sein?

Produzenten, deren Anbauflächen an Orten liegen, die eine verhältnismäßig hohe Belastung mit Schadstoffen mit sich bringen – z.B. neben Autobahnen, in der Nähe von Industriegebieten oder Großstädten – dürfen in Deutschland Bio-Produkte produzieren. Das heißt, Bio-Produkte können vereinzelt stark erhöhte Schadstoffbelastungen durch Abgase aufweisen.

 

6. Gelten Bio-Regeln auch für Produkte aus dem Ausland?

Die rechtlichen Standards zur Herstellung von Bio-Produkten sind in Europa seit spätestens 2010 – damals wurde das EU-Bio-Siegel eingeführt – einheitlich geregelt. Das bedeutet: Alle in Europa hergestellten Öko-Produkte müssen theoretisch die gleiche Qualität besitzen. Vor dem Hintergrund mangelnder Grenzwerte für Schadstoffe und der damit einhergehenden Abhängigkeit der tatsächlichen Lebensmittelqualität von z.B. Wasser und Luft, variieren die Inhaltsstoffe der Bioprodukte von Land zu Land aber teilweise deutlich.

Für sogenannte Drittländer – aus Sicht der deutschen Behörden sind das alle Länder außer Deutschland und den Ländern der EU – gibt es keine einheitlichen Richtlinien für die Herstellung und Einführung von Bio-Produkten. Manche Länder – wie beispielsweise Australien, Israel oder Indien – gehören zu einer sogenannten Dritt-Länder-Liste. Diesen Ländern unterstellen die zuständigen Behörden, dass dort Bio-Produkte unter Bedingungen hergestellt werden, die denen der EG-Öko-Verordnung ähnlich sind. Solche Länder dürfen ohne weitere Prüfungen und Kontrollen ihre Bio-Waren nach Europa einführen.

Länder, die nicht in dieser Dritt-Länder-Liste geführt werden, können Bio-Produkte nur dann mit einem Öko-Hinweis einführen, wenn sie über eine gültige Vermarktungsgenehmigung verfügen – in Deutschland ausgestellt von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) für einen befristeten Zeitraum von 12 Monaten. Eine solche Genehmigung wird erteilt, wenn die Bio-Produkte nach Öko-Standards entsprechend der EG-Öko-Verordnung hergestellt und kontrolliert worden sind.

 

7. Wer kontrolliert, ob Bio-Standards eingehalten werden?

Jedes EU-Land besitzt Kontrollstellen, die die Regeln der EG-Öko-Verordnung kontrollieren. In Deutschland gibt es 23 zugelassene Öko-Kontrollstellen, die bundesweit agieren. Dabei handelt es sich um private Dienstleister. Für die Kontrolle dieser privaten Dienstleister ist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) verantwortlich. Die Kontrollstellen besitzen jeweils eine dreistellige Code-Nummer. Jedes von einer Kontrollstelle genehmigte Öko-Produkt wird mit einer Kontrollziffer versehen, die mit der Code-Nummer der Kontrollstelle und dem Kürzel „DE-ÖKO“ für Deutschland beginnt.

 

8. Welche Bio-Siegel gibt es?

Alleine in Deutschland gibt es mehr als 100 verschiedenen Bio- und Ökosiegel. Das 2010 eingeführte „EU-Bio-Siegel“ und das „Deutsche Bio-Siegel“ sind offiziell geprüfte Bezeichnungen. Sie sollen den EU-Standard entsprechend der EG-Öko-Verordnung für Bio-Produkte repräsentieren und garantieren. Daneben gibt es viele inoffizielle Bio-Siegel, die häufig – je nachdem, ob der Hersteller von Bio-Produkten die einzelnen Anforderungen erfüllt – zusätzlich zu den offiziellen Bio-Siegel auf den Produkten abgedruckt werden.

Tatsächlich sind die Anforderungen an die Hersteller von Bio-Produkten teilweise erheblich strenger, um Bio-Siegel von Verbänden wie z.B. Demeter, Naturland oder Bio-Kreis zu erhalten. Eine Übersicht über die zehn wichtigsten Bio-Siegel und deren Anforderungen finden Sie in dieser Bildergalerie.

 

9. Wie sicher und vertrauenswürdig ist das Bio-Siegel-System

Produkte, die das EU-Bio-Siegel tragen, sind insofern vertrauenswürdig und sicher, als dass die Herstellung und Kontrolle von Bio-Produkten entsprechend der EG-Öko-Verordnung garantiert ist. Das Kontrollsystem ist in Deutschland engmaschig und zuverlässig.

Die Herstellung und der Verkauf von Bio-Produkten ist ein Geschäftsmodell, das große Gewinne verspricht. Immer wieder kommen deswegen Produkte mit gefälschten Siegeln auf den Markt. Ebenso fanden in der Vergangenheit Hersteller von Bio-Produkten Mittel und Wege Kontrollen zu umgehen und konnten auf diese Weise Bio-Waren verkaufen, die nicht den Standards entsprachen. Dennoch können die offiziellen Bio-Siegel als zuverlässige Orientierung auf dem Bio-Markt bezeichnet werden.

Alternative Bio-Siegel oder sogenannte Bio-Marken von Discountern oder Supermärkten können mitunter sogar strengere Anforderungen an die Bio-Qualität von Produkten stellen – allerdings sind diese Richtlinien selbst gegeben und damit vom Konsumente teilweise nur schwer nachvollziehbar. Eine Übersicht über die wichtigsten Bio-Siegel und ihre Anforderungen finden Sie hier. 

 

10. Wie erkennen Sie gefälschte oder ungeprüfte Bio-Siegel?

Ungeprüfte Siegel sind nach Definition der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im Grunde alle Siegel außer dem offiziellen EU-Bio-Siegel. Ausnahme sind nur die jeweiligen, offiziellen Länder-Siegel, die in den EU-Staaten schon vor der Einführung des EU-Bio-Siegels im Jahre 2010 existierten und nach wie vor verwendet werden dürfen – allerdings nur unter Berücksichtigung der EG-Öko-Verordnung. Alle anderen Öko-Siegel dürfen nach EU-Richtlinien nur ergänzt werden und ersetzen niemals das offizielle EU-Bio-Siegel. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass nur Produkte mit offiziellen Siegeln geprüfte Bio-Standards erfüllen.

Gefälschte Siegel sind dagegen für den Konsumenten kaum zu erkennen, da diese Produkte oft ganz normal im Supermarkt landen und rein äußerlich nicht von den Originalen zu unterscheiden sind. Alleine für Italien – wo es eine regelrechte „Bio-Mafia“ gibt – wird der jährliche Umsatz mit gefälschten Bio-Siegeln auf rund 12 Milliarden Euro geschätzt.

 

11. Wie „bio“ ist Bio-Fleisch?

Für die Herstellung von „Bio-Fleisch“ sind nach der EG-Öko-Verordnung zahlreiche Ausnahmen vorgesehen. So können beispielweise Sondergenehmigungen für die Mindestflächen für Tierhaltung vergeben werden, wenn die Viehhalter aufgrund der Lage und Größe ihres Betriebs nicht in der Lage sind die EG-Vorschriften zu erfüllen. Auf diese Weise sollen vor allem Kleinbetriebe geschützt werden, auch wenn böse Zungen behaupten, dass vor allem große Mastbetriebe diese Lücken im Regelwerk immer wieder zu nutzen wissen.

Daneben ist ein häufiger Irrtum, dass Tiere, die zu Bio-Fleisch verarbeitet werden, nicht mit Antibiotika behandelt werden dürfen. In Wahrheit aber dürfen – und müssen – auch vermeintliche Bio-Tiere antibiotisch behandelt werden, allerdings nach strengen Regeln. Wachstumsfördernde Produkte sind dagegen verboten.

Futtermittel werden zum Großteil ohne Zugaben von Medikamenten verabreicht und dürfen in Deutschland nicht genmanipuliert sein. Ebenso sollte das Futter selbst ökologisch erzeugt sein. Gesetzlich vorgeschrieben ist in dieser Hinsicht ein Anteil von 95 Prozent. Wenn nicht ausreichend ökologisch produzierte Futtermittel beschafft werden können, greifen Ausnahmeregelungen – allerdings kann das den Verlust des Bio-Siegels zur Folge haben.

Hamburg, 16. Juli 2014

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