10 Fragen an mein Knie

Mann mit Knieschmerzen fährt Rad
Ein Schaden im Knie entsteht eher durch Vernachlässigung als durch Verschleiß. Es ist daher nicht entscheidend, das Gelenk zu schonen, sondern es auf die richtige Art zu belasten – z.B. mit Radtouren © istock

Kein anderes Gelenk wird täglich so stark belastet wie unser Knie. Experten wie Dr. Peter Baum, Direktor der Gelenk-Klinik Gundelfingen, verraten, was dem größten Gelenk unseres Körpers gut tut – und was nicht.

Sechs Millionen Menschen in Deutschland leiden unter schmerzhaften Gelenkproblemen. Oft im Knie, denn es ist das am stärksten belastete und gleichzeitig komplexeste Gelenk unseres Körpers. Die Folge: Deutsche Kliniken sind weltweit Spitzenreiter beim Einsetzen künstlicher Kniegelenke.

Eine Untersuchung zeigt jedoch: Mehr als 5000 Patienten pro Jahr bekommen ein künstliches Gelenk ohne medizinische Notwendigkeit. Die Experten sind sich mittlerweile einig: Knieschäden lassen sich in vielen Fällen vermeiden – oder mit den Selbstheilungskräften unseres Körpers wieder beheben. Dabei gilt vor allem eines: Ein Schaden im Knie entsteht viel eher durch Vernachlässigung als durch Verschleiß. Mit anderen Worten: Es geht nicht darum, das Gelenk zu schonen, sondern es auf die richtige Art zu belasten. Hier verraten die Experten zehn Dinge, die jeder für sein Knie tun kann:

1. Warum nützt es meinem Knie, wenn ich die Beine baumeln lasse?

„Vermeiden Sie langes Stehen, denn dann lastet das volle Körpergewicht auf Ihren Knien“, rät Experte Dr. Peter Baum. „Besser immer mal eine Verschnaufpause im Sitzen machen und mehrmals täglich die Beine baumeln lassen. Das fördert die „Schmiere“-Bildung im Gelenk.“ Setzen Sie sich dazu auf einen Tisch, binden Sie Gewichte ans Bein oder ziehen Sie Skischuhe an. Der Knorpel kann sich so verstärkt mit Nährstoffen versorgen. Langsames, starkes Hochziehen der Fußspitzen erleichtert den Abtransport von im Knie gestauter Lymphe.

Beine baumeln lassen für ein gesundes Knie
Die Beine baumeln zu lassen,fördert die „Schmiere“-Bildung im Gelenk© istock

2. Warum darf mein Kniegelenk knacken, jedoch niemals knirschen?

„Das Knacken im Kniegelenk entsteht, wenn die Kniescheibe im Zuge des Streck- und Beugevorgangs in ihrer Gleitrinne verrutscht“, erklärt Dr. Jürgen Walpert, Facharzt für Orthopädie und physikalische und manuelle Therapie der Klinik Fleetinsel in Hamburg. Wenn es dabei nicht schmerzt, ist Knacken unbedenklich. „Das Knirschen hat jedoch eine andere Bedeutung als das Knacken. Es entsteht, wenn über Jahre ein zu hoher Druck im Knie besteht oder der Knorpel geschädigt ist“, sagt Walpert. Er empfiehlt einen einfachen Knirsch-Test, den jeder durchführen kann: „Setzen Sie sich auf einen Stuhl und legen Sie Ihre Hand auf das Knie. Dann strecken und beugen Sie das Gelenk aktiv. Wenn dann das Knirschen deutlich zu hören ist und man zudem das Reiben der Kniescheibe spüren kann, sollte man auf jeden Fall zum Arzt gehen.“

3. Warum ist Joggen nicht der Knie-Feind Nummer Eins?

Entgegen vieler Vorurteile führt regelmäßiges Joggen bei Unverletzten und Normalgewichtigen nicht zu frühzeitigen Verschleißerscheinungen. Viel gefährlicher sind Drehbewegungen – sogar aus dem Auto auszusteigen, kann mit einem Knieband- oder Kreuzbandriss enden. Dreht sich das Knie unter Belastung, sind die den Knorpel schützenden Menisken besonders verletzungsanfällig. Solche Bewegungen sind z. B. typisch für Fußball- und Handballspielen, Skifahren, Squash, Tennis und Rudern. Manche Bewegungsarten sind jedoch auch der Kniegesundheit förderlich: „Bewegung belebt den Stoffwechsel des Kniegelenks, führt Abbaustoffe aus dem Knorpelgewebe heraus und Nährstoffe heran“, weiß Orthopäde Dr. Baum. Besonders kniefreundlich sind Schwimmen oder Wandern, ebenso (Wasser-) Gymnastik. Auch gut: regelmäßige Radtouren zur Arbeit oder zum Einkaufen.

Frau joggt
Entgegen vieler Vorurteile führt regelmäßiges Joggen bei Unverletzten und Normalgewichtigen nicht zu frühzeitigen Verschleißerscheinungen. Viel gefährlicher sind Drehbewegungen © istock

4. Warum würde mein Knie nie den Fahrstuhl nehmen?

Eine effektive Übung für zwischendurch: „Vermeiden Sie jeden Fahrstuhl, den Sie umgehen können“, empfiehlt Knie-Experte Baum. „Entscheiden Sie sich stattdessen fürs Treppensteigen. Jede Stufe stärkt die Muskulatur, belebt den Kniestoffwechsel und beugt damit Osteoporose vor.“ Gleichzeitig wirkt das Treppensteigen einem weiteren wesentlichen Risikofaktor für die Entstehung einer Arthrose oder anderer Kniebeschwerden entgegen: dem Übergewicht. Jedes abgenommene Kilo entlastet die Gelenke zusätzlich.

5. Warum kann ein Darminfekt meinem Knie schaden?

Bei einer sogenannten reaktiven Arthritis greift ein bakterieller Infekt, der ursprünglich in Magen, Darm, Harnwegen oder Geschlechtsorganen lokalisiert war, auf ein oder mehrere Gelenke über – am häufigsten sind davon die Kniegelenke betroffen. Die genauen Mechanismen, die zu einer reaktiven Arthritis führen, sind zum Teil noch unklar. Was die Medizin bislang weiß: Die ersten Beschwerden im Gelenk treten meist erst Tage oder Wochen nach der eigentlichen Infektion auf, was eine Diagnose schwieriger macht. Außerdem sind die Bakterien meist nicht einmal mehr im Gelenk selbst nachweisbar. Die schmerzhafte Gelenkschwellung wird mit entzündungshemmenden Medikamenten, Cortisoninjektionen und lokalen Kälteanwendungen behandelt.

6. Was sind die Lieblingsschuhe meiner Knie?

Als vermeidbare Zusatzbelastung gelten bei Experten übertriebenes Training – und über sechs Zentimeter hohe Absätze. „Statt hoher Schuhe, die das Durchstrecken der Gelenke erschweren, sind flache Schuhe mit weicher Sohle empfehlenswert“, empfiehlt Dr. Baum. „Sie dämpfen die Erschütterungen beim Gehen und schonen die Gelenke.“ Dr. Harald Böhm, Leiter des weltweit renommierten Ganglabors im Behandlungszentrum Aschau, weist außerdem auf ein weiteres Problem zum knieschädlichen Gehen hin: „Bei Fußfehlstellungen wie beispielsweise dem Knick-Senkfuß wird die natürliche Stoßdämpferwirkung des Fußes fast ausgeschaltet. Dadurch pflanzt sich der Kraftimpuls verstärkt nach oben fort, zunächst in die Sprunggelenke, dann in die Knie“, erklärt er. Die Folge: Es kommt frühzeitig zu Abnutzungserscheinungen.

Treppensteigen für ein gesundes Knie
Vermeiden Sie Fahrstühle und entscheiden Sie sich stattdessen fürs Treppensteigen. Jede Stufe stärkt die Muskulatur© istock

7. Was tun, wenn Hinknien zu meinem Alltag gehört?

„Verharrt ein Gelenk länger in einer Position, so wird die Knorpelschicht dauerhaft auf einer Stelle belastet“, weiß Orthopäde Dr. Baum. „Geschieht das häufiger am Tag, so ist dies um ein Vielfaches schädlicher: Der Knorpel verliert dauerhaft Flüssigkeit, wird weniger elastisch und brüchig. Auf längere Zeit gesehen kann dadurch ein Knorpelschaden entstehen.“ Hierbei gilt: Je größer die Kniebeugung, desto höher die Belastung auf die einzelnen Gelenke. Bei einer tiefen Hockstellung wirkt das fünf- bis sechsfache Körpergewicht auf die Kniescheibe ein. Deshalb leiden besonders Handwerker, Fliesenleger und Gewichtstemmer häufig an einer Schleimbeutelentzündung. „Hilfreich sind in diesem Fall kühlende Packungen, gegebenenfalls Schmerzmittel und generell eine Schonung des Gelenks“, so Baum.

8. Wie können winzige Zellen meine Knieschäden reparieren?

Ist ein Knorpel geschädigt, müssen die Ärzte manchmal nur die Selbstheilungskräfte unseres Körpers ein wenig anregen und können dadurch eine fast vollständige Wiederherstellung von geschädigtem Knorpel erreichen. Experte dafür ist z. B. Prof. Dr. Sven Ostermeier, Orthopäde und Unfallchirurg an der Gelenk-Klinik Gundelfingen. „Eine fast vollständige Wiederherstellung erzielen wir mit zwei Methoden: Zum einen mit einer Knorpelzell-Transplantation. Dabei entnimmt der Chirurg an einer anderen Stelle ein Stück gesunden Knorpel. Daraus werden im Labor weitere Zellen gezüchtet. Nach circa sechs Wochen kann der gezüchtete Knorpel wieder eingesetzt werden.“ Die zweite Methode, bei der sich das Knie selbst heilt: „Bei einer sogenannten Mikrofrakturierung wird der Knorpel entfernt und anschließend der Gelenkknochen angebohrt, damit der Körper zellfreies Narbengewebe als Knorpelersatz an dieser Stelle bildet. Mit beiden Verfahren können wir beeindruckende Resultate erzielen.“ Die Behandlungen sind zwar sehr kostspielig, doch die gesetzlichen Kassen übernehmen mittlerweile schon die Kosten für eine Knorpelzell-Transplantation bei einer Knie-Arthrose.

Fliesenleger leidet unter Schleimbeutelentzündung
Bei einer tiefen Hockstellung wirkt das fünf- bis sechsfache Körpergewicht auf die Kniescheibe ein. Deshalb leiden besonders Handwerker, Fliesenleger und Gewichtstemmer häufig an einer Schleimbeutelentzündung© istock

9. Warum kann die Kniescheibe aus dem Gelenk springen?

Klingt erst einmal kurios: Die Kniescheibe, die landläufig als Teil des Skeletts betrachtet wird, springt wohin sie gar nichts zu suchen hat. Beinahe ausschließlich Mädchen und junge Frauen sind von der „Patellaluxation“ betroffen. So nennen es Mediziner, wenn die Kniescheibe aus ihrer Führung herausspringt – und wieder zurückschnalzt. Dafür kann es zwei Gründe geben: Entweder es liegt eine traumatische, unfallbedingte Kniescheibenverrenkung vor. Oder die Kniescheibe springt durch eine anatomische Anlage ohne ein spezielles vorausgehendes Ereignis heraus. Problematisch: Ist die Kniescheibe erst einmal rausgesprungen, macht sie das immer wieder. Deshalb sollte man sich immer in ärztliche Behandlung begeben.

Dr. Peter Baum
Experte Dr. Peter Baum: „Vermeiden Sie langes Stehen, denn dann lastet das volle Körpergewicht auf Ihren Knien."© privat

10. Wie kann eine Hautfalte meinem Knie schaden?

Unter einem Plica Syndrom fasst man einen Symptomenkomplex zusammen, der vor allem aus Schmerzen und Bewegungsbeeinträchtigungen im betroffenen Organsystem besteht. Die Ursache eines Plica Syndroms liegt in einer Hautfalte, die sich nicht, wie sie sollte, im Laufe des Lebens zurückgebildet hat. Im Bereich des Kniegelenks gibt es ebenfalls eine Plica, die sich von der Innenseite des Kniegelenks in mittige Richtung zieht. Im Kniegelenk besteht aufgrund der anatomischen Gegebenheiten nur begrenzt Platz. Die sich nicht vollständig zurückgebildete Plica passt zwar in das Kniegelenk hinein, kann aber durch Reibung und Platzmangel zu Beschwerden führen. Eine Untersuchung beim Orthopäden kann zeigen, ob Beschwerden durch eben diese Hautfalte ausgelöst werden. In diesem Fall kann sie entweder entfernt oder mit Physiotherapie behandelt werden.

Im Interview: Dr. Peter Baum

Der Orthopäde und Sportmediziner Dr. Peter Baum leitet die Gelenk-Klinik Gundelfingen. Mit seinem Ärzteteam behandelt er jedes Jahr über 24 000 Patienten. Er rät zu möglichst viel Bewegung, warnt aber vor kniegefährlichen Sportarten wie Fußball, Squash oder Skifahren – und hohen Schuhen!

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