Wie krank macht mich meine Wohnung?

Luftverschmutzung in den eigenen 4 Wänden
In unseren eigenen vier Wänden sind wir mehr gesundheitsschädlichen Chemikalien ausgesetzt als wir glauben
Ist die Luft in unseren Wohnräumen mit Schadstoffen belastet, tragen wir die Verantwortung dafür häufig selbst: Mit Wasch- und Putzmitteln, Haarsprays und Textilien verpesten wir die Luft, die wir einatmen. Doch wie ist die Luftqualität in einem Haus, bevor der erste Bewohner seine Spuren hinterlässt? Das haben US-Forscher jetzt untersucht – mit schockierenden Ergebnissen.

Für die aktuelle Studie analysierte ein Forscherteam des Silent Spring Institutes im US-amerikanischen Newton Luft- und Staubproben aus Sozialwohnungen in Boston, die alle kurz zuvor nach ökologischen Standards renoviert worden waren. Um herauszufinden, welchen Beitrag die Bewohner eines Gebäudes selbst zur Luftverschmutzung in den Innenräumen leisteten, führten sie die Messungen vor und nach dem Einzug der neuen Mieter durch.

Innenraumlauft schon vor Erstbezug belastet

Die Analyse zeigte, dass die Raumluft bereits vor dem Einzug der Bewohner stark belastet war. Unter den in den unbewohnten Räumen nachgewiesenen Chemikalien waren die beiden Flammschutzmittel TCIPP und TDCPP.

Wie ist das zu erklären? „Die meisten Gebäude werden ohne einen Gedanken an die Gesundheit der Bewohner entworfen“, sagt Studienautor Robin Dodson in einer Pressemitteilung. Die modernen Gebäude sind zwar möglichst energieeffizient, doch eine gesunde Raumluft wird nicht sichergestellt.„Dabei kann die Innenraum-Verschmutzung zu einer Reihe von gesundheitlichen Problemen führen,“ erklärt Dodson. So können die beiden Flammschutzmittel nicht nur die Fruchtbarkeit mindern, sondern werden auch als krebserregend eingestuft.

Die Wissenschaftler vermuten, dass beide Chemikalien im Dämmmaterial vorzufinden sind. Das Team um Dodson stieß allerdings auch in der Luft auf Stoffe, die in herkömmlichen Kosmetikprodukten enthalten sind. Als besonders gefährlich gilt vor allem der Inhaltsstoff Benzophenon, auch unter dem Namen Oxybenzon bekannt. Er wird in Sonnenschutzmitteln, Shampoos, Cremes und Parfüms verwendet. Chemikalien mit diesem Namen gelten als irritierend für Haut und Augen und können allergische Reaktionen auslösen. Tierversuche haben außerdem bewiesen, dass diese Wirkstoffe Geschwüre an Leber und Niere hervorrufen können.

Noch einen weiteren gefährlichen Inhaltsstoff konnten die Forscher in der Luft entdecken: Dibutylphthalat. Der Weichmacher, der oft im Nagellack enthalten ist, könnte in Farben und Bodenversiegelung des Gebäudes Verwendung finden. Wird er eingeatmet, können vorübergehende Beschwerden wie Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen etc. auftreten.

Dicke Luft auch nach dem Einzug

Nach dem Einzug der Mieter änderte sich die Luftzusammensetzung drastisch. Zu den vom Haus selbst ausgedünsteten Schadstoffen kamen weitere Chemikalien wie z.B. der Wirkstoff Triclosan hinzu. Der in vielen Seifen, Zahnpasten und Waschmitteln enthaltene Stoff wird mit Allergien sowie Störungen des Hormonsystems in Zusammenhang gebracht.

Die Konzentration von ähnlichen Weichmachern und Flammschutzmitteln erhöhte sich nach dem Einzug der Mieter. Besonders kritisch: Die meisten vom Forscherteam gemessenen Luftschadstoffkonzentrationen überstiegen die gesundheitlichen Grenzwerte der US-Umweltbehörde EPA.

Die Studie zeigt, dass in erster Linie von dem Gebäude an sich eine hohe Luftverschmutzung ausgeht, auf die Bewohner kaum einen Einfluss haben.

Was kann ich selbst für Luftreinheit in den eigenen vier Wänden tun?

Ein regelmäßiger Luftwechsel in den Innenräumen eines Hauses für das Raumklima und die Gesundheit der Bewohner von enormer Wichtigkeit. Das heißt täglich Durchzug, alle Fenster und Türen weit auf, im Winter reichen wenige Minuten.

Kann ich meine Haut vor Schadstoffen schützen, indem ich sie täglich peele?

Besser nicht, denn wer häufiger als zweimal die Woche peelt, schwächt seine Hautbarriere und macht den Weg frei für Schadstoffe.

Geräte zur Luftreinigung gehören in Asien und den USA zur Standardausstattung in Wohnungen und Häusern. Brauchen wir sie in Deutschland auch?

„Wer an viel befahrenen Straßen wohnt, insbesondere im Erdgeschoss, hat in der Wohnung nahezu genauso hohe Feinstaubwerte wie draußen vor der Tür“, weiß Umwelt- und Gesundheitsforscher Erwin Karg. „So gesehen, sind Luftreiniger auch bei uns durchaus sinnvoll. Wichtig: Das Gerät sollte unbedingt mit einem HEPA-Filter ausgestattet sein. Der holt selbst kleinste Schadstoffpartikel aus der Luft. Achten Sie beim Kauf auf den Energieverbrauch und die Lautstärke des Geräts. Und: Da die Filter regelmäßig ausgetauscht werden müssen, sollte man sich vorab über deren Preis informieren.“