Welche Drogen besitze ich, ohne es zu wissen?

Muskatnus
Nicht mal einen Esslöffel Muskat braucht es, um in einen euphorischen Zustand mit Halluzinationen zu geraten, der tagelang anhalten kann. Schuld ist der Stoff Myristicin
Sie wachsen im Garten, stehen im Gewürzregal oder im Badezimmerschrank – überall im Haushalt können Rauschmittel sein, die wir als solche gar nicht erkennen. Sie können starke Halluzinationen hervorrufen. Schlimmer noch: Von ihnen geht oftmals eine tödliche Gefahr aus.

„Mein Kurzzeitgedächtnis setzte aus, mein Körper fühlte sich gleichzeitig besonders schwer und besonders leicht an, ich konnte nicht mehr zwischen warm und kalt unterscheiden. Drei Stunden später war ich total euphorisch, aber ich konnte mich nicht mehr bewegen. Erst zwei Tage später war ich wieder ganz klar.“ Dieser anonyme User beschreibt in einem Drogen-Forum nicht etwa seinen Heroin-Rausch. Er hat auch kein Ecstasy genommen. Er hat sich in der Küche bedient: Geriebene Muskatnuss hat ihm die starken Halluzinationen beschert. In jedem Haushalt findet sich eine Vielzahl vermeintlich harmloser Stoffe, hinter denen sich in entsprechender Dosierung gefährliche Rauschmittel verbergen. Zahllose Internetseiten und Foren liefern darüber Erfahrungsberichte und Informationen und geben Tipps. Doch Experten warnen, auf den betreffenden Seiten werde lediglich gefährliches Halbwissen verbreitet. Auch Dr. Uwe Stedtler von der Vergiftungs-Informations-Zentrale in Freiburg sagt: „Das Problem ist, dass in Drogen-Foren oft nur beschrieben wird, wo man die Stoffe bekommt und wie toll sie wirken. Eine Erklärung, warum die Stoffe gefährlich sind, erhalten die Jugendlichen aber fast nie im Internet." Deshalb ist die folgende Auflistung keinesfalls als Gebrauchsanweisung zu lesen, sondern sie dient der Aufklärung. Aufklärung, für die den Wissenschaftlern in den Zeiten des Internets kaum Zeit bleibt.

Reisetabletten sorgen für Halluzinationen und Horrortrips

Reisetabletten

Eine Dosis von 400 Milligramm Diphenhydramin kann genügen, um aus dem sonst beruhigend wirkenden Antihistaminilum ein halluzinogenes Rauschmittel zu machen

Bei korrekter Anwendung von Reisetabletten bekämpft das enthaltene Antihistaminikum Diphenhydramin Übelkeit und Schwindel. Es hindert den Botenstoff Histamin daran, aus Druck- und Höhenunterschieden resultierende Reize an das Gleichgewichtsorgan im Innenohr zu leiten, und hemmt das Brechzentrum im Gehirn. Bei einer Überdosis, für die 400 Milligramm Diphenhydramin schon ausreichen, kann der Stoff halluzinogen wirken. Betroffene berichten von Halluzinationen mit Invasionen von Spinnen und anderen Insekten, die unter ihre Haut gekrabbelt seien. Der Verlust des Realitätssinns droht, weil die toxische Überdosis Diphenhydramin das sogenannte anticholinerge Syndrom hervorruft. Dabei wird das Nervensystem gehemmt und der für die Bremsung des Herzschlags zuständige Ruhenerv, der Parasympathikus, weitgehend ausgeschaltet. Die Folge: Herzrasen. Eine besonders häufige Nebenwirkung sind Krampfanfälle. Diphenhydramin ist auch in vielen Schlafmitteln enthalten, die immer wieder für Suizidversuche missbraucht werden.

Morgan Freeman fordert: Gebt das Gras frei!

 

 

Muskatnus wirkt ähnlich wie Ecstasy

Köche reiben sie normalerweise über Kartoffelgerichte oder Eintöpfe, für Junkies aber ist die Muskatnuss die billige Alternative zum teuren Ecstasy. Es braucht nicht mal einen Esslöffel Muskat, um einen euphorischen Zustand mit Halluzinationen, die mehrere Tage anhalten können, herbeizuführen. Das ätherische Öl Myristicin in der Nuss sorgt bei entsprechender Dosierung für den Rausch. Das Zeit- und Raumgefühl verändert sich. Die Nebenwirkungen reichen von Übelkeit und Brechreiz bis hin zu Psychosen. Das in der Muskatnuss enthaltende Safrol gilt als krebserregend und leberschädigend. Myristicin ist ein sogenannter Monoaminooxidase (MAO)- Hemmer, der auch in Antidepressiva vorkommt. Aus ihm produziert der Körper einen Stoff namens 3-Methoxy-3,4- Methylendioxyamphetamin (MMDA), der Meskalin und auch Ecstasy ähnelt. Durch einen Überschuss des Neurotransmitters Serotonin lässt außerdem die Aufmerksamkeit nach, es kommt zu Vergesslichkeit und Verhaltensveränderungen wie Ruhelosigkeit und Muskelzuckungen. Erste Vergiftungserscheinungen treten ab einer Menge von vier Gramm auf, was einer Nuss entspricht. Ab 20 Gramm Muskat sind schwere Delirien und der Herzstillstand möglich.

100.000 Nasenspray-Abhängige in Deutschland

Nasenspray

Xylometazolin – Der Wirkstoff im Nasenspray sorgt dafür, dass die Nasenschleimhäute abschwellen. Lässt die Wirkung des Nasensprays nach, schwellen die Schleimhäute schnell wieder übermäßig an – eine neue Dosis wird fällig

Die erlösenden Spritzer aus dem kleinen Fläschchen: Mehr als 100 000 Deutsche sind abhängig von Xylometazolin – dem Wirkstoff der handelsüblichen Nasensprays. Bei einer Erkältung schwellen die Nasenschleimhäute an. Das „Xylo" schafft Abhilfe. Es bewirkt, dass sich die Blutgefäße in den Schleimhäuten zusammenziehen. Die Blutzufuhr wird verringert, die Schwellung lässt nach – man kann wieder freier atmen. Nasenspray ist nicht verschreibungspflichtig. „Nicht mehr als sieben Tage in Folge verwenden", ermahnt der Apotheker aus gutem Grund. Wird den Schleimhäuten zu lange Xylometazolin verabreicht, kommt es zum sogenannten Rebound-Phänomen. Lässt die Wirkung des Nasensprays nach, schwellen die Schleimhäute übermäßig an – der neuerliche Griff zum Fläschchen ist programmiert. Ein Teufelskreis, in dessen Verlauf die dauergereizten Nasenschleimhäute immer mehr austrocknen. Der Verlust des Riechvermögens kann die Folge sein, wodurch der Geschmackssinn eingeschränkt wird. Haben die Betroffenen keinen Stoff zur Hand, kommt es zu teilweise heftigen Entzugserscheinungen: „Die Abhängigen glauben, keine Luft mehr zu kriegen, sie können ohne das Spray nicht mehr leben", erklärt Christian Paschen, HNO-Mediziner in Tübingen.

Hustensaft

Normalerweise stillt Dextromethorphan (DXM) den Hustenreiz. Nicht so bei einer Überdosis: Dann hat es eine ähnliche Wirkung wie Lachgas und löst Halluzinationen, Verfolgungswahn und Schwindelgefühle aus


Hustensaft soll das Unterbewusstsein erforschen

Wieder eine unruhige Nacht. Der Husten verhindert den Schlaf. Richtig dosiert, verschafft Dextromethorphan (DXM) mit seiner beruhigenden Wirkung Abhilfe. Leert man aber eine Flasche auf einmal, löst der im Hustensaft enthaltene Stoff Halluzinationen, Verfolgungswahn und Schwindelgefühle aus. Das Hormon Dopamin wird ausgeschüttet, die sogenannten NMDA-Rezeptoren werden blockiert. Diese sind für Lernprozesse wichtig, da sie die Leitfähigkeit bestimmter synaptischer Bahnen im Gehirn verbessern. Die Blockade kann zu schizophrenen Geisteszuständen führen. In Drogen-Foren häufen sich Berichte, nach denen der Stoff für extreme psychische Belastungen sorgen soll. Einer der User erklärt das Motiv des DXM-Konsums mit dem Wunsch, „das Unterbewusstsein nach schwierigen Erinnerungen zu erforschen". „Am ehesten ist die Wirkung von DXM mit der von Lachgas und Ketamin zu vergleichen", schreibt der Medizinjournalist und Fachdozent für Pharmakologie Matthias Bastigkeit. Manche Nutzer erzählen, ihnen sei das Zeitgefühl abhandengekommen, andere sagen, sie seien vom eigenen Körper getrennt worden. Langzeitfolge des DXM-Konsums ist die physische Abhängigkeit. Auch Organschäden drohen. Oft verspürt man noch Wochen nach dem Kick Schwindel, Bluthochdruck und Kopfschmerzen. Wann und in welcher Dosierung das DXM wie wirkt, ist wie bei vielen anderen hier aufgelisteten Stoffen davon abhängig, in welcher Menge die Substanz im Hustensaft enthalten und wie die körperliche Verfassung des Konsumenten ist. Genau diese Unsicherheit stellt noch eine zu sätzliche, kaum kalkulierbare Gefahr dar.

Nagellackentferner kann Leukämie verursachen

Nagellackentferner

Der Nagellackentferner wird eingeatmet, über Lunge und Blut gelangt der Wirkstoff Aceton ins Gehirn. Mögliche Nebenwirkungen des Rauschs: Panikattacken, Muskelschwund und Leukämie

Kaum eine Art des Drogenkonsums ist so einfach, so billig und so gefährlich wie das Schnüffeln: Eine Chemikalie mit Lösungsmitteln wird in eine Tüte gefüllt, die Tüte über Mund und Nase gestülpt, und die Dämpfe werden mehrere Sekunden lang inhaliert. Alternativ tröpfeln Jugendliche die Lösungsmittel auch auf Handtücher und drücken diese beim Einatmen vors Gesicht. Sie verwenden dafür acetonhalti gen Nagellackentferner, ethylacetathaltigen Kleber, Farben und Lacke (Propanol), wasserfeste Filzstifte (Toluol oder Ethanol) und Benzin. Beim Schnüffeln nimmt die Lunge etwa 50 Prozent der Gase auf. So gelangen diese dann ins Blut und werden von den roten Blutkörperchen ins Gehirn transportiert. Aceton aktiviert dort den Nucleus accumbens, das Belohnungszentrum. Einige Stoffe wie Propanol setzen im Gehirn Dopamin frei. Das Ergebnis: Glücksgefühle und Halluzinationen, die zwischen zwei und 45 Minuten anhalten. Dabei können diese in so gut wie jedem Haushalt verwendeten Mittel schwerwiegende Nebenwirkungen wie Bewusstlosigkeit, Panikattacken, Taubheit, Muskelschwund, irreversible Hirnschäden, Koma, Leukämie und Atemlähmung haben. Während eine körperliche Abhängigkeit eher selten auftritt, ist eine psychische Sucht weitverbreitet.

Plötzlicher Schnüffel-Tod durch Deo-Missbrauch

Deospray

Tausende Teenager in Deutschland schnüffeln regelmäßig, um high zu werden. Besonders beliebt: Deodorant. Das darin verwendete Butan oder Propangas führt je nach Dosierung zu einem Rausch, der bis zu einer Stunde anhält

Jeder zweite Deutsche verwendet täglich ein Deo, über zehn Millionen benutzen es sogar mehrmals am Tag. Doch nicht alle, um gut zu riechen. Besonders unter Teenagern ist Deospray beliebt. Tausende „schnüffeln" regelmäßig. Das heißt, sie atmen eine hochkonzentrierte Substanz ein, um high zu werden. Das in Deodosen als Treibmittel verwendete Propan- oder Butangas „ist leicht in Fett löslich und verteilt sich deshalb schnell im Gehirn", erklärt Dr. Maren Hermanns-Clausen, Leiterin der Vergiftungs-Informations-Zentrale des Uniklinikums Freiburg. Das Butangas ersetzt den Sauerstoff im Blut, das Gift dringt ins Nervensystem ein, anschließend schüttet der Körper große Mengen Adrenalin aus – der Rausch setzt ein. Zu wenig Sauerstoff im Blut kann aber zu Bewusstlosigkeit führen. Das Sudden-Sniffing-Death-Syndrom droht – der plötzliche Schnüffel-Tod. Bei falscher Dosierung ist eine Lähmung des Atemzentrums möglich, häufig tritt eine Herzrythmusstörung auf. Langfristig führt Propangas zu geistiger Verwirrung, Gehörverlust, Nervenschädigungen, Schäden am Kurzzeitgedächtnis. Um den Rausch zu verstärken, lassen Süchtige das Gas in Plastiktüten strömen. Diese ziehen sie sich über den Kopf und atmen das hochkonzentrierte Gift ein. Wer dann bewusstlos wird, erstickt.

Fentanyl: 100-Mal stärker als Morphium

Fentanyl-Pflaster

Wird das in Schmerzpflastern vorhandene Fentanyl über die Schleimhäute aufgenommen, wirkt es besonders stark. Der Stoff verlangsamt die Atmung: Es droht der Tod durch Ersticken

Im Rachen eines verstorbenen 30-Jährigen findet der Gerichtsmediziner die Reste eines Pflasters. Der Mann hatte es verschluckt und starb den Erstickungstod. Schmerzstillende Pflaster, die Patienten mit Krebs oder Gelenkproblemen verschrieben bekommen, wirken bis zu 100-mal stärker als Morphium. Verantwortlich dafür ist das in den Pflastern enthaltene Fentanyl. Gelangt es über die Haut in die Blutbahn, wird es ins zentrale Nervensystem geleitet, wo sich der Stoff an My-Rezeptoren bindet. Diese werden dadurch blockiert und leiten nun keine Schmerzgefühle mehr an das Gehirn weiter. Die Folge: Der Mensch fühlt sich euphorisch, stark und ausgeglichen. Der Rausch kann einen ganzen Tag anhalten. Da über die Schleimhäute und den Magen aufgenommenes Fentanyl stärker wirkt, lutschen oder verschlucken viele Abhängige die Pflaster. Doch der Fentanyl-Konsum wird oft mit dem Tod bezahlt: Die Substanz verlangsamt die Atmung. Bei einer zu hohen Dosierung bekommt der Mensch nicht genügend Sauerstoff, wird bewusstlos und erstickt. Wie gefährlich der Stoff ist, zeigt auch ein Fall aus Russland: 2002 nehmen Terroristen 850 Menschen in einem Moskauer Theater als Geiseln. Die Polizei setzt über die Lüftungsanlage ein Fentanyl-ähnliches Gas zur Betäubung ein – 129 Menschen sterben.

Felgenreiniger erhöht die Zahl der Vergewaltigungen

Felgenreiniger

Gamma-Butyrolacton (GBL) ist die neue Partydroge. Gering dosiert, sorgt sie für sexuelle Erregung. Das Problem: In größeren Mengen konsumiert, wirkt GBL narkotisierend

„Sex auf GBL ist göttlich!", schreibt der User eines Drogen-Forums. Er schwärmt von dem Konsum der neuen Partydroge GBL – Gamma-Butyrolacton. Die Substanz wird von den Herstellern Reinigungsmitteln zugesetzt. Zwei Milliliter reichen für ein Gefühl sexueller Erregung und Euphoriezustände aus. In höheren Dosen wirkt GBL narkotisch. Der Stoff ist die Vorläufersubstanz der verbotenen Gamma-Hydroxybutansäure (GHB) und wird im Körper zu genau dieser umgebaut. So werden Massen des erregenden Neurotransmitters Glutamat freigesetzt. In den Notaufnahmen häufen sich die Fälle von jungen weiblichen Vergewaltigungsopfern. Ihnen wurde meist in einem unaufmerksamen Augenblick eine narkotisierende Menge GBL ins Getränk gefüllt. Im Gehirn wird dann der sogenannte GABA-Rezeptor – ein bestimmtes Protein in den Nervenzellen – aktiviert, der eine einschläfernde Wirkung hat. Die Täter pushen sich oft selbst noch mit einer geringen Menge des Mittels. Dabei macht es schnell abhängig. „Viele Jugendliche sind süchtig nach GBL, es ist extrem gefährlich", warnt Dr. Maren Hermanns-Clausen. „Jeder Engpass für mehr als eine Stunde treibt mich beinahe in den Suizid. Ich existiere, aber ich lebe nicht", schreibt ein User. Minimalste Fehldosierungen können zu Atem- und Herzstillstand führen, ein Organversagen droht. Gerade in der Kombination mit Alkohol endet der GBL-Trip sehr schnell tödlich, da es zum Erbrechen kommen und dann der Konsument im Schlaf ersticken kann.