Was kann ein High-Tech-Schlafanzug?

Kann ein High-Tech-Pyjama den Schlaf verbessern?
Beim Aufwachen hilft ein Kaffee. Aber kann ein High-Tech-Pyjama den Schlaf verbessern?
Das Start-Up "Third-of-Life" bringt einen High-Tech-Pyjama raus. Er verspricht viel! Klüger, schöner, kreativer und gesünder soll er machen. Unser Redakteur Rasmus Cloes hat ihn getestet.

Regnet es draußen, dann strample ich mit Regenzeug auf dem Rad zur Arbeit. Im Winter hülle ich mich in eine dicke Jacke und ziehe – wenn es so richtig kalt ist – noch eine lange Unterhose an. Vorm Laufen schlüpfe ich in ein atmungsaktives Oberteil und eine enge Laufhose. Nur beim Schlafen, da trage ich seit Jahren Boxershorts und löchrige T-Shirts.

Regenzeug hält mich trocken, eine Winterjacke warm – aber was macht ein Pyjama? Hilft der mir beim Schlafen? Im Gegenteil: Ich finde die Dinger nervig! Denke ich zurück an die seltenen Gelegenheiten, bei denen ich nachts mal einen trug, dann erinnere ich mich mit Schrecken daran, dass sich ständig Ärmel und Hosenbeine verdrehten, er mich an Stellen zwickte, die ich hier nicht nennen möchte – ganz zu schweigen davon, dass ich Schlafanzüge generell ausgesprochen hässliche finde. Man kann es so ausdrücken: Pyjamas und ich, das passt so gut, wie ein Totenkopf-Tattoo auf den Oberarm der Queen.

Doch jetzt liegt auf da auf dem Bett mein erster Schlafanzug. Zumindest der erste, seit meinem grünen Turtles-Pyjama. Aber aus dem bin ich schon so lange rausgewachsen, der müsste bald meinem kleinen Sohn passen. Das zählt nicht. Der Neue ist nicht grün, sondern schillert in verschiedenen Blautönen, einige Bereiche an Brust und Rücken sind dicker gewebt, durch andere kann man fast durchgucken. Der Stoff fühlt sich extrem weich an. Generell sieht der Pyjama aus, als hätten seine Erfinder Laufklamotten mit einem Kaschmirpullover gemischt. Schon mal nicht schlecht.

Mann im Schlafanzug

Der neue Hightech-Pyjama von Third of life verspricht einen besseren Schlaf durch seine Mikrofasern


Schlafanzug mit Mehrwert

Aber auf das Äußere kommt es – wie so oft – nicht an. Auch beim Schlafanzug zählen die inneren Werte. Sie versprechen: In ihm sollen sechs Stunden Schlaf erholen wie sonst die stets empfohlenen acht. Das sagt zumindest der Hersteller „Third of Life“.

Die Firma hat sich zur Aufgabe gemacht einen der letzten un-optimierten Bereiche in unserem Leben zu verbessern. Den Schlaf. Obwohl der etwa ein Drittel unseres Lebens ausmacht – daher auch der Firmenname – kümmern wir uns wenig um ihn. Zumindest solange man nicht unter handfesten Problemen wie Schlaflosigkeit oder dem Restless-Legs-Syndrom leidet.

Ich zähle zur Gruppe der unbekümmerten Schläfer ohne solche Probleme. Abends lege ich mich hin und wache morgens auf – mal bin ich erholt, mal müde. Dass ich daran wirklich etwas ändern kann, außer indem ich früher ins Bett gehe, darüber habe ich bisher noch nie nachgedacht. Anscheinend war das ein riesen Fehler: Denn guter Schlaf, so steht es auf der Homepage von Third of Life, soll mich klüger, schöner, kreativer und gesünder machen. Das ist mal ein Versprechen!

Mehr Leistung durch besseren Schlafanzug?

Und so soll es funktionieren: Ausreichend Schlaf hilft dem Gehirn, am Tag aufgenommene Informationen zu reflektieren, sie im Langzeitgedächtnis abzuspeichern und so besser zu erinnern; verbessert die Kreativität durch einen erhöhten Serotonin- und Dopamin-Spiegel; führt zu einer höheren Konzentration weißer Blutkörperchen, was die Abwehrkräfte und damit die Gesundheit stärkt; lässt die Haut mehr Leptin bilden, was das Abnehmen unterstützt.

Ganz handfest verspricht der Hightech-Pyjama einen besseren Schlaf durch seine Mikrofasern. Die sollen Nachtschweiß schnell von der Haut abtransportieren. So wie es sonst auch Laufbekleidung macht. Das klingt vielversprechend! Ich schlafe mit meiner Freundin unter einer Decke. Grundlegend finde ich das wunderbar. Das Problem ist nur: Wenn es für mich gerade angenehm warm ist, dann höre ich neben mir Zähneklappern und die Beschwerde, dass es furchtbar kalt ist. Fühlt sich meine Freundin wohl, dann liege ich nur noch halb unter der Decke, träume von Eiswürfeln und schwitze vor mich hin.  Wenn der Schlafanzug das verhindern kann, dann hat er bei mir schon mal einen ganz großen Stein im Brett. Klugheit, Schönheit und alle anderen Versprechen können dann warten.

Ich schlüpfe also schnell rein. Was sich von außen weich anfasst, sitzt auch gut. Vom Tragekomfort überzeugt der Anzug. Einziges Problem: Größe L, die mir sonst immer ohne Probleme passt, hat zwar die richtige Länge, schlackert aber an der Hüfte. Die Hose rutscht. Entspannt herumspazieren geht nicht, im Stehen Zähneputzen schon. Aber das Ding ist ja auch ein kein Spazier-, sondern ein Schlafanzug.

Die erste Nacht schläft sich gut. Trotz langer Ärmel und Hosenbeine verdreht sich nichts. Der Hersteller nennt das „Bewe­gungs­frei­heit durch idea­len Schnitt“. Ich weiß zwar nicht, was genau so ideal ist, aber es scheint zu funktionieren. Schwitzen musste ich auch nicht, aber das will noch nichts heißen. Jede Nacht läuft der Schweiß auch bei mir nicht.

Schlafanzug gegen Nachtschweiß

Also kommt am nächsten Abend der Schweiß-Test. Fenster zu geklappt, Heizung angeschaltet und ganz unter die Decke geschlüpft. Meine Freundin freut sich. Ich nicht. Die Nacht ist verdammt warm. Irgendwann wache ich auf. Mein Mund ist trocken wie die Sahara im Sommer. Und: Ja, ich habe ordentlich geschwitzt. Doch gefühlt weniger als es bei den tropischen Temperaturen sein müsste. Der Schlafanzug ist erstaunlich trocken. Keine Ahnung wo das Wasser hin verschwunden es. Mir reicht es: Hauptsache es ist woanders. Da hält der Anzug, was er verspricht.

Paar im Schlafanzug

Das Thema Nachtschweiß gehört mit den Schlafanzügen von Third of life der Vergangenheit an

Doch zur Königsdisziplin! Macht mich der Anzug wirklich klüger, schöner, kreativer und gesünder? Kurz: Werde ich über Nacht zu einem besseren Menschen? Die positiven Auswirkungen von Schlaf, die Third of Life nennt, sind alle mit guten Studien belegt. Auch ist wichtig anzumerken, dass der Effekt ebenfalls in die andere Richtung wirkt: Schlechter Schlaf verringert die Merkfähigkeit, macht einen dicker, schwächt das Immunsystem und auch die Kreativität leidet darunter.

Aber wie merkt man selber, dass einem ein Pyjama beim Schlafen hilft? Einfach anziehen, hinlegen und gucken, wie es einem am nächsten Morgen geht? Da wacht sofort dieser kleine Statistik-Teufel in meinem Kopf auf und brüllt: „Plazebo-Effekt!“ Das heißt, ich würde mich einfach nur besser fühlen, weil ich etwas anders mache und daran glaube, dass mir das hilft. Der Selbstversuch-Engel beschwichtigt: „Probiere ihn einfach. Solange du besser schläfst, genieß es und es wird dir guttun.“ Ich lege mich beruhigt ins Bett.

Doch irgendwann zwischen Einschlafen und entspannt Aufwachen, schreit mein kleiner Sohn. Rüber gehen, Schnuller reichen, kurz beruhigen. Er schläft wieder – ich leider nicht. Stattdessen setzte ich mich noch einmal an den Rechner und frage Google, was beim Schlafen hilft. Es findet sich extrem viel. Eine kleine Auswahl: Man sollte besser alleine im Bett schlafen als zu zweit, das Zimmer muss möglichst dunkel sein und blaues Licht (wie von Laptops und Smartphones) schadet extrem. Schreiende Kinder zählen wohl auch dazu.

Kommt ein kleiner Schlafanzug gegen all diese großen Schlafräuber unseres Alltags an? Ich weiß es nicht. Grübelnd schlafe ich ein. Am nächsten Morgen bin ich müde – aber der Pyjama ist wieder angenehm trocken und fühlt sich schön weich an. Das ist verdammt gut! Alles andere ist nicht so wichtig.

Anbieter: Third of Life

Kosten: Rund 150 Euro für Oberteil und Hose