Sind Traumata ansteckend?

posttraumatische_belastungsstoerung
Traumatische Ereignisse können eine posttraumatische Belastungsstörung auslösen
Sind Stress und Angst ansteckend? Dass man ein Trauma nicht selbst erlebt haben muss, um davon betroffen zu sein, ist schon länger bekannt. Bereits der Kontakt zu Personen, die traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren, kann in unbeteiligten Personen ein ähnliches Trauma-Erlebnis auslösen. Eine posttraumatische Belastungsstörung kann die Folge sein. Eine neue Studie zeigt jetzt, dass die Beobachtung von Stressreaktionen bei anderen ausreicht, um das Gehirn zu verändern und das Phänomen zu verursachen.

Bei Kriegsveteranen kommt sie öfter vor und zahlreiche Terroropfer sind ebenfalls betroffen, sogar Kinder können sie erleiden: Die posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, ist in den letzten Jahren immer wieder zum Thema geworden. Ihr zugrunde liegen immer ein oder mehrere traumatische Erlebnisse der Betroffenen, die sich manchmal innerhalb eines halben Jahres nach der Erfahrung in den ersten Symptomen einer PTBS niederschlagen. Auch in Fällen, in denen traumatische Erlebnisse nicht direkt eine PTBS auslösen, erhöhen sie bei den Betroffenen zumindest das Risiko, später noch daran zu erkranken.

Schwerwiegende Beeinträchtigung im Alltag

Die klassischen Symptome der PTBS sind unter anderen Nervosität, immer wiederkehrende Flashbacks und Angstzustände sowie verstärkte Reizbarkeit. Die Betroffenen müssen sich oftmals einer Verhaltenstherapie unterziehen, um wieder einen geregelten Alltag genießen zu können. Wie Forscher jetzt in einer neuen Studie herausgefunden haben, betrifft die PTBS jedoch nicht nur die Opfer besonders traumatischer Erlebnisse – auch mit ihnen in Kontakt stehende Personen wie Familienmitglieder, Partner, Ärzte und Pflegekräfte können sich mit der Stress-Erkrankung regelrecht „anstecken“.

„Ansteckende“ Angst

Wie läuft eine solche Ansteckung ab? Im Fall der PTBS ist nach aktueller Studienlage anscheinend schon die bloße Beobachtung der Folgen bei Betroffenen ausreichend, um selbst ein höheres Risiko für die Erkrankung zu entwickeln. Im Jahr 2008 führte die RAND Corporation erstmals eine Metastudie durch, die sich mit den Folgen der PTBS bei Ex-Soldaten auseinandersetzte. Die Forscher fanden heraus, dass auch die Soldaten, die zwar kein direktes Trauma erlitten, jedoch von ihren Kameraden Erlebnisberichte gehört hatten, mit einer genauso hohen Wahrscheinlichkeit eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten wie ihre direkt betroffenen Kameraden. In der Metastudie wurde diese Art der Übertragung auch „beobachtete Angst“ genannt. In früheren Studien konnten ähnliche Vorgänge bereits bei Tieren nachgewiesen werden: Tiere, die Angststress bei anderen Tieren wahrgenommen hatten, entwickelten selber eine verstärkte Angstreaktion in anderen Situationen. Eine neue Studie belegt nun, dass bei Anderen beobachteter Stress das eigene Gehirn verändern kann, was die Zusammenhänge zwischen PTBS und Beobachtung stärkt.

Signalübertragung im Gehirn verändert

Die Wissenschaftler führten ein Experiment mit Mäusen durch und verabreichten einer ausgewählten Gruppe leichte Stromschläge, während die andere Gruppe dabei zusah, selber jedoch von den Stromschlägen verschont blieb. Als am nächsten Tag die Gehirne der beobachtenden Mäuse untersucht wurden, zeigte sich, dass der Informationsfluss der Signalübertragung einen anderen Weg nahm als vorher, der beobachtete Stress hatte sozusagen den Informationsfluss der Synapsen umgeleitet. Damit konnte erstmals gezeigt werden, wie eine beobachtete Stresserfahrung bei Anderen das eigene Gehirn umprogrammieren kann. Das erklärt auch, warum Stress und Angst teilweise auch auf Personen ansteckend wirken, die keinen traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren. Die Forscher erhoffen sich nun weitere Durchbrüche bei der Ursachenfindung der PTBS und möglichen Heilungsmethoden.