Schlafmittel für Kinder – Was steckt hinter dem gefährlichen Trend?

von Phyllis Kuhn - PraxisVITA
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10.01.2017
Schreiendes Baby und Mutter
"Wann hab ich eigentlich das letzte Mal durchgeschlafen?" Viele Mütter verzweifeln an ihren nachtaktiven Kindern.
Wenn das Kind nächtelang nicht zur Ruhe kommt, geraten Eltern oft an die Grenzen ihrer Belastung. Sind dann Schlafmittel für Kinder eine geeignete Lösung?

Die meisten Eltern wissen: Zeit mit dem Kind ist das Schönste, was es gibt – es kann aber auch die Hölle auf Erden sein. Auch wenn es viele überforderte Mütter und Väter nur zögerlich zugeben: Ein Kind, das Tag und Nacht weint, quengelt und einfach nicht schlafen will, ist für die gesamte Familie eine Belastungsprobe.

Wenn man dann als Elternteil schon mehrere Nächte in Folge kaum geschlafen hat und beginnt, andere wichtige Dinge (Geschwister, Beruf, Haushalt) zu vernachlässigen, wissen manche Eltern keinen Ausweg mehr. Sie geben ihren Babys und Kleinkindern Schlafmittel, um endlich einmal zur Ruhe zu kommen.

Dass sich die betroffenen Eltern damit auch nicht ganz sicher fühlen, merkt man an den erhitzten Diskussionen, die gerade in vielen Online-Foren für Eltern toben. Überforderte Mütter geben hier zu, ihren Kindern „Zaubertropfen“ zum Schlafen gegeben zu haben:

"Geschmeckt hats ihr nicht, aber wir nennen sie Zaubertropfen und so hat sie das Zeug doch geschluckt. Wer will schon nicht zaubern? Da die Maus ganz heiser ist nach den vielen schlimmen Nächten mit Geschrei, geh ich im Moment den sanften Weg..." (Rund-ums-Baby.de)

"Ich würde gerne mal wieder 8 Stunden schlafen, aber eigentlich will ich meinem Kleinen keine Schlafmittel geben. Nur mein Körper bricht unter der Müdigkeit zusammen. Seit er 2 Jahre alt ist schläft er immer weniger. Die Ärzte sagen mir er ist kerngesund, fit und wahnsinnig intelligent. Er macht nie den Eindruck, er wäre müde. Ich verzweifle." (Mamiweb)

"Ich finde es nicht schön, dass Mütter, die Schlafmittel für ihre Kinder in Erwägung ziehen, so niedergemacht werden. Es geht ja nicht darum, die Kinder für den Rest ihres Lebens damit ruhigzustellen und zuzudröhnen, sondern es wäre für alle Beteiligten sehr hilfreich, wenn man wenigstens mal 2-3 "normale" Nächte hätte...Danach sieht die Welt wieder besser aus." (Rund-ums-Baby.de)

Gefährliche „Zaubertropfen“

Mit den „Zaubertropfen“ sind verschiedene Arten von Schlafmitteln gemeint, meist berufen sich die Mütter dabei auf pflanzliche Arzneien wie Baldriantropfen oder therapeutische Medikamente, die teilweise auch von Kinderärzten verschrieben werden. Was ist davon zu halten? Grundsätzlich ist es gut, zuerst mit einem Kinderarzt zu sprechen, da dieser meistens auch noch Alternativen zum Schlafmittel nennen kann. Allerdings gibt es auch frei verkäufliche Mittel, die Eltern ihren Kindern nach Belieben verabreichen können.

Hier besteht nicht nur die Gefahr der Überdosierung. „Diesen gefährlichen Trend, den Kinderärzte und Wissenschaftler derzeit beobachten, müssen wir stoppen", erklärt die bayrische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege. Melanie Huml. Gleichzeitig warnt sie, dass die Mittel Kinder psychisch abhängig machen und innere Organe wie Leber und Niere schädigen könnten. Insgesamt sei mit „schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen für die Kinder“ zu rechnen.

Dieser Ansicht zum Thema Schlafmittel stimmt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zu: „Es kann - auch in niedrigen Dosen - zum Atemstillstand kommen“, so BVKJ-Sprecher Hermann Josef Kahl. „Ich hätte als Arzt Bauchschmerzen, so etwas zu verschreiben“. Nötig wäre es zudem nur sehr selten: „90 bis 95 Prozent der Kinder sind gesund, haben nur einen anderen Schlafrhythmus.“

Dazu kommt: Künstlicher, also durch Medikament hervorgerufener Schlaf ist nie so erholsam wie natürlicher. Es kann also passieren, dass das Kind tagsüber trotzdem quengelig ist. Da sich der Körper schnell an Schlafmittel gewöhnt, müsste die Dosis außerdem immer wieder erhöht werden, um langfristig nächtlichen Schlaf mit Hilfe von Medikamenten durchzusetzen.

Wie kommt das Kind auch ohne Schlafmittel zur Ruhe?     

Kinderärztin Dr. Nadine Hess rät Eltern, ihren Kindern vor dem Schlafen keine schweren Mahlzeiten mehr zu geben, auch Handy, Fernseher und Tablet sollten eine Stunde vor dem Einschlafen tabu sein. Hilfreich sind eine Wohlfühltemperatur von 16 bis 18 Grad Celsius und feste Einschlafrituale wie Vorlesen aus einem Kinderbuch. Noch mehr Tricks, wie das Einschlafen auch ohne Medikamente klappt, finden Sie in unserem Artikel: Das sind die 6 besten Tipps zum Einschlafen.