Lässt sich Tinnitus durch eine Nackenmassage behandeln?

Tinnitus
Durch Druckausübung auf zwei bestimmte Nackenmuskeln Tinnitus lindern – laut dem Orthopäden Christian Sturm ist das in vielen Fällen möglich
Der Orthopäde Christian Sturm lindert die Beschwerden von Tinnitus-Patienten, indem er auf zwei Muskeln im Nacken herumdrückt. PraxisVITA erklärt, in welchen Fällen diese Behandlung helfen kann.

Das ständige Piepen, Pfeifen oder Klingeln im Ohr empfinden viele als Qual: Tinnitus schränkt die Lebensqualität der Betroffenen oft erheblich ein. Endgültig heilen lässt sich das Phänomen bisher nicht. Doch wenn die Ursache des Tinnitus klar ist, gelingt es zumindest meist, den lästigen Ton zu mindern. Der Orthopäde Christian Sturm von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist zufällig auf einen solchen Auslöser gestoßen – seitdem behandelt er erfolgreich Betroffene, indem er auf zwei kleinen Muskeln in der Tiefenmuskulatur des Nackens herumdrückt. Die entsprechenden Muskeln sind als Musculus splenius capitis und Musculus semispinalis capatis bekannt.

Untere Muskelstränge als Verursacher von Tinnitus?

Ursprünglich behandelte Sturm Kopfschmerzpatienten, indem er als sogenannte manuelle Therapie den Trapezius massierte: Der große Nackenmuskel reicht bis zum Schulterblatt und ist oft für Kopfschmerzen verantwortlich. Bei der manuellen Therapie werden umliegende Muskeln mit einbezogen – unter anderem Musculus splenius capitis und Musculus semispinalis capatis. Dabei kam es immer wieder zu überraschenden Reaktionen: Mal entstand durch den Griff ein Tinnitus bei einer Person, die bis dahin keinen hatte. Umgekehrt wurde der Ton im Ohr bei bereits Betroffenen nach dem Eingriff oft leiser oder verschwand sogar.

Häufig finden Ärzte im Ohr selbst keine organischen Ursachen für Tinnitus. Inzwischen schätzt Sturm, dass bei rund 80 Prozent der Patienten die beiden Tiefenmuskeln als Auslöser infrage kommen. Laut dem Orthopäden entstehen die Beschwerden durch eine Überreizung: Muskeln und Nerven liegen im Nacken eng beieinander. Die Muskeln senden kontinuierlich elektrische Impulse über die eigene Aktivität an das Gehirn. Kommt es zu einer Überlastung – beispielsweise wegen einer dauerhaften Verkrampfung durch eine Fehlhaltung – werden mehr Impulse gesendet. Die dadurch entstehende Überreizung kann sich auf die benachbarten Schaltzentren im Stammhirn übertragen. Dort wiederum sitzen zwei Hirnnervenkerne (Nucleus cochlearis und Nucleus vestibularis), die für Hören und Gleichgewicht verantwortlich sind. Werden auch diese überreizt, entstehen Symptome wie Ohrgeräusche oder Schwindel – obwohl die Hirnnervenkerne mit dem ursprünglich auslösenden Muskel eigentlich nichts zu tun haben.

Forschungsprogramm zur Wirkbestätigung

Wissenschaftlich belegt ist diese These noch nicht. Christian Sturm hat an der MHH daher inzwischen ein Forschungsprogramm gestartet, um seine manuelle Therapie gegen Ohrgeräusche zu bestätigen und sie in die Leitlinien zur Tinnitus-Behandlung eintragen zu lassen. Zwar sei es auch mit dieser Therapie unwahrscheinlich, dass ein Tinnitus vollständig verschwindet. Sturm geht aber davon aus, dass die Beschwerden um bis zu 80 Prozent gelindert werden könnten.

Tipps für den Alltag

Eine gute Möglichkeit, Tinnitus vorzubeugen oder zu lindern, ist eine gerade Haltung, die die Nackenmuskulatur nicht unnötig verspannt: Ziehen Sie die Schultern dafür stets etwas nach hinten, halten sie den Kopf gerade und strecken sie die Brust heraus. Außerdem entspannen sanfte Nackenmassagen die Muskeln – diese sollte man aber von einem Physiotherapeuten oder einem Orthopäden vornehmen und sich erklären lassen, um Fehler zu vermeiden. Extra-Tipp: Das typische nach unten aufs Smartphone blicken sollte möglichst vermieden werden, weil die Nackenmuskulatur dabei mehr arbeiten muss.

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