Kann man gegen bestimmte Geräusche allergisch sein?

Frau hält sich die Ohren zu
Bestimmte Geräusche können bei Misophonie-Betroffenen körperliche Qualen verursachen
Bekommen Sie Gänsehaut, wenn Ihr Gegenüber laut kaut oder schluckt? Dann leiden Sie vielleicht an einer sogenannten Misophonie.

Wir alle kennen diese typischen Geräusche, bei denen sich die Armhaare aufstellen und es einem kalt den Rücken runterläuft: Kreide, die auf einer Tafel quietscht oder ein Messer, das über Glas kratzt. Einige Menschen reagieren allerdings so empfindlich auf bestimmte Geräusche, dass sie körperliche Symptome zeigen. Der Herzschlag wird schnell, die Handflächen schwitzen, der ganze Körper befindet sich beim Hören des Geräuschs im Stresszustand.

In Fachkreisen wird diese Hypersensibilität in Bezug auf Geräusche als Misophonie oder selektive Geräuschempfindlichkeit bezeichnet. Da die Störung noch weitgehend unerforscht ist, gibt es kaum Statistiken zur Anzahl der Betroffenen. Fest steht jedoch: Ihr Leiden ist real. In Internetforen und bei Facebook mehren sich Gruppen von teilweise über 10.000 Betroffenen, die davon berichten, nicht mehr mit geliebten Familienmitgliedern zusammen wohnen zu können, da sie deren Geräusche nicht ertragen. Denn die Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen betrifft meistens nur bestimmte Klänge, etwa Alltagsgeräusche von Mitmenschen wie Kauen, Husten, Nase putzen oder Räuspern. Die Folgen bei den Betroffenen sind Ekel, unkontrollierte Wutausbrüche und körperliche Stressreaktionen.

Die Hintergründe der Störung sind noch unbekannt

Es gilt noch nicht als sicher erforscht, was die Ursachen für Misophonie sind und wie sie behandelt werden kann. Erst im Jahre 2002 wurde die Krankheit wissenschaftlich behandelt. Die beiden Forscher Margaret und Pawel Jastreboff gaben der vermutlich neurologischen Störung den Namen Misophonie, zu deutsch „Hass auf Geräusche“. Eine 2013 erschienene Studie aus den Niederlanden identifizierte Essgeräusche wie Kauen und Schlucken, Atemgeräusche und Niesen als häufigste Trigger für Stressreaktionen bei Misophonie-Betroffenen.

Kopfhörer tragen oder damit leben lernen

Der Internist Dr. Barron Lerner, ebenfalls von einer Überempfindlichkeiten gegenüber verschiedenen Geräuschen geplagt, veröffentlichte im letzten Jahr einen vielbeachteten Artikel in der New York Times zu dem Thema. Er vermutet, dass im Gehirn von Betroffenen mehr Nervensignale zwischen dem auditiven System und dem limbischen System ausgetauscht werden. Letzteres wird mit der Verarbeitung von Emotionen in Verbindung gebracht. Dadurch könnte es auf Dauer zu einer Überreizung kommen. Lerner, der sich als Arzt auch beruflich mit menschlichen Geräuschen befassen muss, rät anderen Betroffenen, sich immer wieder selbst daran zu erinnern, dass Mitmenschen bestimmte Geräusche nicht absichtlich machen. Die besten Möglichkeiten, um den Alltagsstress durch Misophonie zu senken, sind, geräuschdämpfende Kopfhörer zu tragen oder Bewältigungsstrategien zu erlernen.

„Daran gewöhnt man sich nie“

Ein kürzlich zum Thema Misophonie veröffentlichter Dokumentarfilm lässt Betroffene zu Wort kommen. Die meisten davon sind zwar völlig verzweifelt, dennoch sind Misophonie-Erkrankte häufig erleichtert, wenn sie wissen, dass sie nicht die einzigen mit dieser Störung sind. Der Autor des Films "Quiet please" Jeffrey Scott Gould, selbst betroffen, vergleicht die Krankheit mit einer Autoimmunerkrankung, bei der der Körper sich gegen sich selbst wendet: „Mein Herz beginnt zu rasen und ich verspüre plötzliche Wut und Ekel. Es ist wie ein Adrenalinschub. In meinem Körper passieren physiologische Veränderungen, die ich nicht kontrollieren kann. Daran gewöhnt man sich nie“.

Geräusche können aber auch Glücksgefühle erzeugen

Interessanterweise gibt es auch den umgekehrten Fall: Menschen mit ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) erleben intensive Glücksgefühle, sogar Rauschzustände, wenn sie bestimmte Geräusche hören. Im Internet kursieren dazu längere Videos von Bleistiften, die laut hörbar Linien auf Papier malen, Frauen die raschelnd in Magazinen blättern oder einfach nur dem Streichen über eine Wassermelonenschale.

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