Fettleibigkeit: Kann eine Zuckersteuer helfen?

Doughnuts
Sieben Prozent – so viel Mehrwertsteuer zahlen die Deutschen bisher für die meisten Lebensmittel. Ob es sich dabei um gesunde Kost wie Obst und Gemüse handelt oder um Süßigkeiten und Chips, spielt dabei keine Rolle – noch nicht. Ernährungsexperten schlagen jetzt vor, das zu ändern
Mehr Steuern auf Zucker- und Fetthaltiges, weniger auf Obst und Gemüse: Ernährungsexperten schlagen vor, ein Ampel-System für die Besteuerung verschiedener Lebensmittel einzuführen, um die Fettleibigkeit in Deutschland zu bekämpfen. Kann das funktionieren? Und was bedeutet das für die Staatskasse – würde der Fiskus mehr oder weniger einnehmen?

25 Prozent der deutschen Bevölkerung gelten als fettleibig, das heißt, sie haben einen Body-Mass-Index (BMI) von 30 oder mehr. Ein so starkes Übergewicht bringt unter anderem ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und Krebs mit sich.

Die Zahl der Fettleibigen steigt in Deutschland immer weiter an – und so auch die damit verbundenen Kosten für das Gesundheitssystem. Wie lässt sich dieser Trend stoppen? Bisher blieben alle Ansätze weitestgehend erfolglos.

Aus Sicht von Professor Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München, trägt die Politik daran Mitschuld: „Das liegt nicht zuletzt an dem bisherigen Fokus der deutschen Politik, die hauptsächlich an die Verantwortung des Einzelnen appelliert und beispielsweise Kurse zur allgemeinen Aufklärung über gesunde Ernährung finanziert.“

Besserer Ansatz: Lebensmittelpreise anpassen

Stattdessen sollte bei der Finanzierung der Lebensmittel angesetzt werden – so lautet das Ergebnis einer Studie des Hamburger Ökonomen Dr. Tobias Effertz, die unter anderem von der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG) und der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Auftrag gegeben wurde.

Der Ökonom rechnete verschiedene Szenarien durch, bei denen Lebensmittel unterschiedlich besteuert würden und erstellte anhand von Daten aus Befragungen der Bevölkerung sowie Schätzungen zu Preis- und Nachfrageentwicklungen eine Prognose, wie sich solche Steuerreformen auf die Gewichtsentwicklung der Bevölkerung auswirken könnte.

Als am realistischsten und erfolgversprechendsten schnitt dabei ein Ampelsystem ab, bei dem Lebensmittel in drei Gruppen eingeteilt und gestaffelt besteuert werden:

Grün 0%: Obst und Gemüse

Gelb 7%: Normale Lebensmittel wie Nudeln, Milch oder Fleisch

Rot 19%: Produkte mit viel zugesetztem Zucker, Salz oder Fett wie Fertiggerichte, Chips oder Süßigkeiten

Zusätzlich steht die Überlegung im Raum, den Steuersatz für Softdrinks wie Cola von heute 19 auf 29 Prozent zu erhöhen. Mit diesem Steuersystem könnte der Anteil fettleibiger Menschen in Deutschland um etwa zehn Prozent gesenkt werden, so das Ergebnis der Studie.

Verändern Steuererhöhungen wirklich das Ernährungsverhalten?

Aber führen höhere Preise wirklich zu einem Umdenken in der Bevölkerung? Die Erfahrungen der kalifornischen Stadt Berkeley sprechen dafür. Als erste Stadt in den USA beschloss Berkeley im Jahr 2014 eine Extrasteuer auf zuckerhaltige Getränke. Seitdem ist der Verkauf von Softdrinks dort um 21 Prozent zurückgegangen.

Auch die WHO fordert Maßnahmen, die den Bürgern die gesunde Ernährung erleichtern – neben Steuereranpassungen gehört dazu etwa ein Verbot von Lebensmittelwerbung, die sich an Kinder richtet.

Was würde das Steuersystem für die Staatskasse bedeuten?

Wenn Obst und Gemüse niedriger besteuert würden, die Mehrwertsteuer für Fertiggerichte und Süßigkeiten aber stiege – würde der Staat dann mehr oder weniger einnehmen? Die Antwort lautet deutlich mehr, das zeigt schon ein kurzer Blick auf die Umsatzzahlen der verschiedenen Lebensmittelbranchen.

Während der jährliche Umsatz mit Obst und Gemüse im niedrigen Milliardenbereich liegt (2014 etwa 2,7 Milliarden Euro), liegt er schon allein bei Süßigkeiten im zweistelligen Milliardenbereich (rund 12 Milliarden Euro 2010). Würde die Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse wegfallen, läge der Verlust für den Fiskus bei unter einer Milliarde (etwa 0,19 Mrd. Euro).

Würde der Steuersatz für Süßigkeiten erhöht, ergäbe sich für den Staat (bei den bisherigen Umsatzzahlen) schon ein Mehrgewinn von rund 1,5 Milliarden. Dazu kämen Mehreinnahmen etwa aus dem Bereich der Fertiggerichte.

Diese Zahlen relativieren sich natürlich etwas, geht man davon aus, dass die Bundesbürger nach einer solchen Steuerreform mehr Gemüse und weniger Fertigprodukte kaufen. Doch selbst, wenn man mit einer Reaktion der Konsumenten rechnet, die vergleichbar mit der im US-amerikanischen Berkeley ist (die Bundesbürger würden also etwa 20 Prozent mehr Obst und Gemüse und dafür 20 Prozent weniger ungesunde Lebensmittel kaufen), bleibt auf der Mehreinnahmen-Seite ein deutlicher Überschuss für die Staatskasse.

Das könnte einen großen Gewinn für das Gesundheits- und Pflegesystem bedeuten – vorausgesetzt, die Mehreinnahmen würden auch tatsächlich in diesem Bereich investiert.

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