Demenz-Diagnose beim Mittagessen

Demenzpatient beim Essen
Durch Demenz kann das Essverhalten laut einer neuen Studie beeinflusst werden
Neben Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit neigen viele Demenzerkrankte zu ungewöhnlichem Essverhalten. Dies kann in einigen Fällen gefährlich für ihre Gesundheit werden.

Demenz verändert viele Strukturen im Gehirn unwiederbringlich. Das beeinflusst auch das Verhalten. Demenz-Patienten sind oft starrsinnig, cholerisch und reizbar. Ein bisher wenig untersuchtes Symptom ist ungewöhnliches Essverhalten bei Demenzkranken. Gerade Menschen, die an einer sogenannten frontotemporalen Demenz leiden, neigen offenbar dazu, ihre bisherigen Ernährungsgewohnheiten nach der Erkrankung extrem zu verändern. Ein Team von Wissenschaftlern der International School of Advanced Studies (SISSA) in Italien hat die Hintergründe dieser Symptomatik erforscht. Ihre Erkenntnisse wurden im Fachmagazin Neurocase veröffentlicht.

Frontotemporale Demenz ist ein Überbegriff für Krankheiten, die aus einer schrittweisen Zerstörung der Nervenzellen des temporalen und frontalen Lappens im Gehirn resultieren. Diese Bereiche im Gehirn spielen eine wichtige Rolle für unsere Entscheidungsfindung, Verhaltenskontrolle, Emotionen und Sprache. Das Team um Marilena Aielloa und Raffaella I Rumiatia vermutet, dass ein Schaden im Hypothalamus, eine Hirnregion, die unter anderem für Hunger und Durst zuständig ist, die Ursache für das gestörte Essverhalten sein könnte.

Tischmanieren sind vergessen

Die Verhaltensänderungen beim Essen können unterschiedliche Ausprägungen haben:

Einige Patienten vergessen plötzlich jegliche Tischmanieren. Sie beginnen, mit den Fingern zu essen, Essen vom Teller des Nachbarn zu klauen oder Tischnachbarn mit Essen zu bewerfen. Andere entwickeln Vorlieben für bestimmte Lebensmittel, die sie dann obsessiv und ausschließlich zu sich nehmen. Patienten, die zusätzlich unter kognitiven und sensorischen Beeinträchtigungen leiden, neigen auch dazu, Gegenstände mit Lebensmitteln zu verwechseln und versuchen diese zu verspeisen. Beide Verhaltensweisen können gefährlich für den Betroffenen werden, viele von ihnen neigen aufgrund der Essstörungen zu erheblicher Gewichtszu- oder abnahme. Sowohl das Risiko einer Mangelernährung, als auch die Erstickungs- und Verletzungsgefahr durch verschluckte Gegenstände, sollten von Angehörigen und Pflegepersonal nicht unterschätzt werden.

„Diese Verhaltensweisen sind natürlich problematisch, sozial und auch im Hinblick auf die Gesundheit der Patienten“, erklärt Marilena Aiello, Ko-Autorin der Studie. „Der Ursprung der Essens-Anomalie bei frontotemporaler Demenz liegt wahrscheinlich bei vielen Faktoren. Möglich ist eine Änderung im Nervensystem, die sich in einer verfälschten Beurteilung von Körpersignalen wie Hunger, Sättigungsgefühl und Appetit ausdrückt“.

Was steckt hinter der Essstörung?

Die Gründe für diese Prozesse zu ergründen, könnte auch für Patienten von Nutzen sein, die nicht unter einer Demenz leiden. „All diese Mechanismen sind interessant, um die Krankheit besser zu verstehen und optimale Behandlungen gegen die Symptome zu entwickeln“, erklärt Aiello. „Zur gleichen Zeit enthüllen sie Anomalien, die in unterschiedlichen Ausprägungen auch bei sonst gesunden Menschen mit gestörtem Essverhalten zu finden sind. Das könnte hilfreich sein, um Essstörungen auch bei Menschen, die nicht unter Demenz leiden, zu verstehen.“

Wie sollten Angehörige mit Essstörungen bei Demenzkranken umgehen?

Angehörige von Betroffenen stehen vor dem Dilemma, dass sie den häufig ohnehin starrsinnigen Erkrankten deren bevorzugtes Essen wegnehmen müssen oder sie zwingen müssen, andere Speisen zu essen. Gegenstände, die leicht mit Lebensmitteln verwechselt werden können, zum Beispiel Plastikobst, sollten nicht in der Nähe Betroffener aufbewahrt werden. Ansonsten raten Fachverbände wie das Deutsche Grüne Kreuz oder der Wegweiser Demenz zu Geduld, Gelassenheit und einer gewissen Prise Humor.

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Hamburg, 27. Juni 2016