Das Savant-Syndrom: autistische Genies

Savants sind autistische Genies
Das Savant-Syndrom wird auch Inselbegabung genannt: Schon als Kinder haben die meist autistischen Menschen geniale Fähigkeiten in einem Spezialgebiet
Sie rechnen schneller als jeder Computer, können Tausende von Büchern auswendig oder zeichnen Luftbilder von Weltstädten aus dem Gedächtnis. Neurologen nennen sie „Savants" – Wissende. Häufig geht diese Begabung mit Autismus einher. Praxisvita stellt die größten Genies der Welt vor.

Was passierte am 30.10.1981? Wem jetzt spontan nichts einfällt, der muss sich keine Sorgen machen. Das ist ganz normal – menschlich sozusagen. Unser Gehirn kommt schon ins Rotieren, wenn wir überlegen, was wir am vergangenen Dienstag gemacht haben. Wer kann sich schon an einen beliebigen Tag vor über 30 Jahren erinnern? Für Orlando Serrell aus Virginia in den USA ist das kein Problem: „Der 30. Oktober 1981 war ein Freitag, morgens regnete es, am Nachmittag klarte es auf. Ich bin abends ins Kino gegangen. Ich trug ein gestreiftes Sweat-Shirt. Es lief der Film ,Jäger des verlorenen Schatzes’..." Orlando Serrell redet wie aus der Pistole geschossen. Er muss keine Tagebücher wälzen oder in alten Terminkalendern blättern. Er weiß es einfach. Sein Gehirn kann sich an jeden Tag seines Lebens erinnern, seit ihn im Alter von zehn Jahren ein Baseball am Kopf getroffen hatte. Es war, als habe der Schlag eine Tür zum Supergedächtnis geöffnet. Orlando Serrell ist heute über 40. Und mit jedem Tag, mit jedem Monat speichert sein Gehirn mehr Ereignisse, die es nie vergessen wird.

Autistische Genies

Menschen wie Orlando Serrell lassen die Wissenschaftler staunen. Neurologen nennen sie ehrfurchtsvoll „Savants" – das französische Wort für Wissende. Etwa 100 Savants sind weltweit bekannt. Ihre Lebensgeschichten werden erforscht, ihre Fähigkeiten bewundert. 1988 eroberten sie sogar Hollywood. Dustin Hoffman setzte als „Rain Man" den Savants ein Kino-Denkmal. Doch so viel Verehrung gab es nicht immer: Noch vor 40 Jahren nannte man die Gehirnwunder in der Forschung „idiots savants" – frei übersetzt: verrückte Genies. Und tatsächlich zahlen die meisten Savants für ihre Genialität einen hohen Preis: Das Savant-Syndrom geht oft mit Autismus einher. Dieser mysteriösen Krankheit der Seele, die den Betroffenen in seiner eigenen Welt gefangen hält – kaum ansprechbar, kaum mitteilsam. Viele Savants haben sozial nur eingeschränkte Fähigkeiten. Menschen wie Kim Peek. Der 55-Jährige aus Salt Lake City speichert beliebige Daten, wie auf einer internen Festplatte: Melodien, Jahreszahlen, den Kalender, das komplette Fernsehprogramm, diverse Telefonbücher, das Straßennetz der USA – sein Gehirn ist ein gigantisches Archiv. Doch Kim wird nie Autofahren lernen, er kann nicht schwimmen, wird sich nie verlieben. Er ist in der Bewältigung alltäglicher Aufgaben, die uns selbstverständlich vorkommen, auf die Hilfe seines Vaters angewiesen. Ein Wunderknabe, der nicht in der Lage ist, sich die Schuhe zu binden.

Der Mann mit den zwei Gehirnen

Szenenwechsel. Das medizinische Untersuchungszentrum der NASA in Kalifornien. Hier werden normalerweise Astronauten durchgecheckt. Heute ist Kim Peek hier Patient. Die Ärzte schieben ihn in einen Magnetresonanztomografen, um ein Bild von Kims Gehirn zu erhalten. Kann man Genialität sehen? Die Bilder setzen die Forscher in Erstaunen. Kims Gehirn ist absolut einzigartig. Zwischen beiden Hirnhälften, da, wo sich bei jedem Menschen die Verbindungsbrücke, der Corpus callosum, befindet, ist bei Kim nichts. Keine Verbindung. Kims Hirnhälften operieren unabhängig voneinander. Es ist, als habe er zwei Gehirne im Kopf. Das erklärt möglicherweise seine unglaubliche Aufnahmefähigkeit: Kim Peek liest nicht, er scannt Buchseiten. Das visuelle System seines Gehirns erlaubt es ihm, mit dem einen Auge eine Seite und mit dem anderen Auge parallel eine andere Seite zu lesen – und den jeweiligen Inhalt einer Seite in etwa acht Sekunden zu speichern. Einen 1.000-Seiten-Wälzer verschlingt er in etwa eineinhalb Stunden und kann den Inhalt dann Wort für Wort wiedergeben.

Die größten Genies der Welt

Kim Peek, USA, Mega-Savant: Mit 16 Monaten brachte er sich das Lesen bei, mit vier Jahren kannte er vier Bände eines Lexikons auswendig. Kim Peek kann nichts vergessen. Er hat 12.000 Bücher in seinem Gedächtnis gespeichert – Wort für Wort. Er beherrscht den Kalender der vergangenen 2.000 Jahre, kennt jede Verkehrsverbindung in den USA und kann jede Melodie wiedergeben, die er einmal gehört hat. Kim gilt als der einzige Mega-Savant der Welt, weil er mehr als nur eine Super-Gabe hat.

Rüdiger Gamm, Deutschland, Mathe-Genie: Als Kind liebte er Zahlen und Daten. Doch erst mit 20 entdeckte Rüdiger Gamm zufällig seine enormen Fähigkeiten im Kopfrechnen. Seitdem trainiert er täglich. Heute hat sein Gehirn die Ergebnisse von 200.000 mathematischen Zwischenschritten abgespeichert. Kombiniert mit einer Geschwindigkeit von 30 Rechenschritten pro Sekunde ermöglicht ihm das, 30er-Potenzen in Sekunden zu berechnen – so schnell und präzise wie zwei Festplatten.

Stephen Wiltshire, England, Savant-Künstler: Mit zwei Jahren sprach Stephen seine ersten Worte: „Stift, Papier". Seitdem zeichnet er Gebäude, Straßen, ganze Städte. In einem Experiment wird Stephen 45 Minuten über Paris geflogen. Dann hat er 3 Tage, um die Stadt aus dem Gedächtnis auf eine fünf Meter breite Fläche zu zeichnen. Stephen malt exakt die Straßenverläufe, alle Gebäude detailliert und maßstabsgetreu – so präzise wie ein Luftbild. Diese Fähigkeit brachte ihm den Spitznamen „Die lebende Kamera" ein.

Temple Grandin, USA, Tierflüsterin: Als Kind kann die Autistin Berührungen nicht ertragen. Englisch lernt sie erst als Erwachsene – wie eine Fremdsprache. Temple Grandins Welt besteht aus Bildern, nicht aus Worten oder Symbolen. Sie hat die Gabe, sich in die Wahrnehmung von Tieren einzufühlen wie niemand sonst. Heute hält sie Vorträge und designt Viehzuchtanlagen, in denen Tiere keine Angst haben. Menschliche Nähe und Liebe sind ihr fremd geblieben.

Matt Savage, USA, Klavier-Genie: Jede Art von Lärm verwirrt ihn – auch Musik. Matt ist Autist und braucht Ruhe wie die Luft zum Atmen. Doch als er 6 Jahre alt ist, passiert ein Wunder. Über Nacht erwacht sein musikalisches Genie. Er setzt sich ans Klavier und spielt Schubert. Mit sieben wechselt er zum Jazz. Er komponiert, improvisiert und hat mit Jazzgrößen wie Chick Corea gespielt. Matt gilt als Jahrhunderttalent.